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Heute vor 150 Jahren ist das Matterhorn erstmals bestiegen worden. In Vorbereitung auf die Jubiläumsfeierlichkeiten hat der Schweizer Bergsportspezialist Mammut zusammen mit den Zermatter Bergführern in einer Lichterkette die Route der Erstbegeher über den Hörnligrat nach am Mittwoch nachgezeichnet; das Foto vom illuminierten Matterhorn ist am 14. September 2014 entstanden.

Zum Jubiläum

150 Jahre Matterhorn: Bergsteiger Andekdoten

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Bis in 4478 Meter Höhe ragt das Matterhorn in den Himmel, und aufgrund seiner einzigartigen Form zählt es zu den berühmtesten Bergen der Welt.

Vor genau 150 Jahren, am 14. Juli 1865, gelang dem Briten Edward Whymper zusammen mit Zermatter Bergführern die Erstbesteigung. Zum Jubiläum erzählen Bergsteiger Anekdoten von ihren Matterhorn-Erlebnissen.

Dieses verdutzte Gesicht. Dieses Verzweifeln. Dieser Wutausbruch. Wie Reinhold Messner in die Verstehen-Sie-Spaß-Falle tappt: Die Episode mit dem Kiosk am Hörnligrat im August 1999 wird heute noch bei YouTube zigtausendfach als Videoclip angeschaut.

„Ich werde auf keinen Film, der in Zusammenhang mit mir ausgestrahlt wurde, so oft angesprochen wie auf diese Matterhorn-Geschichte“, sagt Reinhold Messner (70) heute. Und der Extrembergsteiger aus Südtirol gibt zu: Was habe ich mich da geärgert!“

Reinhold Messner hat als erster Mensch alle 14 Achttausender bezwungen. Der Südtiroler ist 1999 am Matterhorn in die Falle von „Verstehen Sie Spaß“ getappt. www.reinhold-messner.de

Die Sache war aber auch wirklich geschickt eingefädelt... Mit zwei Jahren Vorlauf hatten die Macher der TV-Sendung „Verstehen Sie Spaß“, damals mit Kurt Felix, über ein Preisausschreiben eingefädelt, dass Reinhold Messner eine Gewinnerin auf den Hörnligrat führt. Als die Seilschaft in der Früh kurz unterhalb der Solvayhütte bog (Messner übrigens ohne Steinschlaghelm, nur mit Zipfelmütze), stand dort ein Kiosk (den die Fernsehleute am Abend zuvor per Hubschrauber positioniert hatten). Und in dem Kiosk verkaufte der Schweizer Ski-Freestyle-Pionier Art Furrer allerlei Krimskrams, von Gipfelknallbomben über aktuelle Illustrierte bin hin zu Reinhold Messners eigenen Büchern. Was der Südtiroler, anfangs noch mäßig amüsiert, überhaupt nicht lustig fand. „Das ist eine Beleidigung für mich – jetzt schreibe ich keine Bücher mehr, ich habe die Nase voll“, wetterte sich Messner so sehr in Rage, dass es höchste Zeit wurde, den Streich per Hubschraubereinsatz (Kurt Felix wurde mit Schampusflasche abgelassen) aufzulösen.

Augustiner-Bier auf Gipfel geschleppt

David Bruder arbeitet neben seinem Beruf als Ingenieur immer wieder als Bergführer. Das Matterhorn gehörte schon mehrmals zu seinen Zielen – auch die Nordwand. www.bergeweise.de

Ebenfalls ins (Schweizer) Fernsehen kam David Bruder. Der 38-Jährige aus München arbeitet hauptberuflich als Ingenieur – und nebenher als Bergführer. Auch das Matterhorn gehört immer wieder zu seinen Zielen. So wie im Sommer 2014, als die Hörnlihütte wegen Umbau geschlossen hatte und Gipfel-Aspiranten 300 Höhenmeter tiefer in einer kleinen Zeltstadt, dem eigens für diese Saison errichteten „Matterhorn Base Camp“, nächtigen mussten. Was viele abschreckte, wie David Bruder von der Hüttenwirtin erfuhr: Die Zermatter Bergführer hätten den Hörnligrat 2014 an genau zwei Tagen geführt, etwa 50 Gipfelerfolge seien im Hüttenbuch verzeichnet – statt normalerweise 1000. Und so kam es, dass ein Team vom Schweizer Fernsehen an jenem stürmischen Septembertag mit Neuschnee händeringend Bergsteiger für ein Interview suchte. Und gezwungenermaßen mit der deutschen Seilschaft vorlieb nahm. „Eine gewisse Skepsis, ob wir wissen, was wir da tun, ist zu spüren“, erinnert sich David Bruder. Was ihn anspornt: „Na, euch zeig ich’s!“ In der Tat. Zwar dauert der Aufstieg mit einem Arzt aus Köln länger als üblich, rund sechs Stunden, aber das Wetter passt. Vor allem: Die beiden stehen ganz allein auf dem Gipfel, in der Sonne! „Mei, oft hast Pech, aber nicht heute – das Wolkenmeer wabert knapp unter uns. Der Hammer“, jubelt David Bruder innerlich. Die Heimfahrt nach Deutschland hat er ebenfalls nie vergessen: Sein Gast Jörg legte eine CD ein, „wir hörten kölsche Karnevalsschlager rauf und runter“.

Ebenfalls eine fröhliche Tour genießt David Bruder ein paar Jahre zuvor mit Stefan aus Spiegelau, den er in flotten dreieinhalb Stunden auf den Gipfel führt. Und der dort ein Augustiner-Bier aus dem Rucksack zieht... „Wir haben es geteilt, trotzdem hat das in der Höhe ganz schön reingehauen“, sagt David Bruder. Der diese Tour übrigens noch wegen weiterer Kuriositäten tief im Gedächtnis bleibt. Einmal wegen dem Trick mit dem Materialdepot. Weil der Bergführer damals gleich mehrmals für den Hörnligrat gebucht war, die schweren Bergstiefel plus Steigeisen und Pickel bei günstiger Wetterlage aber erst ab 4200 Metern Höhe brauchte, legte David Bruder dort ein Materialdepot an. Und absolvierte die ersten 1000 Höhenmeter lieber mit einem leichten Zustiegsschuh. „Da rechnet halt der Ingenieur“, lacht der Münchner, „ein Kilo am Fuß sind wie fünf Kilo am Rücken.“ Machte summa summarum vier Kilo Ersparnis – praktisch, wenn der Hörnligrat gleich mehrmals geklettert wird. Einen Schweizer Bergführerkollegen („Die haben am Matterhorn sowas wie eine eingebaute Vorfahrt“) überholte er dank Gepäckminimierung mit einem Grinsen.

Eine Woche ohne Zahnbürste

Franz Perchtold leitet das Unternehmen „Die Bergführer“ in Ohlstadt. Er geriet am Matterhorn in die Dunkelheit, weil er seinem Gast den Gipfel ermöglichte. www.die-bergfuehrer.de.

Ebenfalls kleines Gepäck trug am Matterhorn Bergführer Franz Perchtold (47) aus Ohlstadt, allerdings unfreiwillig. Und das kam so: Er sollte kurzfristig einem Amerikaner dessen Gipfeltraum erfüllen, „aber er war zu langsam“, so Franz Perchtold. Die Zermatter Bergführer würden in so einem Fall in der Regel knallhart auf die Uhr schauen und umdrehen – nicht so der Ohlstädter. „Da der Amerikaner mir leid getan hat, bin ich trotzdem weiter mit ihm und war auch oben.“ Der Preis dafür: Im Abstieg gerieten beide in Dunkelheit und mussten außerplanmäßig eine weitere Nacht in der Hörnlihütte verbringen. Normalerweise kein Problem, bloß hatte Franz Perchtold schon den nächsten Termin, nämlich am kommenden Morgen um 7.30 Uhr in Zermatt. „Eine neue Gruppe für die Spaghettirunde.“ Was für ein Ding? „Das ist der Name für die 4000er Runde um Zermatt, der Name kommt von den überwiegend italienischen Hütten, auf denen man immer Spaghetti als Vorspeise bekommt.“ Um im straffen Zeitplan zu bleiben, rief er einen zweiten Kollegen (Bergführeranwärter) im Tal an und bat ihn, zum Treffpunkt eine frische Unterhose und eine Zahnbürste mitzubringen. Was der junge Mann dummerweise vergaß. „So bin ich mit den neuen Gästen wieder hinauf und war eine Woche lang mit meinem kleinen Matterhorn-Rucksack unterwegs“, erzählt Franz Perchtold. „Dass ich in dieser Woche nicht so gut gerochen habe, tut mir für meine Gäste immer noch leid.“

Stress durch die Schweizer Bergführer

Michi Wärthl aus Neubiberg liebt extreme Touren, stand 1994 als junger Bursche auf dem K 2 und hat als Bergführer schon mehrmals Leute aufs Matterhorn geführt. www.unterwextrem.de

Die Arroganz der Schweizer Kollegen hat Bergführer und Extrembergsteiger Michi Wärthl (45) aus Neubiberg zu spüren bekommen. Außer der Nordwand (2003) hat er schon mehrfach den Hörnligrat geführt. Und sich über den Stress geärgert, den primär einheimische Bergführer fabrizieren würden. „Unter den Zermatter Bergführern gilt die goldene Regel, dass eine Seilschaft bis Punkt 8 Uhr an der Solvayhütte sein muss. Ist eine Partie später dran, wird umgekehrt“, erzählt Michi Wärthl. Als er selbst mit einem seiner Stammkunden erst um 8.10 Uhr an der 4003 Meter hoch gelegenen Biwakhütte eintraf und nach kurzer Verschnaufpause weitergehen wollte („Es gab überhaupt keinen Grund umzudrehen“), beschimpften ihn ortsansässige Bergführer. „Die Schweizer sind so rücksichtslos, dass sie bei Gegenverkehr den nach oben Kletternden mit den Steigeisen auf die Finger treten“, empört sich der Neubiberger. „Für uns deutsche Bergführer ist die Atmosphäre am Matterhorn oft schwierig.“ Trotzdem rät Michi Wärthl dazu, für eine Matterhorn-Besteigung lieber auf einen (deutschen) Bergführer seines Vertrauens zu setzen. Die seien erstens günstiger (das Alpincenter Zermatt verlangt für Bergführer plus Spesen 1500 Euro) und zweitens entspannter. „Wenn jemand Pech hat, gerät er an einen Bergführer, der das Matterhorn jeden Tag geht, wie am Fließband“, berichtet Michi Wärthl. „Diese Kollegen versuchen, ihre Kunden vorsätzlich platt zu machen, indem sie sehr schnell losgehen und an der Solvayhütte dann sagen: ,Der Berg war möglich, eine Gipfelbesteigung ist aber am Kunden gescheitert‘. Deshalb wird trotzdem das volle Honorar fällig. Das ist nicht fair.“ Er beneidet die durch diese Kommerzialisierung bestens verdienenden Zermatter Bergführer nicht: „Das ist ein eintöniger Job. Mir dagegen stehen die ganzen Alpen offen – ich habe nicht diesen ultimativen Hausberg.“ Dennoch wird Michi Wärthl demnächst wieder zum Matterhorn fahren. Ein langjähriger Bekannter hat ihn gebucht. Für die Nordwand.

Majestät der Alpen: Mythos Matterhorn

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Von Martin Becker

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