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Beeindruckende Szenerie: Blick vom Westgrat des Schafjöchl zu Lamsenjochhütte und Lamsenspitze.

Auf schmalem Grat

Luftige Bergtour im Karwendel

Wer morgens auf der Terrasse der Lamsenjochhütte sitzt, hört außer dem Klappern von Kaffeetassen und Frühstücksgeschirr auch immer wieder das Klirren von Karabinern.

Ja, für Kletterer und Klettersteiggeher ist hier allerhand geboten: Optisch dominiert die markante Lamsenspitze, auf die über die Nordostkante eine alpine Felskletterei im vierten Schwierigkeitsgrad führt, neben dem Einstieg gibt’s den Klettergarten „Dreamland“, dazu zwei Klettersteigrouten auf die Lamsenspitze. Auch auf die Hochnissl führt solch ein Eisenweg – kein Wunder also, dass in jedem zweiten Rucksack Steinschlaghelm und weitere Fels-Utensilien stecken. Aber es geht auch ohne Spezialausrüstung: Dazu muss sich der Bergfex nur genau in die andere Richtung zum 2157 Meter hohen Schafjöchl drehen.

Über 500 Meter heißt’s: Vorsicht!

Leichtsinn wäre es aber, das Schafjöchl als harmlosen Gipfel einzuordnen. Zwar beginnt der Aufstieg keine 100 Meter von der Lamsenjochhütte entfernt, und der gelbe Wegweiserpfeil indiziert auf den ersten Blick einen gemütlichen Spaziergang: Eine Stunde, heißt es, und in der Alpenvereins-Skala ist die Route als rot (gleich mittelschwierig) klassifiziert. In Abgrenzung zu den Touren auf Lamsenspitze oder Hochnissl mag die Abstufung logisch erscheinen, absolut betrachtet aber stecken in der Tour aufs Schafjöchl dennoch ein paar Schwierigkeiten.

Der rote Punkt auf dem Hinweisschild sollte insofern eher als dunkelrot interpretiert werden. Der Anfang ist noch harmlos: Über Wiesen geht’s auf Pfadspuren – zunächst schlecht zu sehen, bald besser ausgeprägt – nordwärts zum Grat hinauf. Die Schwierigkeiten beginnen auf 2090 Metern Höhe, wenn der Steig erstmals von der Süd- auf die Nordseite wechselt. Hatten zuvor schon erste felsdurchsetzte Wegstücke die Schrofen abgelöst, so wird es nun komplett felsig.

Und, da wir uns im Karwendel befinden: Der Fels ist brüchig oder zumindest nicht immer fest! Das heißt, hier ist absolute Vorsicht geboten! Für rund 20 Minuten, denn so lange dauert die etwa 500 Meter lange, oft luftig-ausgesetzte Gratwanderung. Wobei, von wegen Wanderung: Regelmäßig sind Kletterstellen im ersten, bisweilen im zweiten Schwierigkeitsgrad zu bewältigen. Im Alpenvereinsführer Karwendel heißt es: „Über den zerscharteten, schmalen Grat in anregender Kletterei zum Gipfel“. So viel zum Thema „roter Punkt“. Ist diese etwas heikle Westgrat-Passage überwunden, rückt der Gipfel in Sichtweite. Am höchsten Punkt – kein Kreuz, nur ein Mini-Steinmandl – lässt es sich gut rasten: Die Blicke schweifen hinunter ins Inntal, direkt hinab in die Scheiderkarscharte und zum benachbarten Rauhen Knöll im Nordosten – oder zur allgegenwärtigen Lamsenspitze im Westen. Und in der Regel dürfte man hier allein sein.

Für den Rückweg gilt einmal mehr: Jeder Fehltritt wäre fatal. Also wieder 20 Minuten lang Top-Aufmerksamkeit, erst dann ist man auf dem steilen Wiesenhang hinunter zur Lamsenjochhütte in einigermaßen sicherem Terrain. Und bei Weißbier oder Spezi auf der Terrasse sollten sich die Karabiner-Klimperer nicht überlegen fühlen – beim Schafjöchl gibt’s nämlich keine Drahtseilsicherungen...

Martin Becker

SCHAFJÖCHL (2157 M)

ANFAHRT – A 8 München – Salzburg, Ausfahrt Tegernsee. B 318 / B 307 Tegernsee zum Achensee. Alternativ: über Bad Tölz und den Sylvensteinstausee zum Achensee. An dessen Südende durch Maurach hindurch nach Pertisau. Dort am Ortseingang links der Beschilderung zu den Karwendeltälern folgen. 500 Meter nach der Mautstelle links abbiegen ins Falzthurntal in Richtung Gramai-Alm. Ausgangspunkt: Großparkplatz Gramai-Alm (1263 m).

TOUR – Von der Gramai-Alm nach Süden zur Lamsenjochhütte (1953 m, ca. 1,5 Stunden). Von der Hütte etwa 80 Meter auf dem von der Stallenalm heraufziehenden Fahrweg nach Osten – dort markiert ein Wegweiser mit gelben Pfeilen den Abzweig zum Schafjöchl. Der Steig mit spärlichen und verblassten (meist hellroten) Farbmarkierungen verläuft durch südseitiges Almwiesengelände geradewegs in nördlicher Richtung auf die Felsen zu. Anfangs ist der Pfad eher schlecht, schon bald aber besser zu erkennen. Über den teils etwas bröseligen Fels geht es nun nach Osten. Auf 2090 Meter Höhe wechselt der Steig erstmals auf die Nordseite. Nun beginnt der schwierigste Teil der Tour: Etwa 20 Minuten lang verläuft die Route immer am Grat entlang – mal wenige Meter auf der Nord- oder Südseite, öfters auch direkt auf dem Grat. Das Gelände ist klettertechnisch nie wirklich schwierig (I bis II), aber sehr ausgesetzt. Nach dieser rund 500 Meter langen Passage wird ein südseitiger Wiesenhang erreicht: Nun auf Trittspuren weglos, sich immer wenige Meter unterhalb der Gratschneide haltend, zum kreuzlosen Gipfel des Schafjöchl (gut eine Stunde ab der Lamsenjochhütte).
Abstieg: auf der Anstiegsroute.

CHARAKTER – Bis zur Lamsenjochhütte einfache Bergwanderung, danach Bergtour mit einfachen, aber anhaltend ausgesetzten Kletterstellen (I bis II) in nicht immer festem Fels. Ein gutes Gespür für die Orientierung kann nicht schaden, da die Farbmarkierungen auf den Felsen ziemlich verblasst sind.

GEHZEITEN – Aufstieg: 2,5 bis 3 Stunden; Abstieg: 2 Stunden (insgesamt 1000 Höhenmeter).

EINKEHR – Alpengasthof Gramai, 1263 m; Internet: www.gramaialm.at; Lamsenjochhütte des DAV, 1953 m; Internet: www.lamsenjochuette.at

KARTE – Kompass-Karte 26, Karwendelgebirge. Kostenloser GPS-Track bei: www.tourentipp.de

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