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Luftiger Aussichtsbalkon: Nur zehn Meter oberhalb des Karl-Schuster-Biwaks kann man bis München und auch bis Innsbruck schauen.

Wandern im Karwendel

Der 1001-Sterne-Blick

Plötzlich tauchen vor uns zwei Radfahrer mit dicken Rucksäcken auf. Nanu, noch jemand unterwegs in diesem einsamen Teil des Karwendels?

Ein kurzer Ratsch ergibt: Wir haben alle das gleiche Etappenziel – das Karl-Schuster-Biwak unterhalb der Laliderer Spitze. Sechs Übernachtungsplätze gibt es in dieser ultramodernen Biwakschachtel. Und jetzt sind wir schon zu viert auf dem Weg dorthin… Ein paar Stunden und etliche Höhenmeter später leuchtet die achteckige Alu-Konstruktion in der Nachmittagssonne.

Und mit etwas bangen Blicken äugen wir nach oben: Ist schon jemand vor uns da? Müssen wir wegen Überfüllung auf dem Fußboden oder gar draußen nächtigen? Nein, das Einzige, was sich bewegt, sind tibetische Gebetsfahnen im Wind – wir haben das Biwak für uns allein. Ebenso wie am Abend den 30 Gehminuten entfernten Gipfel der Laliderer Spitze (2588 m) sowie tags darauf als Höhepunkt die Dreizinkenspitze (2603 m).

45 Kilometer Gesamtdistanz, knapp 2000 Höhenmeter, teils brüchiges Gestein, an der Dreizinkenspitze Kletterei im zweiten bis dritten Grad: Das sind die Eckdaten für diese Tour. Stramm genug, dass sie nicht überlaufen ist. Aber eben sehr attraktiv für etwas anspruchsvollere Bergsteiger – und deshalb kann es an Schönwetter-Wochenenden in der Biwakschachtel auch mal eng werden. Mindestens 15 Stunden beträgt die komplette Gehzeit für die gesamte Runde, mit (absolut empfehlenswerter) Fahrradunterstützung lässt sich der Zeitaufwand auf zehn Stunden reduzieren – alles ohne Pausen gerechnet! Es ist daher dringend ratsam, die Tour auf zwei Tage zu verteilen. Alles andere würde in Hetzerei ausarten.

Vor allem aber: Die Übernachtung im Karl-Schuster-Biwak ist ein Hochgenuss! Statt Fenstern gibt’s eine Plexiglaskuppel, wodurch sich die Biwakschachtel für die Nacht angenehm erwärmt. Und aus dem Schlaflager heraus kann man 1001 Sterne beobachten. Der Hüttengipfel, die Laliderer Spitze, ist über einen Steig in brüchigem Gestein recht unschwierig in einer halben Stunde erreicht – der Tiefblick fällt ins Laliderer Tal und auf die Falkenhütte. Besonders eindrucksvoll in der Abenddämmerung ist, wenn im Norden München und im Süden Innsbruck leuchten. Weil eine Biwakschachtel keine Hütte ist, muss natürlich alles mit hinaufgeschleppt werden: Essen und, ganz wichtig, genug zu trinken – Wasser gibt es nicht in der Nähe. Am nächsten Morgen geht’s nach dem Genuss des Sonnenaufgangs weiter, vorbei an der Laliderer Wand und einer spektakulären Scharte mit Tiefblick in die Eng, an den Fuß der Dreizinkenspitze. Zum Gipfel gelangt man, trotz Drahtseilen, nur mit solidem Kletterkönnen – die Krönung dieser Spritztour. Der Rest der Runde, die Querung unterhalb der Grubenkarspitze und der Anstieg hinab ins Rossloch, ist bei gutem Orientierungsvermögen prima wanderbar. Im Idealfall hat man im Rossloch sein Fahrrad deponiert, sodass die 16 Kilometer nach Scharnitz – mit Einkehrpause an der Kastenalm – kaum ins Gewicht fallen. Das entspannte Ausrollen nach einer außergewöhnlichen Tour, auf die man sich in jeder Hinsicht (Kondition, Verpflegung, Orientierung) sehr gewissenhaft vorbereiten sollte.

Von Martin Becker

DREIZINKENSPITZE (2603 M)

ANFAHRT – A 95 München – GAP bis Autobahnende. Weiter B 2 über GAP und Mittenwald nach Scharnitz. Dort nach Osten abbiegen zum Parkplatz Karwendeltäler.

TOUR – Vom Parkplatz immer Richtung Osten durchs Hinterautal entlang der Isar bis zu deren Ursprung (11 km). Nun noch einen Kilometer weiter zur Kastenalm. Unmittelbar vor der Alm zweigt links – Schranke – ein passabler Fahrweg ins Roßloch ab. Durch lichten Wald ins hinterste Roßloch (ca. 4 km ab Kastenalm). Bis hierhin (1430 m) kommt man hervorragend mit dem Mountainbike. Letzte Gelegenheit, um im Bach die Wasservorräte aufzufüllen!

Rechts des Bachs beginnt der gut sichtbare Steig Richtung Osten. In rund 1630 Metern lichten sich die Latschen, links des (oft ausgetrockneten) Bachbetts sind Steigspuren erkennbar, und mehrere Steinmandl weisen darauf hin: An dieser Stelle wird nach Norden (links) abgebogen! Also wenige Meter hinunter, dann quert der erstaunlich gute Steig eine Weile nach links, schlängelt sich dann aber rechts hinauf ins Bockkar und hinauf zum Karl-Schuster-Biwak (2495 m). Links oberhalb der Biwakschachtel baut sich die Laliderer Spitze (2588 m) auf – in bröseligem Schotter gelangt man in 20 Min. relativ unschwierig zum Gipfel. In die andere Richtung (nach Osten) geht es weiter zur Dreizinkenspitze.

Ein markanter Steinmann und Trittspuren weisen den Weg: erst kurz hinab, dann zum ersten Aufschwung der Laliderer Wand, die rechts umgangen wird. Nach der Laliderer Wand erscheint die Dreizinkenspitze (2603 m) mit ihren drei Türmen. Direkt links von der Falllinie des Gipfelkreuzes zieht eine Rinne empor. Ein Fixseil erleichtert die ersten Meter in bröseligem Fels. Der wird bald etwas fester, ist zudem mit Metallstiften und Eisenkrampen bestückt. Trotzdem bleibt die Kletterei nicht einfach (II. bis III. UIAA).

Nach dem Abklettern geht es vom Wandfuß nach Südosten hinab zur Scharte zwischen Dreizinken- und Grubenkarspitze. Ab hier helfen rote Markierungen – die Route zieht unterhalb der Grubenkarspitze nach Süden. Wenn ungefähr die Achse zwischen der Roßlochspitze und dem Talausläufer des Roßlochs erreicht ist, knickt der Steig nach rechts (Westen) ab. Mit Blick ins Roßloch geht es in dieses auf einem recht guten Steig (nun seltener markiert). Vom Rossloch auf der Anstiegsroute 16 Kilometer bis nach Scharnitz. GPS-Track zur Route sowie weitere Bilder und Infos bei www.tourentipp.de

GEHZEITEN – Scharnitz – Roßloch 4 Std. (Rad: 1:30 Std.); Roßloch – Biwakschachtel 3,5 Std.; Biwakschachtel – Laliderer Spitze 30 Min.; Biwakschachtel – Dreizinkenspitze ca. 1 Std.; Dreizinkenspitze – Roßloch 2,5 Std.; Roßloch – Scharnitz 3,5 Std. (Fahrrad: 45 Min.).

KARTE – Kompass-Karte 26, Karwendelgebirge.

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