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Im Klettergarten ist Sicherheit und Risikocheck besonders wichtig.

Vorbereitung ist das A & O

Klettergärten: Kraxeln am Naturfels

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Der Begriff klingt etwas niedlich: Klettergarten. Nicht mehr das Bunte-Griffe-Hinaufturnen in der Halle, aber auch kein richtiges Gebirge. Ein Mittelding also, das es keinesfalls zu unterschätzen gilt – Klettergärten können ganz schön knackig sein.

Die Augen tasten das graue Kalkgestein ab. Was taugt als nächster Griff für die rechte Hand? Der faustgroße Steinblock, der sich anböte, wackelt ein bisschen. Ob er wohl hält? Er hält. Ein kräftiger Zug, ein Spreizschritt, noch ein Armzug – die Stelle ist geschafft, der nächste Haken in Sichtweite.

Wir sind in Konstein unterwegs, im südlichen Frankenjura. Wo manche Routen die Namen von Comic-Helden tragen wie Asterix, Obelix oder Lucky Luke. Und die sich ganz anders anfühlen als schwierigkeitsmäßig vergleichbare Kletterhallentouren wie „Biene Maja“ in München-Thalkirchen, wo es immer bloß den gelb-schwarz gepunkteten Kunstgriffen zu folgen gilt.

„Der Fels ist kein gewartetes Sportgerät“, verdeutlicht Stefan Winter, Ressortleiter Breitenbergsport beim Deutschen Alpenverein, den entscheidenden Unterschied zum Hallenklettern. „Die Sicherungssituation wird anspruchsvoller, außerdem sind ökologische Aspekte zu beachten, denn in den Lebensräumen am und um den Fels finden sich seltene Tier- und Pflanzenarten.“

Das bedeutet in der Praxis: nicht einfach drauflosklettern, sondern Nutzungsregelungen und zeitlich befristete Sperrungen zum Naturschutz zu respektieren. Vor allem aber hat das Klettern am Naturfels einen ganz anderen Charakter. Der Routenverlauf passt sich der Felsstruktur an und verläuft, anders als in der Halle, nicht immer gerade hinaus, sondern auch mal im Zick-Zack oder diagonal. Und was die Hakenabstände angeht: Die sind teilweise enorm, in mancher der einfacheren Routen rund um Konstein bewusst groß – hier muss der Kletterer mobile Sicherungsmittel wie Klemmkeile (Rocks), Klemmgeräte (Friends, Camalots) und Bandschlingen einsetzen. Was entsprechende Erfahrung erfordert: den Blick dafür, wo im Fels sich welche Art der Zwischensicherung platzieren lässt.

„Jede Route erfordert einen eigenen Risikocheck: Wo sind Möglichkeiten zum Abseilen und Standplatz einrichten?“, erklärt Winter. Zu differenzieren ist dabei zwischen sogenannten eingerichtete Felsklettergärten, in denen die Erschließer oder Betreiber systematisch immer die gleiche Hakenabsicherung angebracht haben, und gewachsenen Klettergärten, in denen im Lauf der Jahre von verschiedenen Personen immer wieder eine neue Route individuell erstbegangen und abgesichert wurde. Hier muss man die Topos, also der Zeichnungen der Routen, richtig lesen und die Infos interpretieren können (daheim wie vor Ort).

Im Klettergarten ist Vorbereitung das A&O

Die solide Vorbereitung gibt Antworten auf diese Fragen: Welches Sicherungsmaterial wird benötigt? Ist man der Route vom Können her gewachsen? Sollte ein Helm getragen werden? „Bei weiten Hakenabständen, Steinschlaggefahr und für Anfänger ist er Pflicht“, findet Winter. Das alles klingt schon ein bisschen nach Gefahr, nach alpiner Klettertour. Was die Frage aufwirft: Warum heißt der Klettergarten eigentlich so?

„Klettergärten sind vor allem in niedrigen bis mittleren Lage der Mittelgebirge zu finden. Die liebliche Landschaft mit vielen Bäumen, Gräsern und auch Blumen hat so den Namen entstehen lassen. Im Gegensatz zum Hochgebirge, wo ab 1800 Meter Höhe kaum bis gar kein Grün mehr zu finden ist“, sagt Winter. „Dennoch kommen in den Grundlagen dieselben Sicherungsmethoden zum Einsatz, was den Ernst der Lage ausdrückt. Im Klettergarten kann man genauso abstürzen wie in der Nordwand der Großen Zinne in den Dolomiten.“ Anders als im „richtigen Gebirge“ sind freilich die kürzere Zustiegszeit (bei unserem Klettergartenbesuch in Konstein teils unter fünf Minuten) und die einfachere Rückzugsmöglichkeit bei Schlechtwetter.

„Die Anforderungen im Klettergarten sind vielschichtiger als in der Halle, das Klettern ist komplexer“, weiß auch Olaf Perwitzschky, Redakteur vom Fachmagazin Alpin. Sein Kollege Olaf Leuchsner von Klettern ergänzt: „Die Psyche ist mehr gefordert – das Klettern reduziert sich nicht nur auf Kraft und Bewegung.“

Psyche heißt übrigens nicht nur, die Nerven zu bewahren, wenn die Haken spärlich gesetzt sind an man bis zur letzten Zwischensicherung plötzlich 15 Meter Luft unter den Füßen hat. Sondern auch, am Ende der Tour hochkonzentriert zu sein: Welche Art der Umlenkung befindet sich am Ausstieg? Bei Schnappkarabinern wie in der Halle muss man sich bloß einklinken und lässt sich abseilen – oft aber muss das Seil durch einen Ringhaken gefädelt werden. Das heißt konkret: sich selbst sichern, das Seil fixieren und es vom eigenen Gurt lösen, es durchfädeln und sich wieder korrekt einbinden. Mehrere Aktionen also, die Potenzial für Fehler beinhalten.

Fazit: Der Klettergarten ist anspruchsvoller als er klingt.

Martin Becker

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