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Nach seinem Tod kam der Film "Cliffhanger" in die Kinos - Wolfgang Güllich hatte Sylvester Stallone gedoubelt.

Klettern in einer neuen Dimension

Freizeit aktiv: 25 Jahre „Action Directe“ durch Wolfgang Güllich

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Wäre er nicht 1992 bei einem Autounfall tödlich verunglückt: Wer weiß, in welche Dimension Wolfgang Güllich das Klettern noch geführt hätte? Vor 25 Jahren, am 14. September 1991, setzte er mit der Route „Action Directe“ einen Meilenstein.

Erstmals kletterte ein Mensch den elften Schwierigkeitsgrad. Nur 19 Kletterer haben danach die Extremroute im Frankenjura bewältigen können.

„Leben in der Senkrechten“ lautet der Titel der in Wort und Bild mitreißenden Biographie von Tilmann Hepp aus dem Jahr 1993. Das trifft es, mindestens: Wolfgang Güllich hatte sein ganzes Lebens aufs Klettern ausgerichtet. In steilsten Wänden. Meist im Überhang.

Die Krönung seines unfassbaren Könnens war 1991, nach langer und sorgfältiger Vorbereitung, die Route „Action Directe“ im Frankenjura. Der elfte Schwierigkeitsgrad galt bis dahin als unkletterbar, nicht vorstellbar. Wolfgang Güllich löste die Illusion auf, führte das Klettern in eine neue Dimension. Und war mit seiner Einstellung, wie er trainierte und sich auf Kletterprobleme fokussierte, ein Wegbereiter dazu, dass Klettern ab 2020 olympisch wird.

Diese wenigen, aber extremen Züge bei „Action Directe“: Güllich achtete aufs kleinste Detail, ließ sich sogar seine sonst schulterlangen Haare ausnahmsweise kurz schneiden. „Er wollte damit den Luftwiderstand beim Einstiegssprung verringern“, erinnert sich der Fotograf und langjährige Wegbegleiter Gerhard Heidorn, der die Pionierkletterei damals dokumentierte.

Für die Kletterer-Generation der 1980er Jahre war Wolfgang Güllich, neben seinem WG-Genossen und Rotpunkt-Stil-Begründer Kurt Albert, das Idol schlechthin, vergleichbar mit Pelé oder Franz Beckenbauer im Fußball. Und er ist, auch nach seinem Tod, bis heute ein Vorbild geblieben.

In eine neue Dimension hat Wolfgang Güllich das Klettern gebracht, als er am 14. September 1991 im Frankenjura die Route "Action Directe" kletterte - es war weltweit die erste Route im elften Schwierigkeitsgrad; sie wurde bis heute nur 19 Mal wiederholt.

Zum Beispiel für Alexander Megos (23) aus Erlangen, einen der aktuell besten deutschen Sportkletterer, der sich 2011 aus dem Wettkampfgeschehen verabschiedet und, ähnlich wie Güllich, seine Herausforderungen weltweit im Naturfels gefunden hat. „Wolfgang Güllich und seine Hinterlassenschaften im Klettersport waren große Inspiration und Anreiz für mich“, sagt Megos, dessen Vater einst sogar einen Uni-Kletterkurs mit Güllich absolviert hatte. Route für Route wagte sich Alexander Megos an die Güllich-Touren im Frankenjura. „Action Directe“ indes sparte er lange aus – bis 2014, als ihm auch diese Fingerlochzüge glückten. „Diese Route blieb immer etwas Besonderes, ich hatte großen Respekt und Ehrfurcht davor“, berichtet Alexander Megos. In der Nachbetrachtung äußert sich Megos bewundernd über die Kletter-Legende Güllich: „Ganz klar, Wolfgangs Leistung war absolut außergewöhnlich und herausragend für die damalige Zeit. Seine Vision und sein Können waren seiner Zeit weit voraus. Auch heute noch ist ,Action Directe‘ eine Messlatte für Kletterer aus aller Welt.“

Hinzu komme, ergänzt Megos, das die heutige Routenvariante sich von der an jenem 14. September 1991 sehr unterscheide. „Seine Variante vor 25 Jahren war nochmal ein ganzes Stück härter, was Wolfgang Güllichs Leistung noch herausragender macht.“

Güllich hatte sich auf minimalstgriffige Fingerlochklettereien spezialisiert, hier in der Frankenjura-Route "Manget" im Jahr 1986.

Auch Reinhold Messner, Extrembergsteiger aus Südtirol und als erster Mensch, der alle 14 Achttausender bestiegen hat, ebenfalls ein Pionier des Alpinismus, outet sich als „begeisterter Güllich-Anhänger“. „Er hat vorweggenommen, was man klettertechnisch mit Geschick erreichen kann. Mit der Route ,Action Directe‘ hat Wolfgang Güllich bewiesen, dass er der Kletterszene 25 Jahre voraus war“, findet Reinhold Messner. Der 71-Jährige hebt hervor, dass Güllich „genial trainiert hat und damit zeigte, dass das Niveau noch ungeahnt weit nach oben geht“. Die von Güllich benutzte Schwierigkeitsskala des Bergsport-Weltverbands UIAA reicht heute bis zum Grad XI+. Ein bisschen differenzierter strukturiert ist die französische Skala mit 9b+ als Limit, was in der UIAA-Norm wohl ein zwölfter Grad wäre. Extremrouten im Sinne eines Wolfgang Güllich, die heute von Spitzenathleten wie dem Tschechen Adam Ondra (der 2008 auch „Action Directe“ schaffte) geklettert werden.

Wolfgang Güllich legte die Messlatte Jahr für Jahr höher, bis zum 45-Grad-Überhang von „Action Directe“ mit den Mini-Löchern für maximal das erste Fingerglied. Ob ihm, der Wettkämpfe eher gemieden hatte, Olympische Spiele getaugt hätten? Vermutlich kaum. Zumal es 2020 in Tokio zu einem Kletterdreikampf aus Speed, Bouldern und Seilklettern (Lead) kommt. „Dieses Format ist in meinen Augen nicht sinnvoll, und da werden mir 99 Prozent aller Kletterer zustimmen“, sieht Alexander Megos den Olympia-Modus sehr kritisch. Reinhold Messner findet: „Olympia ist mir grundsätzlich egal. Schade, dass man jetzt das Klettern mit hineinzieht.“ Hochleistungssport bleibt es trotzdem.

"Güllich war ein Wegbereiter des Kletterns Richtung Olympia"

Interview mit Wolfgang Wabel, beim Deutschen Alpenverein zuständig für den Bereich Leistungssport:

Herr Wabel, 25 Jahre nach „Action Directe“ wird Klettern nun olympisch. Inwieweit ist das auch ein Verdienst von Wolfgang Güllich? 

Wolfgang Wabel: Wolfgang Güllich war in den 1980er Jahren und bis zu einem Tod 1992 sicherlich der beste Sportkletterer in Deutschland und einer besten weltweit. Durch die professionelle Trainingsarbeit und die Umsetzung seiner Leistungsfähigkeit auf schwierigsten Felsrouten verschob er das Schwierigkeitslevel im Sportklettern mehrmals nach oben. Obwohl Güllich kein klassischer Wettkampfkletterer war, hat er durch seine Trainingsweise, seine Erstbegehungen, seine schriftlichen und verbalen Äußerungen zum Klettersport und durch seinen Charakter als sympathischer und fairer Sportler das Klettern auf die nächste Stufe gehoben und in die Öffentlichkeit gebracht. Damit war er auch ein Wegbereiter des Kletterns in Richtung Olympia.

Am Tag vor Beginn der Olympischen Spiele in Rio hat das IOC beschlossen, dass ab 2020 in Tokio um olympische Medaillen geklettert wird. Wie genau soll das aussehen?

Wabel: Es wird eine Gesamtwertung aus den drei Disziplinen Bouldern, Lead – also Vorstiegsklettern mit Seil – und Speedklettern geben. In Anlehnung an Triathlon also eine Art Climbathlon. Diese neue Gesamtdisziplin wird nun international ihren Platz finden: Wie qualifiziert man sich für Olympia? Zugelassen sind je 20 Männer und Frauen. Die Aufgabe der nächsten Monate wird sein, einen Modus zu entwickeln.

Nun ist die Kletterszene recht spezialisiert. Zwischen Bouldern und Leadklettern gibt es am ehesten eine größere Schnittmenge, das Speedklettern dagegen ist eine Nische für sich. Wie wird die Gewichtung sein? Passt das überhaupt zusammen? 

Wabel: Fakt ist, man wird alle drei Disziplinen beherrschen müssen. Dieser Overall-Modus ist schon seit Jahren in den deutschen Jugendmeisterschaften verankert, damit sich niemand zu früh spezialisiert. Für Olympia könnte ich mir eine gewisse Evolution der Disziplinen vorstellen. Beispielsweise einen Modus wie bei einer Pyramide, bei dem jeden Tag eine andere Disziplin ausgetragen wird und nur die Besten weiter in die nächste Runde kommen.

Also zuerst das von vielen Kletterern belächelte Speedklettern, dann vielleicht Bouldern, und am Schluss ermitteln die Finalisten im Schwierigkeitsklettern mit Seil, das für Fernsehzuschauer am nachvollziehbarsten und attraktivsten wäre, den Olympiasieger? 

Wabel: Ja, das wäre eine Möglichkeit,

Wo rangiert aus deutscher Sicht das organisierte Wettkampfklettern im internationalen Vergleich?  

Wabel: Im Bouldern sind unsere Athleten Weltklasse, beim Leadklettern unter den Top 12. Im Speedklettern sind wir von der Spitze weit entfernt.

Wie finden Sie die richtigen Kletterer für Tokio? 

Wabel: Die Zulassung für Olympia wird dem Klettersport einen Riesenschub geben, nicht nur in der Leistungsspitze, sondern auch in Schulen, Kindergärten und den vielen Kletterhallen. Wir glauben, dass viele junge Talente sich entwickeln werden – die müssen wir entdecken und fördern. Zum Beispiel mit einem stärkeren Qualifizierungssystem, mit mehr Trainerstellen, mit besserer Trainerausbildung. Aktuell gibt es in Deutschland etwa 2000 Lizenzkletterer. Das beste Hochleistungsalter liegt zwischen 17 und 24 Jahren.

Von Martin Becker

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