Eine Familie auf einer Via Ferrata mit Seilbrücke. Klettersteig-Sets sind für 80 Kilo schwere Personen konzipiert. Auch für leichte Erwachsene stellt das eine Gefahr dar.

Klettersteig-Sets: Unter 30 Kilo wird's lebensgefährlich

Jedes Jahr werden in den Alpen rund 30 neue Klettersteige eingerichtet, mit Bohrhaken, Sicherungsseilen und künstlichen Tritthilfen.

Der Deutsche Alpenverein (DAV) schätzt die Zahl der Klettersteig-Geher hierzulande bereits auf 500 000 – darunter auch Kinder. Doch besonders die kleinen Klettermaxen begeben sich in große Gefahr.

Alpenverein warnt: Klettersteig-Sets sind für Kinder nicht geeignet

Grund sind die Klettersteigsets, die tödliche Stürze eigentlich verhindern sollen. Um die gesetzliche Norm zu erfüllen, müssen die Dämpfungselemente der Sets den freien Fall eines 80-Kilo-Gewichts dynamisch auffangen, sodass keine verletzungsträchtig hohen Kräfte entstehen. Der Alpenverein hat nun getestet, ob ein handelsübliches Bandfalldämpfer- Set auch bei leichtgewichtigen Personen den für ein sanftes Auffangen ausreichenden Bremsweg entfaltet – mit erschreckenden Ergebnissen.

Bei fünf Meter Fallhöhe (im Klettersteig möglich) und einem 49 Kilo schweren Dummy ist der Bandfalldämpfer durchschnittlich um lediglich 15 Zentimeter aufgerissen, obwohl die maximale Reißlänge (und damit der mögliche Bremsweg) 120 Zentimeter beträgt. Bei einem 15 Kilo leichten Kinderdummy ist der Dämpfer sogar nur zwischen null und drei Zentimeter weit aufgerissen!

Das führte zu enormen Beschleunigungskräften, die auf die Halswirbelsäule der Dummys einwirkten: Als das Klettersteigset den Körper ruckartig auffing („Fangstoß“), wurde der Kopf des 49-Kilo-Dummys mit dem 13- bis 49-Fachen der Erdbeschleunigung verrissen. Beim Kinderdummy war es sogar das 43- bis 67-Fache! Zum Vergleich: Der auf 80 Kilo ausgelegte Normgrenzwert sieht maximal die zwölffache Erdbeschleunigung vor.

Chris Semmel, Leiter der DAV-Sicherheitsforschung, erklärt: „Bei Personen unter 50 Kilo werden Werte erzielt, die gesundheitsschädlich sind.“ Mögliche Folgen seien ein Schleudertrauma oder eine Lungenquetschung. „Bei noch leichteren Kindern funktionieren die Bremsen schlicht und ergreifend nicht mehr“, warnt Semmel. „Die Verletzungen können hier tödliche Auswirkungen haben. Im ungünstigsten Fall kann es durch den Fangstoß zum Genickbruch kommen.“

Chris Semmel betont, dass bislang kein einziger Unfall bekannt sei, bei dem eine leichtgewichtige Person durch eine Fehlfunktion des Klettersteigsets zu Schaden gekommen ist. Dennoch möchte der Alpenverein diese Sicherheitslücke vorbeugend schließen und – gemeinsam mit den Herstellern – auf eine Änderung der Norm hinwirken. Denn gerade die 80-Kilo-Norm ist es ja, die die Produktion spezieller Klettersteigsets für Kinder oder Leichtgewichtige verhindert.

Eine Normänderung kann jedoch Jahre dauern. Und so empfiehlt der Alpenverein allen erwachsenen Begleitern von Kindern im Klettersteig:

- Hinter dem Kind steigen, um einen Sturz möglichst zu verhindern.

- An schwierigen Stellen das Kind mit einem zusätzlichen Seil nachsichern.

- Begleiter, die das Nachsichern nicht beherrschen, sollten mit Kindern auf schwierige Klettersteige verzichten.

Übrigens machte es in den Tests kaum einen Unterschied, ob die Dummys nur einen Hüftgurt oder eine Kombi aus Hüft- und Brustgurt trugen.

So funktioniert ein Klettersteig-Set

Neben Gurt und Helm zählt das Klettersteigset zur unverzichtbaren Ausrüstung in einer Via Ferrata. Das Set hat auf der einen Seite eine Schlaufe zum Einbinden in den Klettergurt. An der anderen Seite hat es zwei Seiloder Bandstränge mit je einem Karabiner zum Einklicken ins Sicherungsstahlseil.

Zum Abbremsen der FallenergiebeieinemSturz haben Klettersteigsets ein Dämpferelement, wovon es zwei Sorten gibt: sogenannte Reibungsbremsen, bei denen ein Seil durch eine Bremsöse gezogen wird. Nachteile: Belastungsspitze vor dem Losbrechen der Reibungsbremse, Funktion bei Nässe eingeschränkt. Außerdem gibt es von dieser Sorte veraltete Modelle, das sogenannte V-System. Besser sind Y-Modelle mit separatem Bremsseil. sogenannte Bandfalldämpfer. Sie enthalten eine Gewebestruktur, die im Sturzfall ähnlich einer Ziehharmonika aufreißt und Sturzenergie aufnimmt. Sets mit Bandfalldämpfer sind etwas teurer als solche mit Reibungsbremse, aber angenehmer im Handling.

Der Alpenverein hat zwar nur Bandfalldämpfer auf Kindertauglichkeit geprüft (siehe Haupttext). Das Ergebnis wäre aber mit Reibungsbremsen ähnlich ausgefallen. Denn beide Dämpferarten müssen dieselbe Norm erfüllen.

Nicht vergessen: Nach einem Sturz müssen Klettersteigsets ausgemustert werden.

Auch interessant

Kommentare