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Viel Luft unter den Sohlen bei den Kletterrouten in der Südwand der Ruchenköpfe, hier eine Passage im sechsten Schwierigkeitsgrad.

Die wichtigsten Routen

Klettertraining: Raus aus der Komfortzone

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Klettern ist eine komplexe Sportart. Technik, Koordination, Kraft, Nervenstärke an der Sturzgrenze, Taktik – es gibt viele Parameter, an denen sich feilen lässt.

Die Berge hat sich Michael (46) aus Unterhaching bislang meist per Tourenski, mit dem Mountainbike oder wandernd erschlossen. Auch einfache Klettersteigpassagen: kein Problem. Aber richtige Felsklettereien? Lange Zeit kein Thema – zu schwierig, zu riskant. Dann begann er, in der Kletterhalle zu trainieren. Erst sporadisch, dann mindestens zweimal pro Woche mit der Folge, dass er sein Kletterkönnen vom Schwierigkeitsgrad IV bis zum aktuellen Limit bei VI+ steigerte. Dazu kamen mehrere (erfolgreiche) Tests, das neue Kletterkönnen an den Felsen von Klettergärten wie in Bad Heilbrunn auszuprobieren. Und jetzt, an den Ruchenköpfen zwischen Spitzingsee und Bayrischzell, die Premiere: die erste alpine Mehrseillängentour. Der Dülfer-Riss, ein Klassiker. Schwierigkeitsmäßig zwar „nur“ eine IV+, und vorsichtshalber kletterte der Unterhachinger auch bloß im Nachstieg. Aber immerhin kamen so vier kürzere Seillängen zusammen; ein neues Gefühl für Fels, Sicherung und Technik; und die Erkenntnis: Es gibt noch allerhand zu verbessern.

Ziel: schwierigere Routen bewältigen

Den Weg dahin, sich als Kletterer insgesamt zu verbessern, beschreibt der Schotte Dave MacLeod. Er ist einer der weltweit besten Allround-Kletterer, renommierter Klettercoach und Sportwissenschaftler (vgl. Buchvorstellung unten). Der Kern seiner Botschaft lautet, in vielerlei Hinsicht an psychischen Aspekten zu arbeiten. Und vor allem die persönliche Komfortzone zu verlassen. „Viele Kletterer machen den Fehler, dass sie sich immer wieder Routen aussuchen, die ihrem aktuellen Schwierigkeitslevel entsprechen“, sagt Dave McLeod. Das Problem dabei: Wer immer wieder die die gleiche VII- klettert, weil er sie mittlerweile in- und auswändig kennt, jeden Handgriff und jedes Clippen fast blind beherrscht, wirkt zwar in dieser Route souverän – wird sich aber mit einer ihm ungewohnten VI+ möglicherweise quälen. Solide in einem Schwierigkeitsgrad zu klettern heißt, mit allen Eventualitäten wie mäßiger Absicherung, plötzlich komplizierten Bewegungsabläufen oder einer ungeliebten Technik zurechtzukommen.

Während der eine griffarme Reibungsplatten favorisiert, zieht sich ein anderer vielleicht lieber großgriffige Überhänge hinauf; und ein Dritter präferiert vor allem Risse mit all ihren Besonderheiten in puncto Technik und Absicherung. „Gleiche Routine, gleiche Ergebnisse“, lautet das Credo von Dave McLeod. „Entscheidend ist, auch mal etwas anderes zu probieren. Man muss den Kärper herausfordern, indem man neue Reize setzt.“ Es gelte, Gewohnheiten zu ändern, Schwächen zu erkennen und an diesen zu feilen, statt sich stets hinter den individuellen Stärken zu verstecken. Stürze ins Training einzubauen. Oder zu bouldern, auch wenn man das Seilklettern lieber mag. Denn, so McLeod: „Die effizienteste Möglichkeit, ein starker Kletterer zu werden, ist das Bouldern.“ Auch dabei gelte: Raus aus der Komfortzone, Neues und Altbekanntes mischen. „Nach einigen vertrauen Griffkombinationen sollten einige unbekannte folgen.“

Mehr Routine an der Wand

Genialer Fels am Brauneck: Jonas Sick klettert im neunten Grad an der Manege.

Michi Wärthl (45), Bergführer und Extrembergsteiger (www.unterwextrem.de) aus Neubiberg sowie einst mit 24 der jüngste Besteiger des K 2, verweist ebenfalls auf die Wichtigkeit des Ausprobierens. „Wer nie einen VIIer versucht, wird auch nie einen klettern.“ Nur, wer konsequent neue Aufgaben anpacke und sich an einer Route oder Schlüsselstelle „auch zehn, zwanzig Mal versucht“, könne sich weiterentwickeln: „Das Projektieren ist sehr wichtig. Man muss an seinen Schwächen trainieren.“ Allerdings dürfe der Kletterer sich nicht bloß ans Limit schinden. „Technik lernst du nicht an der Leistungsgrenze“, weiß Michi Wärthl. Sein Tipp für die Praxis: auch mal unterm persönlichen Höchstniveau bleiben und in einfacheren Routen mit Bewegungsabläufen spielen. Zum Beispiel mit Druck und Gegendruck (Piaztechnik) zu arbeiten, die sogenannte Standardbewegung (in einem Zug wird der Körperschwerpunkt über den Tritt geschoben und eine Aufwärtsbewegung folgt) zu üben, dynamisch zu agieren statt in kraftraubender Statik zu verharren. „Wichtig ist zu wissen: Was hat mein Körper da eigentlich gemacht? Ich muss die Bewegung fühlen“, sagt Wärthl.

Michael aus Unterhaching hat an den Ruchenköpfen gefühlt. Dass seine Intuition, die richtigen Griff- und Trittkombinationen zu finden, schon besser geworden ist. Dass ihm dafür, die gleiche Route im Vorstieg zu meistern, noch ein bisschen psychische Stabilität fehlt. Und dass er es schaffen kann, besser zu klettern: indem er konsequent seine Schwachpunkte filtert und an ihnen arbeitet. In der Kletterhalle kratzt er schon am siebten Grad.

Von Martin Becker

Alpine Klettergärten: Die wichtigsten Routen in Oberbayern

Sie sind ein Mittelding. Liegen irgendwo zwischen dem reinen Klettergarten, bei dem man fast am Einstieg parken und oft auch Toprope-Sicherungen einrichten kann, und ernsthaften langen Kletterrouten im richtigen Gebirge (beispielsweise die Herzogkante an der Laliderer Spitze im Karwendel). Alpine Klettergärten also bilden den Kompromiss: nicht mehr ganz harmlos, aber auch nicht furchtbar wild; mit Zustiegen, die eine Weile dauern können, aber nebst Landschaftserlebnis oder Gipfelgenuss oft auch eine Hütte am Weg haben.

Markus Stadler hat jetzt frisch den schon länger erwarteten dritten Band seiner Kletterführer über die bayerischen Alpen herausgebracht, mit allen relevanten Zielen zwischen Bayrischzell und Benediktbeuern. Fünf Regionen (Benediktbeuern, Brauneck, Lenggries, Tegernsee und Spitzingsee) stellt er jeweils in einer Übersicht vor und differenziert dann im Detail. Zu allen Routen gibt es in gewohnter Qualität des Panico-Alpinverlags präzise Topos mit Infos zu Absicherung, Standplätzen, Routenverlauf, Schwierigkeit und Charakter. Oft geben zudem Wandfotos eine gute Orientierung.

Ein kleiner Überblick über die wichtigsten Kletterreviere aus dem Führer:

Bad Heilbrunn: klassischer Klettergarten mit riesiger Reibungsplatte, im hinteren Teil können Routen zu Mehrseillängentouren kombiniert werden.

Benediktenwand: Klassiker wie „Rampe-Rippe“ in der Nordwand.

Brauneck: Zwischen Tölzer Hütte und Stie-Alm (30 Minuten Fußmarsch von der Bergstation) hat sich ein kleines Klettergartenparadies entwickelt mit einer Vielzahl meist gut abgesicherter Routen.

Plankenstein: Viele interessante Klettereien in alpinem Ambiente.

Roß- und Buchstein: Beliebtes Klettergebiet bei der Tegernseer Hütte.

Ruchenköpfe: Sehr vielfältiges Gebiet mit einfacheren Klassikern und knackigen Sportklettereien bis zum neunten Grad (1,5 Stunden ab Bergstation Taubensteinbahn).

Das Buch: „Bayerische Alpen Band 3“, Kletterführer von Markus Stadler; Panico-Alpinverlag, 29,90 Euro

M.B.

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