+
Durch den Wald und über den Fluss  führt der Schmugglerweg.

Von Heiligen und Banditen

Entsetzt blickt die Alte den Berg hinauf. „Oh Mutter Gottes! Hilf! I bitt!“ Sie hat Holz für den Kamin gesammelt, wie täglich auf ihrem Weg von Kössen nach Martenstein.

Jeden ihrer Schritte hat sie zu den Heiligen gebetet. Aber jetzt gleitet ihr der Korb aus den Händen, die gesammelten Scheite stürzen den Hang zur Tiroler Ache hinab. Das „Muattal“ ist starr vor Schreck: Sie sieht einen riesigen Felsbrocken auf sich zurollen. Das Grollen des Steins übertönt ihr Stoßgebet.

Sagenhaft: Dieser Felsspalt soll dabei helfen, Wünsche zu erfüllen.

An der Stelle, wo einst die alte Frau um ihr Leben flehte, steht heute eine der schönsten Wallfahrtskirchen Tirols: Maria Klobenstein. Der Legende nach hat die heilige Maria das Beten des Mütterleins erhört und den Felsbrocken über dem Kopf der Frau gespalten – „gekloben“, wie es in der Tiroler Mundart heißt. Dieser Ausdruck gab der Kapelle Maria Klobenstein ihren Namen. Über 300 Jahre soll die Begebenheit zurückliegen, mit der die Menschen sich die ungewöhnliche Felsformation erklären.

Die Wanderung zum sagenumwobenen Ort beginnt im bayerischen Ettenhausen, einem Ortsteil von Schleching, wo das Auto auf dem Wanderparkplatz bleibt. Die Route führt über den „Schmugglerweg“.

Auf dem Schmugglerweg hinauf zum Pass

Wirklich geschmuggelt wurde hier wohl nicht, dafür war der Grenzübergang zu bekannt. Dennoch lässt der Pfad in der Phantasie Strauchdiebe und Wegelagerer aufleben. Von Ettenhausen aus schlängelt sich der beliebte Wanderweg durch dichten Wald hinauf zum Pass: Auf kleinen Stegen überqueren die Wanderer die Quellbäche der Tiroler Ache, an bedrohlichen Felswänden entlang führt der Weg nach oben, immer wieder blinzeln zwischen den Bäumen sanfte grüne Hügel durch.

Nach einer halben Stunde gemütlichen Aufstiegs eröffnet sich ein erster Blick auf das Wanderziel. Von weitem sieht man den klobigen Felsbrocken, der aussieht, als hätte ihn ein Beil in zwei Teile gespalten. Die Herausforderung liegt darin, den Spalt zu durchqueren, ohne die steinernen Wände zu berühren. Gelingt das „Durchschliefen“, wird dem Wanderer ein Wunsch erfüllt. Aber: Der Wunsch muss unausgesprochen bleiben. Und er sollte nicht materiell sein.

Hinter dem Felsen ragt die Gnadenkirche Maria Klobenstein mit ihrer goldenen Spitze empor, den Achberg im Rücken. Am Hang vor der Kirche steht eine kleine Kapelle, sie erinnert an die Marienerscheinung von Lourdes. Heilendes Wasser soll hier entspringen.

Wer sich an der Szenerie sattgesehen hat, kann seinen Weg in Richtung Grenzpfeiler fortsetzen. Hat man die ersten Schritte auf österreichischen Boden gesetzt, führt der Schmugglerweg hinab zur Tiroler Ache. Man gelangt zu einer luftigen Hängebrücke, die über die Entenlochklamm führt. Die Schilder „Schaukeln verboten“ sollten Wanderer nicht beunruhigen: Die Brücke ist mit deutsch-österreichischer Präzision gebaut.

Hat man die Ache überquert, steht nur noch ein kurzer Aufstieg zum Klobenstein bevor. Dort erwartet die Wirtin vom Gasthaus Klobenstein die Wanderer. Seit über 30 Jahren arbeitet Heidi de Castro hier. Die Tische tragen steinerne Namensschilder und heißen „Achterbahn“ oder „Große Grotte“. Drinnen wartet eine Spielkiste für Kinder, in der Küche brutzelt eine bayerische Gans.

Über den Dächern von Schleching

Gestärkt geht es über grüne Auen hinauf zur Streichenkirche. Sie ist der letzte Zeuge einer bescheidenen Burganlage. Doch der steile Aufstieg lohnt sich: Dem Wanderer legen sich die Ortschaften um Schleching zu Füßen, das Berg-Panorama entschädigt alles. Zurück in Ettenhausen lohnt sich ein Blick in die winzige, üppig dekorierte Dorfkapelle. Man hat sie zum Gedenken an die Gefallenen der Weltkriege errichtet. Ein Stolperstein von trauriger Geschichte zwischen den schönen Legenden.

ZWISCHEN BAYERN UND TIROL

ANFAHRT – A8 München – Salzburg, Ausfahrt Bernau. Über Bernau, Rottau, Grassau, Marquartstein und Schleching nach Ettenhausen (Stadtteil von Schleching). Von Schlechinger Straße auf Geigelsteinstraße. Dieser folgen. Parken bei Geigelsteinbahn. Bahn: Bahnhof Übersee mit Bus Richtung Reit am Winkl nach Ettenhausen, Schleching.

WANDERROUTE – Von Geigelsteinstraßenbiegung auf Schmugglerweg. Schildern folgen. Nach Waldstück rechts. Nach erster Aussicht auf Klobensteinkapelle herunter, dann rechts hoch, statt dem breiten Weg zu folgen, der bald abbricht. Aufstieg zum Grenzübergang. Bei Wanderpass-Stempelstelle links herunter. In Serpentinen zur Hängebrücke, hoch zu Maria Klobenstein. Von dort zur Straße hoch, links abbiegen. Grenzübergang nach Bayern überqueren.

Direkt vor zweitem Tunnel links den Fahrweg hoch zur Streichenkapelle. Hinter Kurve rechts den schrankenversehenen Abzweig zur Bäckeralm. Bei Weggabelung links über Kuhgitter. Links oben erscheint Streichenkirche.

Wenn Almhaus sichtbar, ca. 200m vorher schmalen Steig nach links oben nehmen. Zaun durchqueren, über Grashügelkamm zum Wald. Dort links auf wurzelüberwuchertem Weg steil hoch bis zur Streichenkapelle, Gasthof etwas unterhalb.

Auf breitem Schlechinger Wanderweg absteigen (evtl. zwischendurch ausgeschilderte Abkürzung links nehmen). An Weggabelung links, nicht rechts Richtung Achberg. Bei alten Grenzhäusern rechts auf Bundesstraße. Ache überqueren, auf Wagrainerstraße nach Ettenhausen abbiegen. Die stößt wieder auf Geigelsteinstraße. Insgesamt sollte man vier Stunden für die Wanderung einplanen.

EXTRATIPP – Gerade im Sommer bietet sich die Ache auch zum Rafting und Kajakfahren an. Kurz hinter Ein-/Ausstiegsstelle Klobenstein wartet die abenteuerliche Entenlochklamm. Info: Adventure Club Kaiserwinkl: Friedrich Blattner, Hüttfeldstraße 65a, A-6345 Kössen, www.ack-koessen.de

EINKEHR – Gasthaus Klobenstein (Ostern bis Allerheiligen kein Ruhetag, Tel. 0043-664/5138178, www.gasthaus-klobenstein. de): Kulinarischer Schwerpunkt ist mit dem Motto „Ente gut – alles gut!“ festgelegt. Berggasthof Streichen (Tel: 08649/265).: Eine der schönsten Aussichten im Chiemgau.

KARTE – Kompass Wander-, Bike- und Langlaufkarte Chiemsee/Simssee, Maßstab 1: 50 000.

von Maria Engel  und Elisabeth Muche

Auch interessant

Kommentare