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Der Schockmoment von Gröden: Matthias Mayer stürzt beim Weltcuprennen, der Airbag löst aus und soll damit schlimmere Verletzungen verhindert haben.

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Neue Technologie im Skisport: Kommt bald der Knie-Airbag?

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Er bläst sich innerhalb von 100 Millisekunden auf: der Ski-Airbag. Luftpolster an Hals, Nacken und Schultern sollen so bei einem Sturz bis zu 60 Prozent der Aufprallenergie absorbieren.

Erstmals ausgelöst wurde dieser Airbag jetzt beim Weltcuprennen in Gröden. Ein Novum, weshalb Erfahrungswerte fehlen: Wie sinnvoll ist der Airbag? Taugt er auch für Hobby-Skifahrer?

DSV-Bundestrainer Charly Waibel sieht den Einsatzbereich des neuen Airbags differenziert.

Dass Skitourengeher mit Airbag-Rucksäcken losziehen, um im Notfall eines Lawinenabgangs eine Verschüttung zu vermeiden, gehört mittlerweile zum üblichen Bild in den Bergen. Relativ neu indes ist das Airbagsystem des italienischen Herstellers Dainese fürs alpine Skifahren, das bei einem Sturz Verletzungen verhindern soll. Beim Weltcuprennen kurz vor Weihnachten in Gröden löste dieser Airbag erstmals aus – beim Sturz des österreichischen Olympiasiegers Matthias Mayer. Über die Neuerung spricht Charly Waibel, Bundestrainer Wissenschaft und Technologie beim Deutschen Skiverband, im Interview.

Herr Waibel, es heißt, im gesamten Weltcup würden nur relativ wenige Athleten den neuen Ski-Airbag von Dainese einsetzen. Wie ist das bei den Fahrern im DSV-Team?

Wir haben den Airbag nicht im Einsatz. Der Deutsche Skiverband hat die Entwicklung sehr genau mitverfolgt, und unsere Athleten hatten die Möglichkeit, den Airbag zu testen. Letzlich hat sich aber keiner entschieden, ihn zu kaufen.

Was kostet denn der Airbag?

Etwa 1200 Euro.

Und wie genau funktioniert es, dass der Airbag punktgenau bei einem Sturz auslöst und nicht bei einer – was gerade im Rennsport ja vorkommen kann – harten, aber sicheren Landung?

Sie müssen sich den Airbag wie eine Weste vorstellen, in die Luftsäcke eingearbeitet sind und bei Bedarf aktiviert werden. Ob der Airbag ausgelöst wird oder nicht, dafür sorgt eine relativ einfache Sensorik: Drei integrierte Kreiselkompasse messen die Rotationen in den Achsen sowie die Beschleunigung. Insgesamt gibt es neun Werte – damit der Airbag auslöst, müssen sieben Schwellenwerte gleichzeitig überschritten sein.

Es heißt, viele Skirennläufer würden auf den Airbag verzichten, weil sie Fehlauslösungen fürchten.

Der Auslöse-Algorithmus ist entscheidend. Darum wird es in Zukunft gehen: jene Werte richtig einzuordnen, in der ein Skifahrer seinen Bewegungsablauf mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr kontrollieren kann. Die Software ist also wichtiger als die reine Sensorik – es geht darum, Daten zu sammeln und den Auslöse-Algorithmus durch entsprechende Praxis zu optimieren.

Wäre das System auch auf den Breitensport übertragbar?

Im Prinzip spricht nichts dagegen, dieses System in abgespeckter Version in den Freizeitsport zu übertragen. Bei Airbags für Motorradfahrer hat Dainese es ja genauso praktiziert. Allerdings ist die Rotationsbeschleunigung eines Rennläufers eine andere als die eine Hobby-Skifahrers. Damit, also die nötigen Daten zu sammeln, wird der Hersteller noch ein bisschen Arbeit haben.

Nun gibt es ja sowieso schon Protektoren für alle erdenklichen Körperpartien. Wie bewerten Sie das Sicherheits-Plus des neuen Airbags?

In 100 Millisekunden blasen sich Luftsäcke auf, sofern der Auslöse-Algorithmus einen Sturz signalisiert.

Protektoren schützen in erster Linie die Wirbelsäule vor Verletzungen, der Airbag indes vor allem Oberkörper und Brustbereich sowie die Schultern. Aber: Prellungen an Schulter oder Brustkorb sind nicht das, was die Athleten sonderlich beeindruckt – sie fürchten sich primär vor Knieverletzungen. Die Schulterprellung tut halt eine Woche lang weh, der Kreuzbandriss schmerzt ein halbes Jahr. Der Airbag bietet einen Aufprallschutz, doch genau das sehen viele Athleten nicht als das gravierendste Problem im Rennsport an.

Ließe die Technologie sich denn erweitern? Kommt der Airbag fürs Knie?

Wenn sie den Algorithmus erweitern, wäre es durchaus denkbar, dass der Airbag an sinnvolleren Stellen auslöst – zum Beispiel eben am Knie. Letztlich geht es darum, mit intelligenter Datenverarbeitung die richtige Entscheidung zu treffen.

Noch gibt es diesen Airbag ja nur im Rennsport. Mal angenommen, er käme auch für Breitensportler aus dem Markt – würde das nicht die Risikobereitschaft vieler Skifahrer erhöhen?

Jede Sicherheitsreserve erhöht die Risikobereitschaft – das ist die Spirale, die sich ewig dreht. Andererseits: Derjenige, der sich für über 1000 Euro ein gewisses Sicherheitsplus kauft, hat das Bedürfnis, sich zu schützen. Das ist nicht der typische Pistenrowdy. Erst, wenn solche Airbags automatisch Bestandteil der Ausrüstung oder Bekleidung wären, also auch im Kopf ein Automatismus einsetzt, dann bestünde die Gefahr, dass jemand mehr riskiert als er sollte.

Von Martin Becker

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