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Je nach Definitionen überschreitet man bei dieser Karwendel-Tour gleich fünf Gipfel, allerdings verfügen nur zwei über ein klassisches Kreuz.

Wilder Gipfelreigen

Lange, einsame Paradetour im Karwendel

Wann ist ein Gipfel ein Gipfel? Wenn er auf einer Karte als höchster Punkt eines Berges markiert ist? Wenn eine Erhebung das Gelände ringsherum deutlich überragt? Wenn ein Kreuz darauf steht, vielleicht sogar noch mit Gipfelbuch bestückt?

Je nach Definitionen überschreitet man bei dieser Karwendel-Tour gleich fünf Gipfel, allerdings verfügen nur zwei über ein klassisches Kreuz: die Bayerkarspitze (1909 m) und die Krapfenkarspitze (2109 m).

Der Gebirgszug, der vom Risstal zur Soierngruppe führt, zählt zu den eher einsamen Gegenden im Karwendel . Kein Wunder, denn die „Eintrittskarte“ zu dem landschaftlichen Hochgenuss – man wandert stundenlang aussichtsreich am Kamm entlang – hat ihren Preis: Auf der kompletten Runde summieren sich 1650 Höhenmeter und satte 23,5 Kilometer Wegstrecke, die Route ist nahezu komplett unmarkiert und verläuft zwar meist auf kleinen Steigen, teils aber auch in weglosem Gelände. Eine Unternehmung für trittsichere, konditionsstarke und orientierungssichere Wanderer also. Wen diese Voraussetzungen abschrecken, der beschränkt sich auf die kurze Variante und marschiert nach der Bayerkarspitze auf dem gleichen Weg zurück. Blicke in beide Gipfelbücher bestätigen: Die Bayerkarspitze erhält wesentlich öfter Besuch als die Krapfenkarspitze.

Galgenstangenkopf (1806 m), Femerskopf (1851 m), Bayerkarspitze (1909 m), Dreierspitz (1962 m) und Krapfenkarspitze (2109 m): So lautet die Reihenfolge der Ziele. Wem das alles nicht genug ist, der kann sogar die Gumpenkarspitze (2119 m) dranhängen... Die Hauptschwierigkeit besteht zunächst darin, ziemlich am Anfang den richtigen Abzweig zu finden.

Permanente Fernsicht

Los geht’s zwischen Vorderund Hinterriss bei der Oswaldhütte, bei der an einem Stauwehr der Bach etwas mühsam überquert werden muss, oder 700 Meter zuvor an einer ordentlichen Forststraße. So oder so gelangt man zur Paindl-Alm und biegt vor dieser links auf einen Karrenweg zur Ferein- Alm. Der Weg, der später zum Steig wird, zieht nach Südwesten. Nach etwa 1000 Metern macht er einen leichten Rechtsbogen zum markanten Wandgraben. Kurz vor der Bachüberquerung beginnt rechts ein Steig, der in sehr spitzem Winkel (ca. 150 Grad zurück) nordostwärts bergauf leitet. Ist das Steiglein gefunden, kann nicht mehr viel schief gehen: anfangs moderat, später steiler geht’s bergan zu den Jagdhütten der Grafenherberge. Davor hält man sich rechts, kurz danach in einem lichten Waldstück links. Der Pfad verliert sich kurz, ist aber oberhalb der Lichtung wieder aufzuspüren.

Fortan verläuft die Route im Auf und Ab der Gipfel immer am Kamm entlang. Ab der Bayerkarspitze (bis dort vier Stunden) lässt die Qualität der Pfadspuren nach, Steinmandl erleichtern im Schotter am Schluss die Wegfindung auf die Krapfenkarspitze.

Das Schöne an dieser Überschreitung: die permanente Fernsicht! Zugleich wechselt mit jedem Gipfel die Perspektive. Ebenfalls herrlich ist der einsame Rückweg auf der Ostseite unterhalb des Kammes. Da mundet nach neun Stunden Tour die Einkehr in der Oswaldhütte doppelt gut.

VON MARTIN BECKER

KRAPFENKARSPITZE (2109 METER)

Anfahrt:

Auto: Über Bad Tölz, Lenggries zum Sylvensteinstausee, rechts nach Vorderriss. Ca. 4 km Richtung Hinterriss bis Oswaldhütte. Bahn/Bus: Bis Lenggries. Vom Bahnhof RVO-Bus täglich 9.49/15.05 Uhr, an Wochenenden 7.50/ 9.55/17.10 Uhr. Ein Kombiticket mit der BOB ist möglich. Ausgangspunkt: Oswaldhütte, 847 m.

Tour:

Über die Forststraße oder von der Oswaldhütte zur Paindl-Alm, weiter 1 km Richtung Ferein-Alm, bis vor einer Bachüberquerung rechts in spitzen Winkel ein Steig abzweigt. Zur Grafenherberge (1464 m). Vor den Jagdhütten rechts, kurz danach in lichtem Wald links (hier verliert sich der Pfad kurz). Weiter nach Westen zum Kamm und zum Galgenstangenkopf. Über den kreuzlosen Fermerskopf in die nächste Gratsenke. Zum Gipfelkreuz der Bayerkarspitze (bis hier 4 Stunden). Auf dem Weg zur Krapfenkarspitze (weitere 2 Std.) immer öfter nur Trittspuren oder wegloses Gelände. Die Route zieht nach Südwesten zum Dreierspitz. Auf dem Grat kurz nach Westen, ehe von Norden her über Schotter und leichte Felskletterpassagen der mit Steinmandln markierte Aufstieg zur Krapfenkarspitze erfolgt.

Abstieg: Von der Krapfenkarspitze aus sieht man im Süden deutlich einen breiten Weg – den gilt es zu erreichen. Dorthin gelangt man über wegloses, steiles Schrofen- und Felsgelände – der schwierigste und gefährlichste Teil der Tour. Ist man in etwa 1770 m Höhe auf dem Weg, folgt man ihm etwa 350 m bis zum Ww. Fereinalm. Hier beginnt in spitzem Winkel nach Norden ein schlecht erkennbarer Jägersteig, der unterhalb von Krapfenkar- und Dreierspitz die Südhänge quert. Nach etwa 2500 Metern gilt es aufzupassen: In einem Waldstück, kurz vor freien Almwiesen, knickt in Y-Form nach rechts ein schwach ausgeprägter Pfad ab. Nun in deutlichen Serpentinen zu einer kleinen Hütte am Fuß der Grashänge, dann links der Hütte über weitere Serpentinen im Wald zu einer Forststraße. Hier nicht rechts der Straße folgen, sondern links (Nordwesten) über einen Schotterplatz hinweg auf einen Pfad. Diesen Pfad bis zur Paindl-Alm und zum Ausgangspunkt nicht mehr verlassen.

Charakter:

Sehr lange, einsame Rundtour. Leichte Kletterstellen im Schwierigkeitsgrad I. Weglose Passagen verlangen absolute Trittsicherheit, sonst besteht Absturzgefahr! Orientierungsvermögen an kniffligen Stellen wichtig. Alpine Tour! Gehzeit: Aufstieg 6, Abstieg 4 Std.

Einkehr:

Oswaldhütte (847 m), Tel.: 0 80 45 / 272.

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