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Bayerns Flüsse sind weit mehr als nur Oasen der Erholung für Menschen. Sie sind Lebensräume für seltene Pflanzen und Tiere, wie eine Exkursion mit zwei „Lech-Rangern“ zeigt.

Im Schatzkasten der Natur

Mit Lech-Rangern auf der Spur einer ursprünglichen Flusslandschaft

Bayerns Flüsse sind weit mehr als nur Oasen der Erholung für Menschen. Sie sind Lebensräume für seltene Pflanzen und Tiere, wie eine Exkursion mit zwei „Lech-Rangern“ zeigt.

Über die jungen Wacholder-Pflanzen freuen sich die Lech-Ranger sehr.

Stephan Günther bückt sich. Johannes Karrer auch. Was die beiden sehen, freut sie sehr: „Wacholder. Noch ganz klein. Wenn die Pflanzen so bläulich schimmern, dann liegt das an ihrem Wachsüberzug. Das schützt vor Verdunstung“, erklärt Günther. Schon haben die Naturführer ein paar Meter weiter Pfeifengras und Dornigen Hauhechel entdeckt. „Die Stacheln helfen gegen Verbiss“, weiß Karrer. Ortstermin Gründl, Gemeinde Prem, Landkreis Weilheim Schongau: Eine eigentümliche Landschaft breitet sich vor einem aus, es ist eine der letzten ursprünglichen Auenlandschaften des Lech. Hitze steht über dem Schotter. So nah der Fluss sein mag, hier ist ein extremer Lebensraum, den jene besiedeln, die Wassermangel und Wärme abkönnen. Hier erstreckt sich ein Schneeheide-Kiefernwald, der sehr selten ist und höchst magisch wirkt: Der Namen kommt von der Heideart, die schon im Februar/März blüht. „Es ist die Waldart, die die meisten Rote-Liste-Arten beheimatet“, sagt Landschaftsökologe Karrer, der wie der diplomierte Forstwirt Günther für das Projekt „Lebensraum Lechtal“ arbeitet. 

Der Lechabschnitt ist Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere.

In ihm gedeihen auch viele Orchideen, die ihr Dasein den Kühen verdanken. Denn obwohl der Flusslebensraum unerkannt zwischen Straße und Lecherlebnisweg liegt, ist er abhängig vom menschlichen Wirtschaften. Früher trieben die Bauern ihre Rinder sehr früh in die Flussauen und ab Mai/Juni auf die Alm. Die Orchideen hatten in Abwesenheit der Rinder Zeit für den Aufwuchs, fürs Blühen und Aussamen. Erst als ihr Lebenszyklus vorbei war, kamen die Kühe im September zurück, hielten das Gras klein auf den Flusswiesen, bevor die winterliche Aufstallungszeit kam. Eigentlich würde keiner mehr Vieh auf die scheinbar minderwertigen Böden treiben, auch wenn die Tiere hier an die 100 Pflanzenarten vor die Nase bekommen. Nun aber ist alles anders: Dem traditionellen Wirtschaften folgend tun sich hier seit Mitte August Holsteiner Jungviecher gütlich. Sie gehören einem modernen Landwirt aus Steingädele, definitiv kein Agrarromantiker – und doch konnte man ihn für ein Beweidungsprojekt gewinnen.

Die Kuh als Landschaftspfleger

In vielen bayerischen Fluss-auen grasen inzwischen Tiere im Dienste der Natur. Die Kuh verhindert, dass bald alles von einer Krautschicht überzogen ist. Die Ziege als Luftweider hält eher Büsche klein. Das Pferd ist für die ganz kurzrasige Struktur verantwortlich. Das freut dann die Ameisen! Stephan Günther, Gebietsbetreuer am Lech, bückt sich erneut. Ein stengelloser Enzian. Und dort wächst ein Ochsenauge. Er lächelt: Diese hübsche gelbe Pflanze auf dem Kalk-Magerrasen ist quasi der rote Faden seiner Arbeit. „Der Lech ist ein Schatzkästchen der Natur, es ist sein Alleinstellungsmerkmal unter allen bayerischen Flüssen: Drei Florenregionen schneiden sich. Wir haben alpine Arten. Wir haben mediterrane und submediterrane Arten, die nachweislich über den Rhonedurchbruch und über den Jura hierher kamen, sich aber nie weiter nach Osten ausgebreitet haben! Umgekehrt kommen aus Osten kontinentale Arten, die es nicht weiter nach Westen geschafft haben.“ Ergebnis: Eine einmalige biologische Vielfalt. Karrer ist sozusagen die Verstärkung für den Gebietsbetreuer Günther. Er soll auf die Menschen zugehen, Exkursionen betreuen. Da war der Gartenbauverein aus Hohenfurch, da war die Waldbauernvereinigung, da war die Diakonie, da ist auch mal eine Schulklasse aus Schongau dabei. Mit den Kids hat er Fichten auf der Kiesbank gezupft, dass diese nicht komplett zuwächst. Damit beispielsweise das Ochsenauge wachsen kann. Und die kleine Laura sich freut: „I hob denkt des isch bloß a gelbe Blume. Jetzt wois i, dass dia selten isch.“ Es geht darum, dass man nur das zu schützen gewillt ist, was man kennt! Es geht um Aufklärung. „Ich bin ja kein Naturschutzpolizist“, sagt der Lech-Ranger, „aber oft wissen die Leute ja gar nicht, was sie der Natur antun.“ Den anlandenden Kanuten war nicht klar, dass Flussinseln, Kiesbänke und Uferstreifen ein Betretungsverbot von März bis September haben. Auch die Isar-Ranger tun das zwischen Bad Tölz und Icking. „Es macht eben einen Unterschied, ob ein Wanderer mal bis ans Wasser läuft oder ob 20 Leute campieren und Party machen“. 

Rare Blume: das Ochsenauge.

Die Umsicht und Einsicht für fragile Systeme betrifft auch andere bayerische Flüsse. Das Projekt „Alpenflusslandschaften“ beschäftigt sich auch mit der Ammer, der Isar und der Loisach. Arterhaltungsmaßnahmen gehören dazu, Bodenbrüter brauchen unberührte Kiesbänke. Die Deutsche Tamariske soll wieder heimisch werden. Die Flussseeschwalbe könnte zurückkommen, obgleich es seit 30 Jahren an der Isar keinen erfolgreichen Brutversuch mehr gab. Die Seeforelle überlebt nur, wenn die Flüsse für deren Wanderung wieder durchgängig werden. Doch wie soll das gehen, wo doch viele Flüsse verbaut sind, sei es aus Gründen des Hochwasserschutzes oder der Energiegewinnung? Allein am Lech nutzen 30 Laufwasser- und Speicherkraftwerke seine Kraft, 24 mal wird der Fluss aufgestaut. Günther hört das so oft: Wozu wollt ihr an der Litzauer Schleife bei Burggen redynamisieren und die Kiesbänke frei halten, wenn südlich und nördlich die Staustufen dräuen? 

Um diese Frage zu beantworten, muss man ausholen – weit hinein in die 1950er Jahre, als Otto Kraus weinte! Er weinte sogar vor Studenten! Otto Kraus, Chef des Instituts für Mineralogie und Kristallographie an der Uni München, wurde 1949 Leiter der Bayerischen Landesstelle für Naturschutz. Er war Bayerns erster amtlicher Naturschützer. Dann sollte der Forggensee kommen. Der Naturschutz hatte eingedenk der Energienot in den Jahren 1949/50 im Gegensatz zu den betroffenen Bauern, die ihre Heimat verlieren sollten, der Flutung zugestimmt – allerdings unter der Bedingung, die sensationelle Illasschlucht zu erhalten. Die BAWAG (Bay. Wasserkraftwerke AG) aber bezog sie mit ein, entgegen aller Vereinbarungen – und Otto Kraus weinte. Deshalb zog er bei der Litzauer Schleife alle Register. Er organisierte Ende 1954 einen breiten Widerstand – und gewann: „Stau 5“ kam nicht! So gibt es bis heute den letzten wilden Teil des Lech. 

Es ist ein fast kitschiger Tag hoch über der berühmten Schleife, weißblauer Himmel, tief drunten glitzert der Fluss. Stephan Günther schaut hinunter, muss unbedingt Leute organisieren, die dem Springkraut zu Leibe rücken und erinnert sich zugleich an eine von vielen Erzählungen der Leute, die am Lech leben. „Da war der ältere Mann aus Schongau, der berichtete, wie ihn der Vater als Vierjährigen an den Lech mitnahm. Bua, sagte er, heute hörst du den Lech zum letzten Mal rauschen, morgen ist er ein See.“ Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen, der Naturschutz ist stärker ins Bewusstsein gerückt. Der neue Lecherlebnisweg ist ein weiterer Baustein, die Vielfalt am Fluss zu erfahren. Und dann gibt es einen Blick in die Zukunft. Ab 2035 laufen die Konzessionen für den Energiekonzern E.ON aus, der Freistaat Bayern hat zu entscheiden, was dann geschehen wird. Über den Naturschützer Otto Kraus wurde einmal gesagt: „Die Vergangenheit hat ihn angefeindet bis zum Versuch der Demütigung, die Gegenwart gibt ihm recht, die Zukunft wird ihn ehren.“ 

Den Holsteiner Jungviechern sind indes die Zeitläufe egal. Sie senken den Kopf und fressen die seltenen wie schmackhaften Pflanzen, die in einer Landschaft wachsen, die dank engagierter Menschen wie Stephan Günther und Johannes Karrer eine natürlichere und intaktere geworden ist.

von Nicola Förg

ALPENFLUSSLANDSCHAFTEN: Erlebnisreiche Exkursionen

  • Unter Leitung des WWF Deutschland haben sich 18 Partner aus Naturschutz, Verwaltung, Wirtschaft und Sozialbereich zusammengeschlossen und setzen sich nun gemeinsam bis Ende 2020 für den Schutz der oberbayrischen Alpenflüsse unter dem Thema „Alpenflusslandschaften – Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze“ ein. > www.alpenflusslandschaften.de
  • Die Broschüre „Lebensraum Lechtal“ beschreibt eine ganze Reihe von wunderbaren Exkursionen zu Orchideen, zur Litzauer Schleife oder rund um den Huchen. Kontakt: Johannes Karrer (0177 / 23 47 667) und Stephan Günther 01577 / 30 92 285). Info: www.lebensraumlechtal.de
  •  „Lecherlebnisweg“: Er führt 85 Kilometer von Landsberg bis zum Lechfall bei Füssen. Info: www.pfaffen-winkel.de
  • Am Cafe Maria südlich von Rieden am Forggensee gibt es eine Erlebnisstation, wo man per QR-Code einen Film der BAWAG zum Bau des Forggensees abrufen kann. Propaganda à la 1950er-Jahre mit Wochenschau-Stimme!

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