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Ein Logenplatz für Engel: Nur der um rund elf Meter niedrigere „Vorgipfel“ der Engelspitze hat ein Kreuz mit Gipfelbuch.

Bergtour in den Lechtaler Alpen

Wanderern wachsen Flügel

 Die Engel hört man da nicht singen, nur hin und wieder verzückte Ausrufe von Blumenfreunden, die sich nicht sattsehen können an der Pracht auf den Bergwiesen.

Es kann allerdings auch durchaus sein, dass einem auf dem Weg zur Engelspitze in den Lechtaler Alpen stundenlang niemand begegnet und selbst mit dem Fernglas weit und breit keine Menschenseele zu sehen ist. Der Blick fällt hinab nach Namlos: einem Weiler mit einer Handvoll uralter Bauernhöfe mit Kircherl, der sich ins schmale Tal zwängt. Massentourismus ist hier unbekannt. Im Gegenteil, das kleine Bergdorf kämpft mit Abwanderung. Heuer wurde sogar die Dorfschule wegen Kindermangels geschlossen.

Nur im Winter ist kurze Zeit etwas mehr los. Denn da kommen die Skibergsteiger, angelockt von einigen traumhaften Skitourengipfeln. Dazu gehört auch unser heutiges Wanderziel, das aber im Sommer viel weniger besucht wird. Sobald man die Landstraße verlässt, öffnet sich eine Oase der Ruhe und der Blumen. Auf den herrlichen Wiesen des Amselbodens gedeiht noch im August der blaue Eisenhut mit seinen helmförmigen Blüten. Nach den Wiesenflächen geht’s in das romantische Engeltal hinein, wo der gleichnamige Bach über Felsstufen talwärts sprudelt.

Hoch überm Tal auf einem grünen Kamm sieht man bereits das Gipfelkreuz der Engelspitze glänzen. Bald bleibt der Wald zurück und man wandert über einen weitläufigen Rücken mit Prachtpanorama zügig bergauf. Der Felskoloss Namloser Wetterspitze (2553 m) drängt sich in den Vordergrund, während einem auf der Bergwiese zartblaue Glockenblumen zunicken und lilafarbenes Knabenkraut mit sonnengelben Korbblütlern um Aufmerksamkeit wetteifert.

In der Latschenzone beim „Eggberg“ gelangt man auf die Südseite eines grasigen Kammes. Das letzte Stück über den Scheitel des Graskammes gestaltet sich zwar steil und steinig, ist aber nicht ausgesetzt. Gleich neben dem Kreuz auf 2280 Metern fällt ein türmchenreiches Felsgebilde ins Auge. Wer ganz genau hinsieht, erkennt vielleicht mit etwas Fantasie eine Gestalt mit zwei Flügeln links und rechts. Das könnte auch erklären, warum die Kartographen diesen kreuzlosen Gipfel als Hauptgipfel der Engelspitze mit 2291 Meter kodieren. Der Weiterweg hinüber zum „Engel“ verläuft am Grat entlang über Steilgrashänge und ist nur bei absolut trockener Witterung zu empfehlen. Passen die Verhältnisse, ist man schwindelfrei und klettertechnisch fit, so könnte man im Kammverlauf noch weiterziehen und auch dem Seelakopf (2368 m) einen Besuch abstatten. Auf unserer Aussichtsloge blättert man derweil im Gipfelbuch und schaut abwechselnd zum 7,5 km langen Bergmassiv der Heiterwand (2638 m). Unzählige Allgäuer Gipfel warten auf Bewunderer und im Norden zeigen sich Thaneller und Ammergauer Alpen. Nach ausgiebiger Rast macht man sich an den Abstieg und es wird klar: Ein Berg mit diesem Namen kann nur verlockend sein...

Von Doris Neumayr

ENGELSPITZE (2280 M)

ANFAHRT – A 95 München – GAP bis Autobahnende. Weiter über B2 Richtung GAP. Rechts auf die B 23 Richtung Fernpass, Reutte. Nach dem Bahn-Viadukt Ehrwald rechts Richtung Reutte bis Bichlbach. Weiterfahrt über Berwang, Rinnen, Kelmen in Richtung Namlos. In der letzten großen Linkskurve oberhalb von Namlos ist eine Parkbucht (ca. 1240 m). Parkmöglichkeiten auch im Ort Namlos.

TOUR – Aufstieg: Gegenüber der Parkbucht beginnt ein schmaler Karrenweg (Ww. „Engelspitze“). Man zieht auf diesem südostwärts durch Baumgruppen empor und erreicht die Wiesenflächen „Amselboden“. Ein schwach ausgeprägter Weg führt über die Wiesen zum Waldrand. Zwischen einem Lawinenwarnschild und einem kleinen Holzkreuz weist ein Schild mit Pfeil den Weg. Man wandert in das schmäler werdende Engeltal und kommt wenig später zum Engelbach. Ihn überquert man und folgt dem Weg bergauf durch einen lichten Mischwald. Bald erreicht man einen weitläufigen Wiesenrücken. Dieser verschmälert sich langsam, während es zügig bergan geht und man in die Latschenzone gerät. Der Weg schlängelt sich hindurch und führt zum „Eggberg“ (2093 m).

Hier verläuft der Rücken in einen Kamm, der nordseitig mit Latschen bewachsen ist und südseitig in steile Wiesenhänge abfällt. Jetzt zieht der Weg kurz etwas unbequem entlang der Latschen aufwärts. Nach der Latschenzone verbreitert sich der Wiesenkamm und es geht zwar steil, aber nicht ausgesetzt auf steinigem Weg zum Gipfelkreuz mit Gipfelbuch hinauf. Abstieg: Über die gleiche Route zurück.

Tourdaten: 1050 Höhenmeter, Aufstieg ca. 2,5 bis 3 Stunden, Abstieg ca. 2 Stunden. Streckenlänge insgesamt etwa sechs Kilometer, Schwierigkeit: leicht bis mittelschwer. Schmale Bergwege (beschildert). Im Gipfelbereich – ab Eggberg – ist Trittsicherheit nötig, Vorsicht bei Nässe.

Gipfelvarianten: Der Weiterweg zum kreuzlosen Hauptgipfel der Engelspitze (2291 m) führt etwas ausgesetzt am Grat entlang über steiles Grasgelände (nur bei trockener Witterung empfehlenswert!). Ein weiterer Gipfel im Kammverlauf ist der von der Engelspitze aus nordöstlich gelegene Seelakopf (2368 m), der am Schluss in leichter Kletterei erreicht werden kann.

EINKEHR – 1. Alpengasthof Kreuz, Namlos Nr. 8, Gastgarten, Tel.: 0043 / 5674 / 8256; Tägl.: 10 bis 22 Uhr. 2. Gasthaus Namloserhof Haus Nr. 3, Gastgarten und Übernachtung (Zimmer), Tel.: 0043 / 5674 / 8153; www.namloserhof.at

KARTE – Kompass-Karte 4, Füssen, Ausserfern.

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