+
Hier darf nichts schiefgehen: Materialversagen kann beim Klettern fatale Folgen haben. Seil und andere Sicherungsmittel sollten sich deshalb immer in einwandfreiem Zustand befinden.

Seil, Gurt und Karabiner

Material und Lebensdauer: Wie lange hält es?

  • schließen

Wenn der Wanderschuh ausgelatscht, der Handschuh löchrig oder die Regenjacke nicht mehr wasserdicht ist: Ja, das merkt man schnell. Aber wie steht es um sicherheitsrelevante Ausrüstungsgegenstände...

...beim Klettern wie Seil, Gurt, Bandschlingen oder Karabiner? Dort kann Verschleiß lebensgefährlich sein, doch die Grenze zu erkennen ist gar nicht so einfach.

Die Diskussion kam neulich im Klettergarten bei Bad Heilbrunn auf. Auf den Routen zwischen Ameisenkante und Weberknechtverschneidung ließ sich ein breites Spektrum an Ausrüstung beobachten. Die einen schienen ihre Kletterutensilien höchstens zum zweiten Mal einzusetzen, an anderen Gurten baumelten Klemmkeile und Expressschlingen, die Farbe und Schrammen nach wohl auch vor 25 Jahren schon in Gebrauch waren. „Na und? Das hält noch prima“, entgegnete ein älterer Herr auf den Einwand eines jungen Burschen, sämtliche textilen Materialien gehörten nach ungefähr drei Jahren sicherheitshalber ausgetauscht. Wirklich?

Die Sicherheitsforschung des Deutschen Alpenvereins beschäftigt sich in Tests permanent mit der Frage, wann ein Austausch fällig ist. Bei der Suche nach einer gesunden Balance zwischen übertriebener Neukaufkultur und alpiner Nostalgiepflege plädiert der DAV-Experte Christoph Hummel für die Devise: „Im Zweifel für den Zweifel.“

Wie alt darf ein Kletterseil sein?

Weil an sicherheitsrelevanter Bergsportausrüstung buchstäblich das Leben hängt, gelten dafür strenge Normen. Bei Kletterseilen wird im Labor ein sogenannter Normsturz simuliert – mindestens fünf dieser Normstürze müssen Seile aushalten. Die Frage ist: Wie lange tun sie das? Altern Seile, auch wenn sie nie oder selten benutzt werden?

Die Fachzeitschrift Alpin hat einmal einen Test durchgeführt, unter anderem mit einem 37 Jahre alten, aber unbenutzten Seil, das noch original verpackt war. „Es hat locker die Norm erfüllt“, erinnert sich Alpin-Redakteur Olaf Perwitzschky. Dem DAV reicht das trotzdem nicht: „Okay, dieses eine Seil ist nicht gerissen“, sagt Christoph Hummel. „Aber eine Garantie dafür, dass andere alte Seile – obwohl nie benutzt – die Norm erfüllen, ist das nicht.“ Allein um sich rechtlich abzusichern, würden Hersteller eine Obergrenze festlegen: Maximal zehn Jahre – danach endet die Garantie. „Das heißt nicht, dass ein Seil oder ein Gurt danach reißen. Aber die Sicherheitsreserve wird geringer, denn das Material verliert im Lauf der Jahre an Festigkeit und Elastizität“, betont Hummel.

Einig sind sich beide darin: Die Lebensdauer hängt extrem von der Beanspruchung ab. Ein Seil, das permanent für Toprope-Sicherungen (typischerweise in Kletterhallen und -gärten) durchgenudelt wird, leidet spürbar mehr als eins, das nur bei Vor- und Nachstieg zum Einsatz kommt. Der Abrieb des Mantels wird verstärkt durch Magnesia, Schmutz und Feuchtigkeit – und der Qualität der Karabiner: Je glatter die eloxierte Oberfläche und je runder das Profil sind, desto besser fürs Seil. Verschrammte Uralt-Karabiner indes lassen ein Seil rascher pelzig werden. Weist der Mantel Beschädigungen auf, sollte das Seil aussortiert werden. Schwieriger zu erkennen sind – beispielsweise nach Stürzen – Schäden im Kern. Hier muss man Problemzonen ertasten und bei Verdacht den Knicktest machen: Lässt sich das Seil an einer Stelle ohne nennenswerten Widerstand knicken und zusammendrücken, ist Gefahr im Verzug. Echte Seil-Killer sind chemische Substanzen wie Batteriesäure, weshalb man bei der Lagerung aufpassen sollte: Dunkel (UV-Licht wirkt schädlich) und trocken ist ideal, die Temperatur indes spielt keine Rolle.

Für Gurte, Bandschlingen und Klettersteigsets geben die Hersteller ebenfalls höchstens zehn Jahre Garantie. Auch hier gilt: Liegen keine mechanischen Schäden vor, ist in Eigenverantwortung eine Weiternutzung durchaus möglich. Wovor Hummel aber warnt: „Niemals Bandschlingen als Alternative zum Klettersteigset benutzen – mangels Dynamik würde die Schlinge reißen!“

Fazit

Alte, gut gepflegte Ausrüstung hält mehr (aus), als man denkt. Im Zweifel sollten Kletterer aber auf Nummer sicher gehen.

Von Martin Becker

Was hält wie lange – ein Überblick

  • Seile: Die Hersteller geben für die Lebensdauer eine Garantie von maximal zehn Jahren, wenn das Seil nie benutzt wurde. Ansonsten ist die Herstellergarantie gestaffelt nach Gebrauchsintensität: Bis zu sieben Jahre bei ein- bis zweimal Nutzung pro Jahr, bis zu fünf Jahre bei einmal monatlicher Nutzung, bis zu drei Jahre bei mehreren Einsätzen pro Monat, bis zu einem Jahr bei wöchentlicher Nutzung und weniger als ein Jahr bei täglicher Nutzung. Ältere Seile können, sofern die angegebene Normsturzzahl nicht überschritten ist, beim Hallenklettern noch „aufgebraucht“ werden, da dort keine Stürze über scharfe Felskanten zu erwarten sind.
  • Gurte, Schlingen und Klettersteigsets: Für alle textilen Materialien geben die Hersteller eine Lebensdauer von maximal zehn Jahren an, selbst wenn das Produkt nie im Einsatz war. Auch hier kommt es auf die Einsatzhäufigkeit an: Bei mechanischen Beschädigungen und Verschleißspuren (Risse, Ausfaserungen) sollte Material aussortiert werden. Bei Klettersteigsets gab es in den vergangenen Jahren zwei große Rückrufaktionen wegen Sicherheitsproblemen. Der Deutsche Alpenverein hat die betroffenen Produkte hier aufgelistet: www.alpenverein.de/Bergsport/ Sicherheit/Rueckruf-Klettersteigsets/
  • Karabiner, Sicherungsgeräte und Klemmkeile/-geräte: Solange keine funktionsbeeinträchtigenden Schäden erkennbar sind und insbesondere die Schnapper der Karabiner sauber schließen, können Metallgegenstände verwendet werden. Aber Vorsicht: Ein scharfkantig abgeschliffener Karabiner schadet dem Seil! Gleiches gilt für viele Schrammen (höhere Reibung). Bei Karabinern, die für Slacklines eingesetzt wurden, ist aufgrund der Dauerschwelllast die Festigkeit beeinträchtigt – man sollte sie zum Klettern nicht mehr verwenden.
  • Helme: Kunststoffe altern, weshalb die Helme an Energieaufnahmevermögen verlieren – spätestens nach zehn Jahren sollten sie aussortiert und ansonsten immer wieder auf Risse oder Beschädigungen an der Schale und im Dämpfungsmaterial überprüft werden.

mb

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Alles dabei? So packen Sie den Rucksack für die Wanderung richtig
Was gibt es Schöneres, als einen Tag in der Natur zu verbringen? Damit der Ausflug in die Berge nicht zum Desaster wird, hier ein paar Tipps.
Alles dabei? So packen Sie den Rucksack für die Wanderung richtig

Kommentare