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Hinknien und festhalten vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Mentaltrainerin Petra Müssig (l.) mit einer Kursteilnehmerin

Die tz begleitete einen Kurs für Menschen mit Höhenangst

Mit der Mentaltrainerin auf Bergtour

Höhenangst schränkt ein, raubt Lebensqualität und ist in Bergsteigerkreisen mit Scham verbunden. Deshalb stehen sie an einem August-Sonntag in Oberammergau am Fuße des Labers: acht Bergsteiger, die ihre Höhenangst in den Griff bekommen möchten.

Einerseits entschlossen, sonst hätten sie sich nicht für dieses Seminar der Alpenvereins-Sektion München angemeldet. Anderseits furchtvoll, denn sie wissen: Die Wanderung wird über ausgesetzte Stellen führen. In manchem Gesicht steht die Angst vor der eigenen Courage.

Knackpunkt des Kurses ist die ausgesetzte Kanzel hoch über dem Graswangtal

Am Vorabend schon hat die Mentaltrainerin Petra Müssig die Teilnehmer theoretisch vorbereitet. Eigentlich, so hat sie erklärt, muss man nur wenige Dinge beachten und beherzigen. „Atmen, atmen, atmen", ist das Wichtigste. „Nicht in die Tiefe schauen, sondern immer dorthin, wo es hingehen soll", das Zweite. Und schließlich: „Wenn die Angst kommt, kniet oder setzt euch hin, haltet euch irgendwo fest und wartet – denn die Angst verfliegt nach etwa zehn Minuten, und dann seid ihr wieder handlungsfähig."

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Noch führt der Weg harmlos durch den Wald. Petra nutzteinen Wurzelteppich für etwas Trittschulung. „Beim Bergabgehen nicht zu weit nach hinten lehnen, sondern das Gewicht von Körper und Rucksack über die Füße bringen." Auch die richtige Blickführung hilft beim sicheren Gehen. Je nach Steilheit und Schwierigkeit des Geländes sollte der Blick den Füßen mehrere Meter vorauseilen, um die Ideallinie zu finden. Der Körper folgt dann fast automatisch.

An einer zu querenden Schlucht lässt Petra die Teilnehmer einzeln hinab- und wieder hinausteigen. Die steil abfallende Wasserrinne lässt erste Schwindelgefühle aufkommen. Atmen, atmen, atmen! Und immer auf den Weg schauen! Alle Teilnehmer meistern die Passage. Über eine Felsstufe, an der Petra das richtige Kraxeln auf allen Vieren erklärt, gelangt die Gruppe zum Bergrücken. Und da ist sie schon: eine Aussichtskanzel hoch über Ettal, die über einen handtuchbreiten Grat zu erreichen ist...

Petra überlässt es jedem Teilnehmer, ob er das heikle Stück hin- und zurückgehen möchte. Alle sind fest entschlossen. Also führt Petra einen nach dem anderen über den schmalen Grat, manche händchenhaltend. „Sing, komm sing!", fordert sie eine Teilnehmerin auf. „Wer singt, muss atmen und ist abgelenkt." Also singt die Furchtvolle „Oh Tannenbaum." Ist ihr halt gerade so eingefallen. Auf der beinahe ringsum ausgesetzten Aussichtskanzel (Durchmesser etwa drei Meter) lässt Petra ihre Schützlinge hinsetzen, einen großen Stein anfassen und fragt: „Merkst du, wir dir das gleich Sicherheit gibt?"

Letztlich schaffen alle die Schlüsselstelle. Entspannung, Stolz, Heiterkeit breiten sich aus. Die nächste luftige Passage auf dem Grat zum Labergipfel verbreitet kaum mehr Furcht. Runter geht’s dann mit der Laberbahn. Museale Kabinchen aus den 50er-Jahren. Aber das schreckt heute keinen mehr.

Ingo Wilhelm

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