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Gesäß- und Sattelbreite müssen zueinander passen: Der Fahrradergonomie-Experte Tobias Hild vermisst zuerst den Abstand der Sitzknochen, sucht dann den passenden Sattel aus.

Passt der Sattel zum Gesäß?

Mit Millimeterarbeit gegen den Schmerz

Darüber, ob das Fahrradfahren ein herrliches Vergnügen ist oder eine leidige Qual, entscheiden oft nur Millimeter. Sind Rahmengeometrie, Vorbau und Lenkerbreite aufeinander abgestimmt? Drücken die Griffe unangenehm? Und vor allem: Passt der Sattel zum Gesäß? Bikefitting ist eine kleine Wissenschaft.

Nehmen wir an, Sie möchten sich ein Paar neue Schuhe kaufen. Sie kennen Ihre Schuhgröße, zum Beispiel 42. Aber passt deshalb jeder 42er-Schuh zu Ihrem Fuß? Nein, denn es existieren so viele weitere Parameter: Zehenform, Fußbreite und -wölbung, die Gangart, der Einsatzbereich. Beim Fahrrad ist es ähnlich: Allein die Körpergröße gibt keinen Aufschluss – der eine hat längere Beine und einen kürzeren Oberkörper. Oder umgekehrt. Schulterbreite, Armlänge, das Verhältnis von Ober- zu Unterschenkel: lauter Stellschrauben. Und das Gesäß. Damensattel für Damen, Herrensattel für Herren? So einfach ist das nicht.

Sitzknochen werden mit Stück Wellpappe präzise vermessen

Tobias Hild kennt sich mit der Materie aus wie sonst kaum jemand. Der heute 43-Jährige fuhr als Jugendlicher Motocross, wechselte dann in die damals sich erst entwickelnde Mountainbikeszene, spezialisierte sich auf die Disziplin Downhill (also wildes Bergabrasen über Stock und Stein). Er wurde Testfahrer für große Bike-Magazine, weil er vom Motocross her erstens die nötige Fahrtechnik mitbrachte und zweitens ein perfektes Gespür dafür besaß, welche Elemente ein gutes Downhill-Bike braucht. Eine Rückkehr zum Motocross beendete im Juni 2000 den Drang, ans Limit zu gehen: Bei einer unsanften Landung brach sich Tobias Hild mehrere Rückenwirbel, konnte eineinhalb Jahre auf keinem Fahrrad mehr sitzen. Erst nach einigen Operationen und langer Reha-Phase wagte sich der Extrembiker aus Straßlach im Süden Münchens wieder in den Sattel. Und machte dabei eine höchst erstaunliche Entdeckung: „Mein Körper hatte so etwas wie seismologische Fähigkeiten entwickelt.“ Deutlicher und schneller als früher spürte Tobias Hild Änderungen an Radgeometrie, Sitzposition oder Sattel-Passform. Vor allem aber merkte er, wie all diese Parameter auf seinen Körper wirken. Aus dieser Selbsterfahrung entstand eine erfolgreiche Geschäftsidee: Tobias Hild gründete die Firma SQlab, die sich dem Thema Fahrradergonomie verschrieben hat, und gewann mit seinen Innovationen eine beachtliche Reihe an Tests der Fachmedien.

Seismologische Signale aus dem Körper

Taube Füße und Zehen, Schmerzen am Po: Wie sich derlei vermeiden lässt, darüber grübelte Tobias Hild anfangs nächtelang zusammen mit dem Extrembiker und Urologen Dr. Stefan Staudte, der sich schon während seines Medizinstudiums mit Sätteln und der Biomechanik befasst hatte. In einer Zeit, als Boulevardblätter mit Schlagzeilen wie „Rad fahren macht impotent“ Aufsehen erregten, tüftelten Hild und Staudte (sowie später der Neurochirurg Dr. Markus Knöringer) an Nuancen: Wo liegt möglicherweise das Problem?

So entstand die Idee von der Sitzknochenvermessung, denn dieser Aspekt war bis dato in Tests gar nicht berücksichtigt worden. Breite Sättel für Damen, schmale für Herren? Unsinn, stellten Tobias Hild und seine mittüftelnden Ärzte fest. Der Abstand zwischen den Sitzknochen im Becken „ist in der Summe nämlich sehr individuell“, sagt Tobias Hild. Seine Firma hat inzwischen rund 70.000 Messungen durchgeführt – zwischen sechs und 16 Zentimetern beträgt der Abstand bei Männern, zwischen neun und 17 Zentimetern bei Frauen. Was eine große Schnittmenge ergibt – und einer pauschalen Sattel-Kategorisierung die Grundlage entzog.

Was lässt sich verbessern, um beim Radeln ein optimales Sitzen zu garantieren, bei dem keine Blut- oder Nervenbahnen abgequetscht werden? „Wir arbeiten mit drei Konzepten“, erläutert Tobias Hild. „Der Sattelbreite, der Sattelnase – die bei uns etwas tiefer liegt – und dem sogenannten Active-System. Das ist ein Zentraldämpfer, der beim Treten, wenn die Druckpunkte wandern, mitgeht und so die Druckspitzen wegnimmt.“ Denn ähnlich wie beim Gehen bewege sich das Becken auch bei der Tretbewegung des Radfahrens um circa sieben Grad. Nebenbei schone diese Art der Dämpfung die Bandscheiben, „aber das war eher ein Zufallsprodukt in der Entwicklung“.

Nicht nur Mediziner sind involviert, auch radsportspezifisch wird in der neuen Firmenzentrale in Taufkirchen bei München eifrig geforscht. Dort steht zum Beispiel ein Geometrie-Rad, an dem sämtliche Höhen und Winkel individuell verstellt werden können. Mit der speziellen Kurbel des Trittexperten und Bike-Querdenkers Wolfgang Petzke (der Petzke-Kurbel), erklärt Tobias Hild, „kann man messen, wie viel Leistung aus Wade, Oberschenkel und Gesäßmuskel kommen: Wo sind Dysbalancen?“. Auf diese Weise sowie mit Videoanalysen wird auch getestet, welche Auswirkungen Änderungen am Sattel haben: „Wir probieren das an uns selber aus.“ Dabei helfen dem 43-Jährigen vor allem seine seismologischen Körpersignale, und das nicht nur beim Sattel. Beispiel taube Finger: Je nach Nervenverlauf in der Hand und Größe der Finger kann es zu Blockaden kommen.

„Das sind komplizierte anatomische Zusammenhänge, die wir zu lösen versuchen“, sagt Tobias Hild. Die Lösungen findet er teils im Labor, vor allem aber aus den Isar-Trails im Münchner Süden. Dort testet er Prototypen, spürt mit seinem Körper Unebenheiten, schmirgelt sie mit Schleifpapier weg. So lange, bis der Körper sagt: Ja, das passt. „Unser Thema sind die Kontaktstellen.“ Also Po, Hände und Füße. Teil einer optimalen Ergonomie sind nicht nur perfekt angepasste Radgeometrie und der richtige Sattel, Lenker oder Griff, sondern auch Einlegesohlen für die Schuhe, ähnlich wie bei der individuellen Skischuhanpassung. „Wir bestimmen mit einer Wärmefolie den Fußtyp und fertigen eine Einlegesohle an. Es geht darum, die natürliche Federung des Fußes zu blockieren, weil das taube Zehen geben kann, und die Auflagefläche zu erhöhen, damit der Tritt runder wird.“ Und die Anfangsidee, die Vermessung der Sitzknochen, funktioniert übrigens ganz einfach: mit Wellpappe. Man setzt sich auf einen speziellen Hocker, zieht kurz an zwei Griffen und drückt den Po auf die Wellpappe – anhand der Druckstellen dort erkennt Tobias Hild die Druckpunkte aus dem Beckenbereich. „Ganz simpel“, sagt Tobias Hild. „Schicker ginge es wohl, aber dann funktioniert es nicht so gut.“

Stars wie Mountainbike-Weltmeisterin Hanka Kupfernagel vertrauen seit Jahren auf die Innovationen von SQlab, und bei 800 geschulten Händlern in ganz Deutschland ist eine Sitzknochenvermessung möglich. Der nächste Schritt der Entwicklung ist ein Bikefitting-Konzept, an dem schon seit sechs Jahren gearbeitet wird. „Wir haben eine Software entwickelt, mit der wir einen Menschen vermessen und die Werte auf ein Fahrrad umrechnen. Rund 5000 Bike-Modelle sind in der Datenbank, sodass wir das zur Körpergeometrie passende Fahrrad finden“, verrät Tobias Hild. „Mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit präsentieren wir das Ende August zur Messe EuroBike.“

Weitere Infos unter www.sq-lab.com

Von Martin Becker

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