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Joe Egle, der Pfarrer von Gaschurn, ist im Winter im Montafon als Skilehrer unterwegs.

Montafon: Himmelreich mit Bodenpersonal

Bei schönem Wetter, da kann das Montafon für Skifahrer sowas wie der Himmel auf Erden sein. Joe Egle spielt in diesem Himmel zwei Rollen: Er ist Skilehrer und Pfarrer in Personalunion.

Und eines von vielen Originalen, die das Vorarlberger Wintersportgebiet so einzigartig machen. Andreas Werner war mit ihm unterwegs.  Frühmorgens schimmert noch der Mond über dem Parkplatz der Talstation von Schruns. In gut zwei Stunden wird das Areal voller Autos sein, doch jetzt tapsen nur ein paar schemenhaft erkennbare Gestalten durchs Halbdunkel zur Gondel.

Wenige Minuten später durchbricht der Sessellift auf der letzten Etappe zum Gipfel die Wolken und den noch schlaftrunkenen Augen bietet sich urplötzlich ein himmlisches Panorama. Unten im Tal färbt die aufgehende Sonne den Frühnebel rosa, wie Zuckerwatte sieht das aus. Und rundum tauchen die ersten Strahlen des Tages die Bergspitzen in ein goldiges Weiß.

Es ist 7.30 Uhr, als unsere Skilehrer zum kurzen Aufwärmprogramm rufen. Und dann geht es los, die Hochjochtotale hinunter ins Tal, 1700 Meter unberührte Piste, eine der schönsten und längsten Abfahrten Österreichs!

Ob man sich so den Himmel vorstellen kann? Joe Egle schmunzelt. Nein, sagt er, die Hochjochtotale zum Sonnenaufgang sei zwar ein göttliches Vergnügen, der Himmel seiner Meinung nach aber noch steigerbar: „Stell’ dir die schönste Stunde deines Lebens vor – und mulitipliziere sie mit der Unendlichkeit. Das ist der Himmel.“

Joe Egle (70) muss das wissen, denn er ist in doppelter Hinsicht Spezialist, ist als Skilehrer und Pfarrer in einer Person sowohl für die Bergwelt als auch für den Bereich über den Gipfeln zuständig.

Pfarrer Joe Egler gibt Tipps für das Tiefschneefahren und auch genauso für Tiefpunkte des Lebens.  

Im Montafon will man die Gäste mit Authentizität beeindrucken. Echte Berge echt erleben, lautet das Motto, hier findet man keine Pelzmantelpromenade und keine Partymeile, dafür aber Originale wie Joe Egle, den Pfarrer, der rund 40 Tage im Jahr als Skilehrer auf den Pisten unterwegs ist. Er hat Tipps fürs Tiefschneefahren und die Tiefpunkte des Lebens parat – und bei Bedarf auch eine erlesene Auswahl an selbstgemachten Schnäpsen.

Nach der Saison, sobald der Schnee geschmolzen ist, beginnt Joe mit der Suche nach Heilkräutern. „Der Joe, der macht aus jedem Kraut was Gutes“, weiß Gebhard, der Skilehrerkollege, ebenfalls ein Original der Region. Im Winter lehrt er Touristen den rechten Schwung, im Sommer züchtet er Ziegen.

In Joes Pfarrhaus reiht sich Glasgefäß an Glasgefäß, getrocknete und eingelegte Kräuter, Wurzeln, Blätter, dazwischen blinkt feinpoliert eine Destilliermaschine, an der Wand hängt neben unzähligen Geweihen ein gerahmter Spruch von Goethe: „Natur! Wer ihr zutraulich folgt, den drückt sie wie ein Kind an ihr Herz!“ Der Erlös von Joes Schnapsverkauf geht an ein Hilfsprojekt in Brasilien.

Ist er mit seinen Skischülern unterwegs, ahnen die wenigsten, dass sie gerade mit einem Pfarrer den Skihimmel erkunden. Manche fragen, dann antwortet er, „dass ich im Sommer schon noch einen anständigen Beruf habe“. Und dabei lacht er sein ansteckendes Lachen, und zwei blendend weiße Zahnreihen leuchten in einem jugendhaften frischen Gesicht, dem anzusehen ist, dass der Mann jeden Tag mindestens zwei Stunden in den Bergen verbringt.

Hausapotheke: Hobby vom Joe ist das Heilkräuter-Sammeln und Schnapsbrennen. Neben dem Kruzifix in seinem Pfarrhaus in Gaschurn steht der Brennofen.

Joe, was ist schwieriger, den Leuten näherzubringen: Parallelschwung oder der Weg zu Gott? „Ach, ich will den Menschen keine Normen vorwerfen“, antworter er da. „Ich predige immer: Der Mensch soll sich wohlfühlen – im Diesseits wie im Jenseits. Wenn es mir gelingt, dem Menschen ein Stück Himmel auf Erden zu geben, ist das für mich eine Freude.“ Ab und an klopft abends ein Skischüler an die Tür des Pfarrhauses in Gaschurn, „manchmal wollen die Leute einfach gern ein bisschen reden“. Weit häufiger als eine Absolution gibt es am Ende dieser Besuche dann einen Schnaps. Joe Egles Favorit ist der Meisterwurz. Damit er besser die Kehle runterrutscht, versieht ihn der Pfarrer mit dem Gespür für Leib und Seele mit Honig.

Ein Gläschen davon ist auch nach der Hochjochtotalen ein Genuss. Das Skivergnügen klingt mit einem reichhaltigen Bergfrühstück mit Surer Kees und Brösl (ein typischer Griesschmarrn) aus – oben auf der Bergstation des Kreuzjochs. Nicht im Himmel, aber doch verdammt nah dran.

Andreas Werner

DIE REISE-INFOS ZU MONTAFON

REISEZIEL Das Montafon ist ein Tal im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Mit den Skigebieten Silvretta Montafon Nova und Hochjoch, Golm, Gargellen, Kristberg sowie der Silvretta Bielerhöhe bietet es 243 Kilometer Pisten. Höchster Gipfel ist das Kreuzjoch auf 2395 Metern Höhe. Wenn kommende Saison die Grasjochbahn in Betrieb genommen wird, ist das Montafon das größte Skigebiet Vorarlbergs.

ANREISE Mit dem Auto von München auf der Lindauer Autobahn zirka 250 Kilometer (2,5 Stunden Fahrzeit). Mit der Bahn gute ICE- und EC-Verbindungen via München, Innsbruck nach Bludenz. Von dort in 20 Minuten mit der Montafonerbahn nach Schruns.

REISEZEIT/KLIMA Ende der Skisaison im Montafon ist der 7. April 2013.

REISETYP Winterurlaub pur ohne Schickimicki und Party. „Echte Berge echt erleben“, hat man sich hier auf die Fahne geschrieben, das Tal versteht sich als Ruhe-Oase in hektischen Zeiten.

WOHNEN Das Hotelangebot ist vielfältig – für jeden Geldbeutel ist etwas dabei. Persönlicher Tipp: Die Familie Keßler betreibt in Gaschurn das traditionsreiche (seit 1813) Vier-Sterne-Hotel „Posthotel Rössle“, nur wenige Fußminuten von der Piste entfernt mit Indoor- und Outdoor-Pool, Fitnessraum, Solarium, Dampfbad. Die Skiwoche mit Skipass und Halbpension kostet hier ab 865 Euro. Infos im Internet: www.posthotel-roessle.at

Männertraum: Autor Andreas Werner im Pistenbully.

PISTENBULLY-FAHRT täglich ab 15.15 Uhr; Treffpunkt Valisera Bahn in St. Gallenkirch. Eine Stunde die Pisten präparieren, selbst am Steuer eines Ungetüms sitzen oder dem Spezialisten zusehen; Kosten: 170 Euro (Selbstfahrer), 60 Euro (Mitfahrer); Buchung am Vortag bis 16.30 Uhr an allen Kassen oder unter www.silvretta-montafon.at.

WEITERE HIGHLIGHTS Madrisa-Rundtour (Start und Ziel: Gargellen), die Piste Diabolo (70 Prozent Gefälle, Skigebiet Golm), Silvretta-Skisafari (Partenen), Bergwerkwandern mit Schneeschuhen, Alpine Coaster-Golm-Schlittenbahn, Schneeschuhwandern, Bergfrühstück, Rodelabend mit Profitipps, Nachtrodeln.

WEITERE INFOS Montafon-Tourismus, Tel. 0043/5556/ 72 25 30, www.montafon.at.

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