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Gipfelfoto auf dem Mount Everest mit Foto und Zeichnung von Tochter Lale: Innerhalb weniger Sekunden erleidet Andreas Friedrich schwere Erfrierungen an den Fingern der rechten Hand. Ein hoher Preis? „Nein, das war es absolut wert – die positiven Erfahrungen überwiegen.“

Mount Everest

Fünf Finger für ein neues Leben

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Seit der Erdbeben-Katastrophe im Mai 2014 konnte der Mount Everest zwei Jahre lang nicht bestiegen werden. Heuer ist die Saison am höchsten Berg der Welt wieder aufgenommen worden.

Andreas Friedrich (54) aus München war in diesem Jahr der erste Deutsche, der den 8848 Meter hohen Himalaya-Gipfel erreicht hat.

Zur Begrüßung reicht Andreas Friedrich die Hand. Die linke – seine rechte Hand steckt in einem schwarzen Handschuh. „Erfrierungen an allen fünf Fingern. Die sehen aus wie ein abgerubbelter Radiergummi“, erklärt der 54-Jährige den untypischen Handschlag.

Und das alles wegen zehn Sekunden. Ein kurzer Moment, der die Hand des Münchners in der Eiseskälte von 35 Grad minus schlagartig erfrieren lässt.

13. Mai, 8.56 Uhr Ortszeit. Mit seinem Sherpa Son Dorje hat Andreas Friedrich den höchsten Punkt der Erde erreicht; sich einen Traum erfüllt; eine fixe Agenda im Kopf.

Den berühmten Hillary-Step hat Andreas Friedrich als weniger schwierig empfunden als erwartet.

Einige Wochen zuvor, kurz vor dem Abflug nach Kathmandu. „Papa, du bist echt doof, du musst an Helga und mich denken. Warum besteigst du diesen Berg? Deine Lâle Friedrich.“ Diesen Brief hatte die zehnjährige Tochter an ihren Vater geschrieben, ebenso besorgt wie dessen Lebensgefährtin Helga. „Mit Punkt und Nachnamen, das hat sie noch nie gemacht“, staunt Andreas Friedrich. „Ich habe das gewaltig unterschätzt, wie sehr sie leidet.“ Sogar ein Foto vom Papa habe sich die kleine Lâle jeden Abend ans Herz gehalten; das erfährt der 54-Jährige aber erst auf der Heimreise nach Deutschland, als er mit seiner Tochter telefoniert und aus ihr eine Stunde lang die Emotionen hervorsprudeln wie aus einem Wasserfall.

Auch Andreas Friedrich trug auf dem Mount Everest ein Bild mit sich. Eins, das Lâle ihm gemalt hat: den Papa auf dem Gipfel, mit zwei Sprechblasen, „Ich bin tapfer“ und „Ich habe es geschafft“.

Als der 54-Jährige es tatsächlich geschafft hatte, wollte er die Zeichnung zusammen mit einem Bild seiner Tochter fotografieren. Ein Teil der Gipfel-Agenda, die Andreas Friedrich sich im Kopf zurechtgelegt hatte. Doch in der Praxis, an jenem 13. Mai um 8.56 Uhr, klappt nicht alles wie geplant. Irgendwas an der Kamera klemmte, mit den superdicken Handschuhen ließ sie sich nicht bedienen. Also zog Andreas Friedrich die Schutzschicht zwischen 37 Grad Körpertemperatur uns der Eiseskälte in 8848 Metern Höhe aus. Für etwa zehn Sekunden.

Diese Zeitspanne genügte, um die Kamera in Gang zu setzen. Der plötzliche Temperaturunterschied von rund 70 Grad reichte aber auch, um der rechten Hand irreparable Schäden zuzufügen. „Es hat sich angefühlt wie eine Million Nadelstiche“, beschreibt der Münchner den Schmerz. „Nach einer Minute war die Hand so dick angeschwollen, dass ich Schwierigkeiten hatte, den äußeren über den inneren Handschuh zu ziehen.“

Und die Fotos? Drei seiner „Agenda-Bilder“ (für Tochter, Lebensgefährtin Helga „und für eine fast 100 Jahre alte Dame, die mir sehr viel bedeutet“) ließen sich realisieren, mehr nicht. „Erst, als die Kamera weg war, habe ich das gemacht, was man eigentlich zuerst tun sollte: zu schauen.“

Die meisten Impressionen habe er deshalb im Kopf abgespeichert. Den Blick nach Tibet auf der einen, den nach Nepal auf der anderen Seite; dass die Perspektive, anders auf allen Bergen bisher, nur nach unten reichte, wohin das Auge auch schweifte.

Tränen, Freude, Überschwang? „Nein“, wundert sich Andreas Friedrich rückblickend selbst, „es war eine emotionslose Präsenz. Das ist mir noch nie passiert. Den Raum zu begreifen, diesen unfassbar schönen Gipfel – es war total surreal. Die gut 20 Minuten, die ich dort oben war, haben nicht gereicht, um das alles zu kapieren.“

Es sind Momente, die sein ganzes Leben verändert haben. Weniger wegen der Hand. Sondern wegen der Lektionen, die Andreas Friedrich aus dem Gesamterlebnis Everest gelernt hat und die sein weiteres Leben prägen werden.

Eine der Selbsterkenntnisse ist die, nur ein winziger Krümel zu sein im Vergleich zum großen Drumherum. Schon in Lukla, am kleinen Tenzing-Hillary-Airport, dem Ausgangspunkt für die Everest-Expeditionen, habe es begonnen: „Wenn der Raum ablenkungslos wird, du nur etwas Mächtiges um dich herum hast, dann stellt sich das Gefühl ein, völlig unbedeutend zu sein. Man kann nur reagieren, nichts kontrollieren – dieser Raum ist so dominant, dass er dich akzeptiert; ich darf sein, mehr aber auch nicht.“

Die zweite, für den 54-Jährigen fulminante Entdeckung: „Ich kann spirituell denken.“ Schon vorab hatte der Münchner unglaublich viel gelesen, sich mit der Geschichte des Mount Everest auseinandergesetzt und Informationen aufgesogen wie im Rausch. Schon da spürte er „die besondere Wirkung, die dieser Berg auf mich hat“. Und dann erst, vor Ort, im Basislager auf der Südseite oder bei Akklimatisationstouren auf den Sechstausender Lobuche: „Der erste Anblick des Everest war wie der auf eine fauchende Katze, die dir sagt: ,Bleib weg!‘ Ich habe diese Interaktion gespürt, die erste Kontaktaufnahme – das war nicht ermutigend.“

Und dann war da noch Jomo Miyolangsangma. Die Göttin, die nach dem Glauben der Buddhisten auf dem Everest wohnt; sie ist eine der „fünf Schwestern des langen Lebens“ und vor Jahrhunderten von der Dämonin zur Göttin geworden, glauben die Sherpas. „Der Everest“, sagt Andreas Friedrich über sein spirituelles Empfinden, „hatte für mich die Natur als Berg verloren.“ Er sah darin vielmehr den Sitz der Göttin – und er bat sie darum, die Erlaubnis zu erhalten, einmal hinaufkommen zu dürfen. „Ich habe immer wieder mit ihr gesprochen. Es war irgendwie eine religiöse Verbindung.“ Und irgendwann, ein paar Tage vor dem Aufbruch zum Gipfel, spürte der Münchner das göttliche Okay: „Total irrational, unbeschreiblich.“

Auf diesen Augenblick hatte der Flugkapitän fast zehn Jahre lang hingearbeitet. Mit ersten Siebentausendern, dann, im Jahr 2012, dem Manaslu als erstem Achttausender. Als er merkte, dass er die dünne Luft in der Höhe gut verkraftete, reifte die Vision von einer Expedition zum höchsten Punkte der Erde.

60 000 Euro investierte Andreas Friedrich in die Expedition unter Leitung des erfahrenenen Neuseeländers Russell Brice von „Himalayan Experience“. Viel Geld, aber: „Ich vertraue ihm.“ So hatte Russell Brice am Südsattel und in Lager 3 genug Flaschensauerstoff für Notfälle gebunkert – anders als nepalesische Billiganbieter, bei denen die Everest-Expedition nur ein Drittel kostet. Ein Schnäppchen, das im Ernstfall bei abgespeckter Unterstützung zum unlösbaren Problem werden kann: Fünf Menschen verloren heuer ihr Leben.

„Bei Russell Brice gab es in 30 Jahren keinen Toten“, erzählt Andreas Friedrich. „Er betreibt ein extrem umsichtiges Risikomanagement, verfügt über die Genialität, Berge zu lesen und Fakten zusammenzufügen – geht’s heute oder geht es nicht?“ Und, das ist dem Münchner wichtig: „Russell Brice behandelt seine Sherpas 1a, bezahlt sie überdurchschnittlich, ermöglicht ihnen und den Familien damit ein gutes Leben.“ Einsatz, der sich rentiert: Die Sherpas stehen Schlange, um bei diesem Expeditionsanbieter arbeiten zu dürfen. Was eine hohe Qualität generiert; am Berg, aber beispielsweise auch in Basis- und Hochlager bei den Köchen. „Die sind extrem wichtig, das Fundament des Erfolgs. Einmal billiges Fett benutzt... Wir wurden bestens versorgt, es gab neben kalorienreicher Kost Knoblauch ohne Ende, um das Blut dünn zu halten.“

Vorab hatte der 54-Jährige nicht nur an seiner Physis gefeilt, sondern auch Mentaltraining absolviert. Um konzentriert und fokussiert zu sein auf Ereignisse, die man vorwegnimmt. Automatismen, „die wie Filme ablaufen, wenn Körper und Geist in der Höhe nicht mehr entscheiden können, sich aber ans Antrainierte erinnern“. Wie nach der mühsamen Passage ins Lager 4, als Andreas Friedrich todmüde ins Zelt kroch. „Bevor ich in ein Loch fiel, kamen automatisch diese Prozesse – essen, trinken, warum bist du hier?“ Apropos Höhenmahlzeit: „In Lager 3 dauerte es eine Stunde, um einen Liter Schnee zu schmelzen. Und mein Versuch, Mandeln und Rosinen zu kauen, scheiterte – nach fünf Löffeln hatte ich keine Kraft und Lust mehr.“

Die rechte Hand steckt im Handschuh: Everest-Besteiger Andreas Friedrich (l.) im Gespräch mit unserem Redakteur Martin Becker.

70 Tage Expedition. Ein volatiler Khumbu-Eisfall, der sich ständig veränderte („Wir mussten schneller sein als das Risiko“). Ein Hillary-Step, der heuer wegen des vielen Schnees eher einfach(er) zu klettern war. Und trotzdem Leute im 2016 relativ überschaubaren Basislager, die erstmals in ihrem Leben mit Steigeisen hantierten: „Sowas ist fürchtlerlich anzusehen, einige Menschen gehören einfach nicht dorthin.“ Die immer wieder schwelende Reinhold-Messner-Kritik, der Everest sei dank der Sherpas zum Autobahn-Alpinismus verkommen, teilt Andreas Friedrich dennoch in keiner Weise: „Das ist immer noch knochenharte Arbeit und extremes Bergsteigen. Ein falscher Schritt genügt.“

Das ist es, wovor Tochter Lale Angst hatte.

Eine Angst, die Andreas Friedrich kennt. 2009 ist er von einer Lawine verschüttet worden, Sherpas retteten ihn damals. 2012, bei der großen Lawinentragödie mit vielen Toten am Manaslu, hatte der Münchner einfach das Glück, dass sich der Abmarsch verzögerte und er deshalb unbehelligt von den mörderischen Schneemassen blieb.

„Ich hatte zweimal das Glück, mein Leben geschenkt zu bekommen. Jetzt möchte ich daher etwas zurückgeben“: mit einem Projekt in Nepal. Als Dank an die Hilfe der Sherpas und damit ihnen bessere Bildung zugute kommt.

Das Projekt: Im abgelegenen Bergdorf Kagate, auf 2200 Metern Höhe, will Andreas Friedrich eine Schule bauen. Und gute Lehrer organisieren, die den Kindern Ziele und Durchhaltevermögen vermitteln. „Mut, Disziplin – Teil der Expedition war es auch, ein Vorbild zu sein für diese Kinder. Ihnen zu zeigen: Setzt euch Ziele!“ Mit Verena Bentele, zwölfmalige Paralympics-Siegerin und Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. hat er eine prominente Fürsprecherin für das rein spendenbasierte Projekt, das Kontur bekommt: „Das Fundament wird gerade gegossen, Holz und Metall haben wir schon gekauft. 2017 soll die Schule eröffnet werden.“

Diese Bilder hat Andreas Friedrich im Kopf, und die vom Thron der Göttin. Er schaut auf den schwarzen Handschuh, der die rechte Hand umhüllt: „Die Finger werden lebenslang empfindlich bleiben. Aber diesen Preis ist es mir absolut wert. All die Lektionen, die ich gelernt habe, und die neuen Gefühle überwiegen das Theater, das diese fünf Finger künftig machen werden.“

Infos zum Nepal-Projekt von Andreas Friedrich unter www.mountainprojects.de

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