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Der Streckenchef vom MTB-Festival, Stefan Niedermaier (43, r.) beim Interview mit unserem Redakteur Martin Becker.

Streckenchef Stefan Niedermaier im Vor-Ort-Interview am Wallberg

MTB-Festival: Darum gibt's eine völlig neue Strecke

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Rottach-Egern - Für das Mountainbike-Festival Tegernseer Tal am 4./5. Juni gibt es ein neues Streckenkonzept. Streckenchef Stefan Niedermaier erklärt vor Ort bei einer Testfahrt, warum.

Nach dem kurzen Aufwärmprogramm zwischen Rottach-Egern und der Talstation der Wallbergbahn fragt Stefan Niedermaier: „Was magst fahren – Stier oder Gams?“ Die Titulierungen implizieren, was gemütlicher und was anstrengender ist. Wenn schon, denn schon: also die Stier-Runde. Auf dem Sommerweg strampeln wir, teils in strammer Steigung, hinauf Richtung Wallbergsattel. „Gabel auf!“, ruft Niedermaier vor einem Graben mit Betoneinsätzen. Zu spät reagiert, Fahrfehler – ein paar Meter schieben. 

Beim Glaslhang (im Winter mit Skiern die Freerideabfahrt) machen wir eine Fotopause, am Wallberghaus einen Zwischenstopp, dann geht’s über die Rodelbahnroute – Stockhang und Klaffergraben – sowie einen kurzen Trail zur Wallbergmoosalm. Der richtige Ort, um auf der urigen Hüttenterrasse vor dem Finale – mit nochmaliger kurzer Bergaufstrecke sowie feinen Trails hinunter nach Kreuth – das Interview zu führen.

Strecken-Chef im Interview

Anders als in den Jahren zuvor schwärmen die Routen für die unterschiedlichen Renn-Distanzen diesmal nicht sternförmig aus, sondern sind ausschließlich auf den Wallberg konzentriert, wo der Rundkurs dafür bis zu drei Mal gefahren werden muss. Was ist der Hintergrund?

Stefan Niedermaier: Ja, das ist eine konzeptionelle Änderung. Die rührt unter anderem daher, dass es immer schwieriger wird, die Genehmigungen zu erhalten von den Eigentümern der Grundstücke, die bei uns recht kleinteilig strukturiert sind. Wenn sich nur ein Bruchteil dagegen verwehrt, gibt es Interessenkonflikte, weshalb die Streckenfindung immer schwieriger wird. Zum anderen haben wir eine Wandlung. Nämlich, dass der klassische Marathon-Mountainbiker, den wir seit über einem Jahrzehnt ansprechen, nur ein Teil der Fahrradszene ausmacht. Mit dem neuen Konzept versuchen wir den Brückenschlag, zeitgleich ein Rennen für Enduro-, Allmountain-, Touren-, Mountain- und E-Biker zu bieten.

Dafür gibt es zwei Routen, Gams für die Kurz- und Mitteldistanz, Stier für die Langdistanz. Was charakterisiert diese Strecken?

Niedermaier: Der Stier führt über den Sommerweg knapp 800 Höhenmeter zum Wallberghaus, nach der Abfahrt über die Rodelbahn zum Wallbergmoos kommen 200 Höhenmeter zum Setzbergsattel hinzu, danach fahren wir über einen einsteigerfreundlichen Singletrail hinunter nach Kreuth. Die Gams ist zahmer, gefahren wird auf der Wallbergstraße zum Wallbergmoos – ab dort sind beide Strecken gemeinsam unterwegs.

Alles quasi an einem Berg, dafür mit ein bis drei Runden: Wie ist die neue Konzeption angenommen worden?

Niedermaier: Anfangs mit sehr viel Kritik, das muss man ehrlich sagen. Wir hatten unsere Teilnehmer 13 Jahre lang verwöhnt mit bis zu fünf unterschiedlichen Strecken. Doch über 200 Kilometer Streckennetz zu unterhalten und abzusichern mit Streckenposten, Bergwacht und BRK, das ist sehr schwierig. Und mit der Funkversorgung gibt es Probleme, um die Rettungskette gut und sauber zu platzieren. So kam die Frage auf: Wie und was können wir realisieren? Wir wollten zurück in den Ort, damit sich dort mehr rührt, und sind dann über eine Bierlaune zu dem Rundstreckenrennen auf den Wallberg gekommen. Vergleichbare Rennen boomen durchaus, und das Angebot mit neuen Wertungsklassen ist breiter gefächert: Die Mountainbiker können als Staffel teilnehmen, sich auf Uphill-, Downhill- oder Ausdauerwettbewerb konzentrieren, je nach Spezialisierung. Insgesamt ist so jeder Teilnehmer flexibler.

Kann es, da ja die Strecken teils von mehreren Wettbewerben parallel genutzt werden, zu Engpässen kommen?

Niedermaier: Wir haben uns andere Rennen angeschaut, sind mitgefahren, um zu lernen, zum Beispiel im Salzkammergut oder in Kirchzarten. Die Strecken führen zwangsläufig immer wieder zusammen – bei unserem Konzept fahren die Teilnehmer mehr zusammen, aber wir haben auch relativ breite Wege. An der Stier-Auffahrt zum Wallberg wird es sich relativ schnell entzerren, nach der Verpflegungsstation am Wallbergmoos ist der Weg auch breit genug. Unser Nadelöhr wird der Singletrail nach Kreuth zur Wieden sein. Aber, umgerechnet auf Streckenlänge und Teilnehmerzahl, haben wir im Durchschnitt alle 40 bis 60 Meter einen Fahrer. Klar, es kann mal ein bisschen stocken, aber im Großen und Ganzen wird es sich gut verteilen.

Wird das, vor dem Hintergrund der genannten Probleme, die Zukunft sein, die Rennstrecken auf einen Sektor zu konzentrieren?

Niedermaier: Das wird sich weisen. Bei den Marathonfahrern fehlt uns der ein oder andere – dafür kommen mehr Endurofahrer und E-Biker hinzu, die bisher den Wettkampf gescheut haben. Unser Ziel ist es, eher in die Breite der Mountainbikeszene zu gehen – darin sehen wir Steigerungspotenzial, und dann spricht nichts dagegen, das Rennen auch in den kommenden Jahren am Wallberg fortzuführen.

Leidet der touristische Aspekt, weil das Tegernseer Tal nicht mehr, wie in all den Jahren zuvor, in seiner Vielfalt erfahren wird?

Niedermaier: Sicher, die Streckenvielfalt ist geringer, aber die Blicke sind trotzdem wunderschön. Egal ob auf der Gams oder dem Stier, man sieht den Tegernsee mit allen Ecken und Enden, die Blauberge, den Leonhardstein. Nehmen wir die klassische Marathonrunde wie in der Schwarzentenn, wo die Problematik anfing: Du fährst auf einer breiten Forstautobahn durch Fichten hindurch, das schaut letztlich ähnlich aus wie im Bayerischen Wald oder im Schwarzwald. Jetzt kommen wir mit einer anspruchsvolleren Strecke vom Tal weg und haben dafür schönere Blicke. Und die Abfahrten sind, wie wir vorhin ja gesehen haben, auch nicht schlecht. Die Strecke ist attraktiv und anspruchsvoll.

Kritiker sagen, durch solch eine Großveranstaltung leiden zu sehr die Natur und die Wege.

Niedermaier: Das ist immer eine Ansichtssache. Wenn man Waldbesitzern, Bauern und Jägern zuhört, verstehe ich natürlich die Ängste. Man muss einen Kompromiss finden, beide Seiten hören. Es sind nur wenige, die eine Szene in Verruf bringen. Vorhin am Sommerweg haben wir zum Beispiel die Abkürzer gesehen – das sind nicht Radlfahrer, sondern die Wanderer, doch die haben ein besseres Standing als die Mountainbiker. Daran müssen wir beim Mountainbiker arbeiten: dass er zu 95 Prozent ein toller Gast ist, der sich gern bewegt und die Natur genießt und sich bewusst ernährt. Man muss beide Seiten hören, die Ängste abbauen und ein Miteinander in eine Bahn lenken.

Nach wie vor existiert ein gewisses Feindbild, das Wanderer gegenüber Mountainbikern haben. Teils auch umgekehrt. Wie können die unterschiedlichen Gruppen der Bergtouristen ihre Animositäten reduzieren, zum Beispiel durch ein aktiv-positives Verhalten? Wie sähe ein gutes Nebeneinander aus?

Niedermaier: Es geht nur mit Rücksichtnahme – von beiden Seiten. Dass ich als Fußgänger einen Schritt weit zur Seite gehe, wenn von oben einer ankommt oder von unten einer ankeucht. Dass ist als Mountainbiker Rücksicht nehme auf den Fußgänger , der das schwächere Glied in der Kette ist. Es geht nur mit Toleranz. Wir haben eine wunderschöne Gegend, damit sind wie begnadet hier, aber der Platz ist nicht unlimitiert, wir sind hier nicht in Kanada, wo man drei Tage lang keine Menschenseele trifft. Drum geht’s nur miteinander.

Nochmal zum MTB-Rennen: Der Titel lautet bewusst „Stier vom Wallberg“, dahinter steckt eine schöne wintersportliche Geschichte...

Niedermaier: In den 50er und 60er Jahren wurde einen Skirennen ausgetrageb, der „Blitz vom Wallberg“ um den „Goldenen Schild“. Ein migrierter Rottacher, der Maurer Karl aus der Garmischer Ecke, war beim Skiclub Rottach tätig und hat damals den Abfahrtslauf revolutioniert in einer Zeit, als der Skisport gerade erst aufkam. Es gab damals noch keine Beflaggung oder Zwischenzeitnahmen wie bei heutigen Rennen, sondern nur den Start an der Bergstation und das Ziel ab der Talstation. Der Maurer Karl war dann eine Minute vor dem Zweiten, und es hieß, da muss etwas mit der Zeitnahme schief gelaufen sein. Also haben sie den Maurer Karl in die Gondel gesetzt, damit er nochmal fährt – das Resultat blieb das gleiche. Das könne nicht mit rechten Dingen zugehen, munkelte man und deshalb sollte er demonstrieren, wie er denn fährt. „Grad runter halt, in der Falllinie in der Abfahrtshocke“, meinte er lapidar. Dadurch ist die Abfahrtshocke geboren worden, und der Maurer Karl war fortan der „Stier vom Wallberg“. Leider ist er, bevor der Skisport populär wurde, schwer gestürzt, beide Beine mussten amputiert werden. So war seine Karriere leider vorbei, aber der Ruf als „Stier vom Wallberg“ eilt ihm heute noch hinterher. Vor Kurzem ist er verstorben – wir wollen mit dem Renntitel an ihn erinnern und ihn noch ein bisschen hochleben lassen

Quelle: tz

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