Unter Strom

Münchner Experte Semsch: Mit dem E-Bike 7561 Kilometer durch Deutschland

Im Jahr 2008 strampelte Maximilian Semsch in 211 Tagen von München mit dem Trekkingbike nach Singapur. 2012 umrundete er Australien mit einem E-Bike und legte dabei 16 000 Kilometer zurück. Der Extrem-Radler im Interview.

Seither gilt der Filmemacher und Teilzeitabenteurer – am 21. Oktober ist er in der VHS Germering zu sehen – als Experte für elektrounterstützte Fahrräder. Vor ein paar Wochen kehrte der 33-jährige Münchner von seinem jüngsten Abenteuer zurück, einer viermonatigen E-Bike-Reise durch Deutschland.

Herr Semsch, per E-Bike durch die Heimat klingt nicht gerade nach einem Adventure-Trip…

Semsch: Bisher trieb es mich immer in die Ferne. Vor der Haustür kann man nichts erleben – dachte ich. Das Gegenteil war der Fall. Man muss nicht zwingend in den Hindukusch aufbrechen und sich dort in Lebensgefahr begeben, um ein Abenteuer zu erleben. Das funktioniert auch in Deutschland.

Ein paar Fakten zur Reise bitte.

Semsch: Ich war über vier Monate mit dem E-Bike in Deutschland unterwegs, habe 7561 Kilometer zurückgelegt – ohne Platten.

Waren Sie alleine auf Tour?

Semsch: Grundsätzlich ja. Über meine Facebook-Seite lud ich Menschen ein, mich tageweise zu begleiten. Insgesamt traf ich etwa 200 Personen. Länger als zwei Tage war ich nie alleine. Gelegentlich kontaktierte ich auch die Tourismusverbände der Bundesländer. Im Erzgebirge z. B. durfte ich Skisprunglegende Jens Weißflog kennenlernen. Er betreibt in seiner Heimat ein Hotel und stellt seinen Gästen E-Bikes zur Verfügung.

Ihre erste Reise von München nach Singapur traten Sie noch mit einem Trekkingbike an…

Semsch: Als ich 2012 Australien umrundete, war das Thema E-Bike ganz neu. Ich wollte es ausprobieren. Gerade auf langen Reisen ist ein E-Bike sehr reizvoll. Man schafft mit demselben Kraftaufwand deutlich mehr Strecke. 20 km/h gehen immer. Auch bei starkem Gegenwind oder in steilem Gelände. Jeder, der halbwegs fit ist, kann mit einem E-Bike eine mehrwöchige Tour unternehmen. Man muss dafür kein super trainierter Profisportler sein.

E-Bikes wurden als Oma-Fahrräder belächelt. Hat sich das Image gewandelt?

E-Biker Semsch mit den Daten seiner Deutschland- Tour.

Semsch: Als ich 2012 ankündigte, auf einem E-Bike Australien zu umrunden, erntete ich einen Shitstorm. Menschen, die 400 Kilometer in der Woche auf dem Rennradel abspulen, finden E-Bikes natürlich immer noch übel. Aber blöde Kommentare sind heute selten. E-Bike ist längst ein Trend geworden. Auf meiner Deutschlandreise habe ich viele junge E-Biker getroffen. Manche legen mit dem E-Bike ihren Arbeitsweg zurück und wollen auch nach 30 Kilometern nicht verschwitzt im Office ankommen. Andere haben einfach nur Spaß daran. Das E-Bike ist längst kein Ü 70-Gefährt mehr. Aktuell sind auf Deutschlands Straßen 2,5 Millionen EBikes unterwegs. Alleine 2015 wurden 500 000 verkauft.

Produziert jede bekannte Fahrradmarke auch E-Bikes?

Semsch: Die meisten. Ich fahre z. B. ein Haibike-Rad mit Bosch- Motor. In den letzten Jahren hat sich viel getan, die Motoren sind leistungsstärker geworden und verfügen über eine größere Reichweite. Wobei man unterscheiden muss: Geschätzt 95 Prozent aller Fahrräder, die man als E-Bike bezeichnet, sind – wie mein Rad – sogenannte Pedelecs, bei denen der Motor nur anspringt, wenn man auch in die Pedale tritt. Solange ich nicht trete, bewege ich mich nicht fort. Es gibt aber auch Räder, die über eine Art Gashebel verfügen.

Wie lange hält der Akku?

Semsch: Ohne Gepäck bis zu 230 Kilometer. Da ich aber mit 40 Kilo Gepäck unterwegs war, verkürzte sich meine Reichweite auf durchschnittlich 100 Kilometer. Angesteckt an eine ganz normale Steckdose dauerte das vollständige Laden bei mir circa 3,5 Stunden.

Braucht man Vorkenntnisse?

Semsch: Jeder, der Fahrradfahren kann, kann auch E-Bike fahren. Da man jedoch mit höherer Geschwindigkeit unterwegs ist, muss man vorausschauender fahren. Ich empfehle älteren Herrschaften ein Fahrtraining zu buchen. Man sollte sein E-Bike außerdem unbedingt im Radladen kaufen und nicht online bestellen.

Wo kauft man in München am besten ein E-Bike?

Semsch: Ob beim Radlbauer, Velo am Ostbahnhof oder beim kleinen Fachhändler um die Ecke – hauptsache man wird gut beraten und bei anfallenden Reparaturen entsprechend gut betreut.

Was, wenn der Motor ausfällt?

Semsch: Das gab’s bei mir noch nie. Passiert es, kann man ohne Motorunterstützung trotzdem weiterfahren. Es tritt sich nur ein bisschen schwerer, da E-Bikes circa fünf Kilo mehr als normale Fahrräder wiegen.

Fahren eigentlich mehr Frauen als Männer E-Bikes?

Semsch: Querbeet. Ich kenne sogar männliche Profi-Radsportler, die sich zu Trainingszwecken ein E-Bike angeschafft haben, weil man die Ausdauereinheiten damit besser steuern kann.

Was brauche ich an zusätzlicher Ausrüstung? 

Semsch: Ich trage einen Helm, obwohl dieser in Deutschland nicht Pflicht ist, auf langen Touren des Komforts wegen eine gesäßfreundliche Radlerhose und Radhandschuhe. Sonst braucht man nichts weiter als bequeme Sportkleidung.

Wird es zu Ihrer Deutschland- Tour eigentlich wieder einen Film geben?

Semsch: Ab März 2017 ist mit dem neuen Film und einem neuen Vortrag von mir zu rechnen. Ich bin gerade eifrig am Schneiden.

Interview: Johanna Stöckl

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare