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In der Nacht durch München streifen.

Schlag neun Uhr

Nachtwächter führen durchs finstere München

„Gott zum Gruße!“ ruft die rothaarige Frau den Passanten zu. Vor der Mariensäule am Münchner Marienplatz steht sie mit schwarzem Umhang und Hut. In der Hand hält sie eine Laterne.

Bis vor kurzem schoben sich die Menschen, die ihre Weihnachtseinkäufe erledigten, noch durch die Straßen der Innenstadt. Mit Einkaufstüten in der Hand. Die merkwürdige Frau indes hält eine Hellebarde fest umklammert. Über ihr schlägt die Turmuhr des Rathauses neun mal, neun Uhr abends. Die Zeit des Nachtwächters. Ein Grüppchen von Menschen hat sich bereits um die Frau geschart, ausgezeichnet mit dem Zeichen „des Magistrats“ am Jackenrevers.

„15 Kreuzer, bittschön!“ Die Nachtwächterin streckt die Hand aus und verstaut das Geld in ihrem Beutel, der neben einem großen Schlüssel und einem Horn an ihrem schweren Ledergürtel hängt. „I bin die Afra aus dem Rittsteigischen und bin 1295 apud Munichen aufgebrochen,“ stellt sie sich vor. Dann geht es los, der Rundgang durch das nächtliche München alias Munichen des Mittelalters. Wehe dem, der sich um diese Uhrzeit noch auf den Straßen innerhalb der Stadtmauer herumtreibt, den treibt die Nachtwächterin mit ihrer Hellebarde Richtung Kerker. Wegdenken muss man sich die helle Straßenbeleuchtung, das hektische Treiben rund um den Marienplatz. Am Nordtor des Domes zu Unserer Lieben Frau fällt die Vorstellung schon leichter. Hier ist es ruhiger. Feuchtkalter Sprühregen und eiskalter Wind rund um die Kirche tun ihr Übriges, als Afra die Geschichte von dem teuflischen Bündnis zwischen Luzifer und dem Dombaumeister Jörg von Halsbach erzählt.

Wo das Teufels-Roß um den Dom rast

Unten, an der Ecke von Frauenplatz und Augustinerstraße, dort wo einst der Münchner Stadtbach floss und noch Reste der alten Stadtmauer erhalten sind, spürt man, wie es – auf ewig verdammt um den Dom rast: das windige Teufels-Roß namens „Pfluferl“. Auf der Südseite der Frauenkirche bleibt Afra wieder stehen. Hier war der alte Friedhof, erzählt sie, der Gottesacker. „Wer es sich leisten konnte, der ließ sich nah am Altar begraben“. Schaurig ist die Vorstellung, dass Unwetter häufig die nicht allzu tiefen Gräber aufspülten, worauf die Leichen im Stadtbach umherschwammen.

Solche Geschichten weiß Ulrike Wagner, alias Afra, viele zu erzählen, während sie ihre Gruppe etwa zwei Stunden lang durch die Münchner Altstadt führt. Im echten Leben ist Wagner Schauspielerin und seit knapp drei Jahren als Nachtwächterin für die Stadtführungen des Weis(s)en Stadtvogels unterwegs.

Seit Anbeginn des Marktrechts für Munichen bis ins Jahr 1790, streiften die nächtlichen Ordnungshüter durch die Stadt und schickten alle ehrbaren Bürger in ihre Häuser. Schlag neun Uhr abends wurden die Tore geschlossen – eine weitere Aufgabe der Nachtwächter. Wer sich da noch in den Straßen herumtrieb, war entweder Gesindel oder ein Ehrloser und wurde vom Nachtwächter aufgegriffen. „Ich selbst werde nicht in der Nähe der Kirche begraben,“ erzählt Afra weiter, „denn auch ich bin eine Ehrlose. Wir Nachtwächter gehören wie die Henker zu den Ehrlosen, können in keine Zunft eintreten und keinen Handwerksberuf erlernen, dafür aber hat mir der Magistrat eine Kammer im Stadttor zugeteilt, in der ich wohnen kann.“

Verachtet von den Mitbürgern

Schlecht bezahlt wurde der gefährliche Beruf vom Magistrat der Stadt zudem. Doch für Generationen von Nachtwächtern war es oft die einzige Möglichkeit des Broterwerbs. Verstarb der Nachtwächter, so kam es vor, dass Frauen den Beruf weiterführen mussten. Verpönt von den Mitbürgern. „Wer nachts unterwegs war, der wurde verachtet,“ erzählt Ulrike Wagner. „Man muss sich vorstellen, dass es völlig dunkel war. Die Menschen glaubten an Geister und Hexen, die angeblich, sobald es dunkel wurde, unterwegs waren.“ Vorbei an der Weinstraße, die bis nach Italien führte und seit der Stadterweiterung Theatinerstraße hieß, geht es Richtung Theatinerkirche, die dem Bettelorden der Theatinermönche gehörte. Ihre Glocken dienten vor allem dazu, die Gläubigen zum Spenden aufzurufen, wenn die Ordensbrüder zu großen Hunger hatten.

Gruseliges und Schauriges

Am Marienhof erzählt Afra die schaurige Sage vom Waller im Walchensee. Jedes Jahr musste dem Riesenfisch ein goldenes Ringlein aus der Gruftkirche unter dem Marienhof geopfert werden, um ihn milde zu stimmen. Schon damals forderte der tiefe See, den man mit den Weltmeeren verbunden glaubte, seine Opfer. „Wisst ihr, warum Ludwig der Strenge so hieß?“, fragt Afra, als sie am Alten Hof, den der Herzog erbauen ließ, Halt macht. „Wegen seiner Frau! Er hat sie köpfen lassen, weil er vermutete, dass sie in seiner Abwesenheit einen Liebhaber hatte.“ So rollen in den gruseligen Geschichten der Nachtwächterin, die zu später Stunde mit ihren Zuhörern durch die bayerische Landeshauptstadt zieht, nur so die Köpfe. Menschen werden erhängt und gefoltert. Vor allem im Kerker, unter dem heutigen Hausnummernschild Marienplatz 15. Am Ende der Tour bleibt die Nachtwächterin unter dem Turm des Alten Peters stehen und zeigt auf ein Fenster mit einem kleinen Glöckchen. „Das Malefizglöckchen klingelte immer, wenn eine Hinrichtung am Schrannenplatz, dem heutigen Marienplatz stattfand.“ Zum Abschied entlässt Afra ihre Gäste mit dem Nachtwächterlied aus den Meistersingern von Nürnberg in die Nacht: „Hört ihr Leut und lasst euch sagen…“

Von Sonja Vodicka

FÜHRUNGEN

  • München: Weis(s)er Stadtvogel Unterer Anger 14, 80331 München, Tel. 089/203245360, www.weisser-stadtvogel.de
  • Freising: „Unterwegs mit dem Nachtwächter“ Buchung der öffentlichen Führungen über die vhs Freising, Tel. 08161/49070, www.vhs-freising.org
  • Rosenheim: Abendführung „Sechs Tore hat der Markt“ Touristbüro im Kultur- und Kongresszentrum, Tel. 08031/3659061, www.touristinfo-rosenheim.de

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