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Auf Bayerns Seen dürfen nun auch Kanus verliehen und Touren geführt werden.

Das neue Paddelparadies

Warum nur hat die Bayerische Staatsregierung uns dieses Vergnügen so ­lange vorenthalten? Unterstützt von einer Sommerbrise fahren wir mit geliehenen Kajaks über den Simssee.

Vorne plätschert die Bugwelle, links und rechts gurgeln die Strudel, die vom Paddel ins Wasser gesetzt wurden. Die Augen schweifen von der Kampenwand zur Hochries, und alle trüben Gedanken versinken im glasklaren Wasser.

Kajaktouren auf dem Chiemsee

Die Priener Firma Chiemsee-Sports führt fünfstündige Touren in Zweierkajaks auf dem „bayerischen Meer“, in der Regel mit Mittagspause auf der Fraueninsel.

Jederzeit buchbar für Gruppen ab vier Personen, auch für Kinder. Preis: 59 € pro Person, ab zehn Teilnehmer 20 Prozent Rabatt. Infos und Anmeldung: www.chiemsee-sports.de, Telefon 08054/908711.

Die Firma Parker Outdoor verleiht Kajaks am Chiemsee nach vorheriger Reservierung: bis vier Stunden 15 €, ganzer Tag 20 € pro Kajak. Außerdem kann man auch hier geführte Seekajaktouren buchen. Täglich möglich nach Anmeldung, mindestens sechs Teilnehmer, Preis je nach Länge der Tour. www.parkeroutdoor.com, Tel.: 086 42/595 56 50.

Die Kajakfirma Prijon veranstaltet geführte Touren auf dem Chiemsee mit Möglichkeit zum Baden und Einkehren. Jeden Freitag ab 13 Uhr ab Prien. Dauer drei Stunden, Preis 45 € pro Person. Leihmaterial bei vorheriger Anmeldung. www.prijon.com, Tel.: 08031/303 70

Während etwa Mecklenburg-Vorpommern seit Jahren alles tut, um Kanutouristen auf seine Seen zu locken, galt bis Ende April in Bayern ein seltsames Verbot: Auf Gewässern erster Ordnung – dazu zählt auch der Simssee – durften Kanus weder verliehen noch kommerziell Paddeltouren geführt werden. Ob auf Druck der Ruderboot-Verleiher oder der Seen-Schifffahrt? Darauf möchte Toni Prijon an diesem prächtigen Paddeltag nicht näher eingehen. Hauptsache, das Verbot ist endlich aufgehoben. Und das haben wir nicht zuletzt dem 49-jährigen Chef der Rosenheimer Kajakfirma Prijon zu verdanken, der uns heute über sein Hausgewässer, den Simssee, führt. Im Bunde mit Tourismus­managern hat Toni Prijon das Wirtschaftsministerium davon überzeugt, dass Paddeln eine wertvolle Sache ist.

Allerdings gibt es strenge Sicherheitsregeln für den Verleih auf bayerischen Seen: Alle Leihkanus – ob Kajak (mit Doppelpaddel) oder Kanadier (mit Stechpaddel) – müssen TÜV-geprüft sein. Die Gelegenheitspaddler bekommen eine Einweisung, die auch Umweltaspekte wie den Schutz von Vogelbrutgebieten beinhaltet. Sie dürfen sich mit den Booten nicht weiter als 300 Meter vom Ufer entfernen. Und Schwimmwesten sind Pflicht.

Kanuverleih und geführte Touren – aus Toni Prijons Sicht sind das prima Gelegenheiten, in den Paddelsport hineinzuschnuppern. „Vom Kajakfahren herrscht in der Öffentlichkeit ein schiefes Bild vor“, findet der Weltmeister im Kanu-Slalom von 1987. „Die meisten denken automatisch an Extremsport und spektakuläre Wildwasserfahrten. Dabei ist Kajakfahren so vielfältig – vom Binsenbummeln bis zum Rodeo“, sagt er.

Toni Prijon in seiner Rosenheimer Kajakfabrik. Er hat maßgeblich daran mitgewirkt, dass das Verleih- und Tourenverbot auf Bayerns Seen aufgehoben wurde.

Vor allem das gemütliche Wasserwandern auf Seen und gemäch­lichen Flüssen wird immer beliebter. Folglich verkauft die Firma Prijon als ­europäischer Kajak-Marktführer besonders in Deutschland immer mehr Tourenboote, die sich durch niedriges Gewicht und einfache Handhabung auszeichnen. Zwei Drittel der jährlich 8000 Boote gehen in den Export – in erster Linie nach Skandinavien, wo das Seekajakfahren in Schären und Fjorden Volkssport ist. Was Toni Prijon besonders freut: Immer mehr Frauen – früher meist nur als „Shuttle­bunny“ im Einsatz – entdecken das Paddeln mit den immer leichter ­werdenden Booten als Fitnesssport; in Skandinavien sind schon 54 Prozent der Prijon-Kunden weiblich. „Beim Paddeln wird die gesamte Rücken- und Rumpfmuskulatur gestärkt“, erklärt Toni Prijon – sein breites Kreuz ist der beste Beweis dafür. Anfänger machen oft den Fehler, nur aus den Armen heraus zu paddeln. Die richtige Technik mitsamt Drehung des Oberkörpers hat man jedoch nach wenigen Stunden Übung drauf. Bei manchen Modellen erleichtert ein mit den Füßen gesteuertes Ruder das Kurs­halten. Weitere Kenntnisse wie die Eskimorolle sind zunächst nicht erforderlich.

Bei den Prijons ist Kajakfahren Familiensport. Tonis Tochter Isabel (13) fährt Deutsche Meisterschaften, sein Sohn Severin (11) steht ihr kaum nach. Tonis Frau Rita, Schwester Monika und Bruder Jürgen arbeiten mit im Betrieb, den Tonis Vater Anton Prijon 1962 gegründet hat. Auch der aus Slowenien stammende Senior war Weltmeister: 1959 auf dem französischen Fluss Vézère, in einem selbst gebauten Falt-Kajak.

Heute baut Prijon seine Boote aus Kunststoff, großteils im so genannten Druckblasverfahren. Dabei wird ein 200 Grad heißer Schlauch aus Polyethylen (PE) mit einer Form umschlossen und von innen aufgeblasen. Zehn Minuten abkühlen, dann kommt der Rohling aus der Form. Anschließend werden die Luken ausgeschnitten, der Süllrand aufgesetzt, die Schotten eingesetzt – all das in Handarbeit im Rosenheimer Werk. Etwa 40 Leute arbeiten an der Innlände 6, darunter vier Näherinnen für die Neoprenteile. Die meisten anderen Bootsbauer haben ihre Produktion nach Asien verlagert und lassen ihre Kajaks mit der weniger hochwertigen Rotationstechnik fertigen.

„Unsere PE-Kajaks halten Jahrzehnte“, verspricht Toni Prijon. Langlebigkeit ist durchaus ein Argument bei einem Sport, der gewisse Anfangs­investitionen erfordert. 1500 Euro kommen schnell zusammen für Boot, Paddel, Dachträger, Spritzdecke und so fort. Wer auch im Winter oder in nordischen Meeren paddeln möchte, sollte weitere Hunderter in einen Trockenanzug investieren.

Wünschen Sie weitere Infos zu unseren Themen? Oder haben Sie einen Tipp, was sich draußen bewegt? Ingo Wilhelm freut sich auf Ihre E-Mail: draussen@tz-online.de

Den braucht’s am Simssee freilich selten. Auch nicht, als Toni Prijon uns am nächsten Morgen noch einmal mitnimmt, zu seinem geliebten Sonnenaufgangs-Paddeln. Windstille. Nur die zahlreichen Wasservögel kräuseln die Oberfläche, in der sich die Pastelltöne des Himmels spiegeln. Mit freiem Oberkörper paddelt Toni voran, wir hinterher wie eine Entenfamilie. Was für ein Vergnügen – nun endlich auch auf Bayerns Seen.

I.W.

Quelle: tz

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