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Die uralte Tassilo-Linde in Wessobrunn. Der Stamm hat 14 Meter Umfang.

Vom Kloster Wessobrunn zum bayerischen Grand Canyon

Pilger für einen Tag

Bedächtig setzt er einen Fuß vor den anderen. Eile kennt er nicht. An seinem großen Rucksack baumelt die Jakobsmuschel. Sie verrät, wo Florian Leimser hinwill: nach Santiago de Compostela.

In der lieblichen Landschaft Oberbayerns denkt der 31-Jährige noch nicht an Spanien. Er hat noch rund 2700 Kilometer vor sich.

Auch wer nicht bis nach Spanien marschieren will, kann die Etappe von Wessobrunn über Hohenpeißenberg nach Rottenbuch genießen. Sie liegt auf dem Münchner Jakobsweg, der von der Landeshauptstadt zum Bodensee führt. Bereits hier kann man erleben, was es bedeutet, Pilger zu sein. Mit jedem zurückgelegten Meter gerät der eigentliche Zielort in den Hintergrund – und der Weg selbst wird immer mehr zum Ziel.

Wer den Alltag hinter sich lässt und eine Weile durch die Natur läuft, der kann auf diesem Weg zu sich selbst gelangen. Spätestens seit Hape Kerkeling und seinem Bestseller „Ich bin dann mal weg“ ist Pilgern stark in Mode gekommen. Allein im Jahr 2009 registrierte das Erzbistum Santiago de Compostela knapp 150 000 Pilger. 1982 waren es gerade einmal 2000 gewesen – und das galt als viel: Davor waren es stets nur einige Hundert.

Im Kloster Wessobrunn in Oberbayern merkt man nichts von diesem Trubel. Nur das Zwitschern der Vögel ist zu hören. Herzog Tassilo III. hat das Kloster im Jahr 753 gestiftet.

Die Sage vom Herzog und der Tassilo-Linde

Der Legende nach erschienen ihm im Traum drei Quellen, die kreuzförmig zusammenliefen. Tatsächlich fanden er und seine Gefährten am nächsten Morgen die Quellen an dem Ort, wo heute das Kloster steht. Das Wasser sammelt sich in Becken; sie schimmern türkis in der Sonne. Von hier aus führt der Weg bergab, vorbei an der uralten Tassilo-Linde. Der Sage nach hat der Herzog mit seinen Gefährten unter dem Baum übernachtet. Hinter Wessobrunn schlängelt sich der Weg abwechselnd über Waldwege und kleine Sträßchen. Wer sich für barocke Architektur interessiert, sollte einen Blick in die Pfarrkirche von St. Leonhard im Forst werfen.

Doch der anstrengendere Teil der Wanderung steht noch bevor: der Hohe Peißenberg. Die Mühe des Aufstiegs lohnt sich. Im Süden erhebt sich eindrucksvoll die nördliche Kette der Alpen, im Nordosten glitzern Starnberger See und Ammersee. Mariä Himmelfahrt ist der Name der Wallfahrtskapelle oben auf dem Berg. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert. In ihrem Inneren steht eine Marienfigur, zu der schon seit Jahrhunderten Menschen pilgern.

Gegenüber, auf der Terrasse des Gasthofes „Bayerischer Rigi“, hat auch Pilger Florian seinen 15 Kilo schweren Rucksack abgelegt und freut sich nun auf ein kühles Radler. Hinter der Wallfahrtskirche und an der Wetterstation vorbei geht es nach der Verschnaufpause steil bergab in den Ort Hohenpeißenberg. Wer sich schon hier zur Rückkehr entscheidet, verpasst eine abenteuerliche Tour nach Rottenbuch durch die Ammerschlucht, den „bayerischen Grand Canyon“. Kurz hinter dem Ort beginnt der Wald. Die Sonne scheint durch die Äste und taucht den moosbewachsenen Boden in ein schummriges Licht. Der Weg wird immer schmaler, schlängelt sich über Wurzeln und durch raschelndes Laub.

Plötzlich lichtet sich der Wald, der Pfad führt steil hinunter an die reißende Ammer. Hoch über dem Fluss sind Höhlen zu erkennen. Hier sollen während des Dreißigjährigen Krieges die Mönche aus dem Kloster Rottenbuch Zuflucht vor den Schweden gesucht haben. Das Gelände wird unwegsamer. Schon bald kommt man nur noch über hölzerne Stege und Brücken voran. Das ständige Auf und Ab geht in die Beine. Da in diesem Abschnitt Jakobsweg- Markierungen fehlen, empfiehlt es sich, ab und zu einen Blick auf die Wanderkarte zu werfen.

Am Ende der Schlucht wird es nochmal richtig anstrengend. Keuchend erreicht der Wanderer das Ende des Pfades. Vor ihm öffnet sich die Landschaft, und die Alpen scheinen zum Greifen nahe. Nur noch zwei Kilometer bis zum ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift in Rottenbuch. Heute leben dort Don-Bosco-Schwestern, die müden Pilgern Unterkunft und Verpflegung bieten.

Auch Florian wird hier übernachten. Für ihn ist das Kloster in Rottenbuch nur ein Schlafplatz von vielen. In Spanien wird er sich mit vielen anderen Pilgern die Herberge teilen, hier ist er der einzige Gast.

Wandertour Wessobrunn-Hohenpeißenberg

ANFAHRT – Mit dem Alex-Zug von München bis Kaufering. Umsteigen in die Regionalbahn nach Landsberg/Lech, von dort mit dem Bus 9652 nach Wessobrunn. Rückfahrt entweder von Hohenpeißenberg mit der Bayerischen Regiobahn oder von Rottenbuch mit dem Bus 9652 nach Weilheim, von dort aus mit der Regionalbahn zurück nach München.

ACHTUNG: Je nach Wochentag variieren die Abfahrtszeiten von Bus und Bahn. Deshalb unbedingt vorab bei der DB informieren.

ROUTE – Start ist bei Kloster Wessobrunn, an der Tassilo- Linde vorbei Richtung Ortsmitte. An der Hauptstraße nach links, nach ca. 200 Metern nach rechts dem König-Ludwig-Weg folgen (Jakobsweg und König-Ludwig-Weg sind ausgeschildert). Den König-Ludwig-Weg entlang bis St. Leonhard im Forst, an der Kirche rechts, vorbei am Gasthaus „Zum Bayerischen Hiasl“. An der großen Linde in Linden rechts. An der Hauptstraße in Schwabhof wieder rechts. Über Buchschorn nach Hetten. Am Ortseingang rechts bis zur nächsten Kreuzung. Hier links auf dem Wanderweg H 6 den Berg hinauf zur Wallfahrtskirche Hoher Peißenberg. Abstieg auf der anderen Seite in den Ort Hohenpeißenberg. Von dort aus Möglichkeit zur Rückfahrt mit der Bahn. Erweiterung für sportlich Ambitionierte: Über die Hauptstraße in die Anton-Pröbstl-Straße und dem König-Ludwig-Weg folgen. Am Sportplatz vorbei, über die Eisenbahnbrücke, dann der asphaltierten Straße bis zum nächsten Bahnübergang folgen. Dort links in den Wald, Abstieg zur Schnalz-Diensthütte. Dort rechts und nach ca. 500 Metern wieder links in die Ammerschlucht Richtung Rottenbuch. An der großen Holzbrücke rechts und steil nach oben dem Talverlauf folgen. Ein Feldweg führt geradewegs bis nach Rottenbuch.

WEGINFORMATIONEN – 1. Wessobrunn – Hohenpeißenberg ca. 13 km, Dauer: ca. 3 h; Charakter: abwechslungsreicher Weg über Feldwege und wenig befahrene Straßen, viele schöne Ausblicke, einziger Aufstieg: auf den Hohen Peißenberg (ca. 200 Höhenmeter) Gasthof „Bayerischer Rigi“ (Tel: 08805-330) 2. Hohenpeißenberg – Rottenbuch ca. 16 km, Dauer: ca. 4 1/2 h; Charakter: Der Weg durch die Ammerschlucht ist anspruchsvoll und steigungsreich. Festes Schuhwerk und Trittsicherheit unbedingt erforderlich. Bei Nässe ist der Weg stellenweise gefährlich. Der Jakobsweg ist in der Ammerschlucht nicht ausgeschildert.

SEHENSWÜRDIGKEITEN – Kloster Wessobrunn (Führungen dienstags bis samstags um 10.15 und 16 Uhr; sonntags um 15 und 16 Uhr; Tel: 08809-921 10), Pfarrkirche St. Leonhard, Wallfahrtskirche Hohenpeißenberg, Ammerschlucht, Kloster Rottenbuch.

VERENA SCHÄLTER / MOSES FENDEL

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