+

Climb & Ride

Steilabfahrt von der Zugspitze

Wie Zuckerguss zieht sich der Schnee von Deutschlands höchstem Gipfel hinunter nach Österreich. „Neue Welt“, nennt sich das steile, weiße Band.

Es zwängt sich durch Rinnen, stürzt sich über Klippen, um am Ende in Ehrwald anzukommen – eine Steilabfahrt von der Zugspitze, die viele Skifahrer fasziniert und gleichzeitig abschreckt. Wir haben das Abenteuer gewagt. "Das Seil ist aus", schreit Tom, und das Echo schalllt als „AUS AUSSS“ aus der Tiefe zu mir hoch. Der dünne Nylonstrang läuft senkrecht nach unten, gespannt wie eine Gitarrensaite. Was nun? So ein Mist! Wir hätten uns doch ein längeres Seil besorgen sollen. „Such‘ einen Standplatz“, schreie ich hinunter. Als ich endlich „Seil FREIEIEI“ höre, klicke ich meinen Karabiner aus, schwinge mich über den Abgrund und hüpfe in langen Sprüngen die Felswand hinunter. Tom empfängt mich mit einem Grinsen. Er war es, der in der Früh beim Packen meinte: „Ich hab‘ nur das Seil – das muss reichen.“ Jetzt hängen wir mitten in einem 60-Meter-Abbruch und klettern, dabei sind wir eigentlich zum Snowboarden gekommen. Der Name hatte uns gelockt: „Neue Welt“. Das klang wie etwas, das man erleben wollte – besonders wir als ambitionierte Snowboarder. Dass der ehemalige Weltmeister Peter Bauer darüber schrieb: „Die ‚Neue Welt‘ ist eine extreme Tour, teilweise über 45 Grad steil, mit anspruchsvollen Kletter- und Abseilpassagen“, spornte nur noch mehr an.

"Wir haben den Hang für uns alleine und schwingen über den Schnee."

Fast 15 Jahre ist das her, und jetzt stehe ich erneut mit einem Kumpel hier oben – wieder locken der Nervenkitzel, die Kletterei, die Steilheit der Rinnen und natürlich seidenweiche Schwünge im Firn. Diesmal aber haben wir Skier dabei – nicht die ganz fetten Latten. Die haben wir daheim gelassen. Sie bringen im Steilen nicht genügend Kantendruck. Und hier in der „Neuen Welt“ will man nicht abschmieren, sonst landet man schnell unten in der alten Welt – und das nicht sehr lebendig. Das Risiko lässt sich nicht wegdiskutieren. „Wir sind an Stories über die ‚Neue Welt’ eigentlich gar nicht interessiert“, sagte uns die Dame aus der Presseabteilung der Zugspitzbahnen, als wir Freitickets für die Bergfahrt schnorren wollten. „Jedes Jahr müssen wir mit Hubschrauber und Seilwinde Skifahrer rausholen, die sich über- schätzt und die Abseilerei unterschätzt haben.“ Aus früheren Fehlern habe ich gelernt und packe ich ein 60-Meter-Doppelseil ein. Ralf drückt Klettergut und Steigeisen in den Rucksack, verzurrt den Pickel. Vollgepackt klappern wir über die Treppe zur Bayrischen Zugspitzbahn. Die Tour beginnt am Ende des Schlepplifts auf dem Zug- spitzplatt. Da der Sessellift seinen Betrieb eingestellt hat, müssen wir die zirka 150 Höhenmeter Richtung Schneefernerkopf aufsteigen. Oben angekommen zwingt uns die harschige Schnee- decke zu warten. Die letzte Nacht war kalt und klar und vereiste die Altschneedecke. So sitzen wir im Windschutz der Station, bis die Oberfläche auffirnt. Wir sind wider Erwarten alleine hier oben. Der Nachteil: Keine Spuren zeigen uns den richtigen Weg. Vor paar Tagen haben wir vom Fernpass aus Wand und Route mit dem Fernglas inspiziert. Von unten schien alles klar, doch von oben sieht es wie immer anders aus. Ich überlege. Mein Hirn spuckt mir bruchhafte Bilder von damals vors innere Auge. 1997 sind wir die rechte Variante gefahren. Das klappte gut. Also rechts! Klack, klack, wir treten in die Bindung, und los geht ́s. Der erste Hang ist mit 40 bis 45 Grad relativ steil, wird aber bald flacher. Der Schnee ist firnig – Gott sei dank. Sind die Hänge zu hart und eisig, wird’s schnell gefährlich. Weicher Schnee, die Kraxlerei und wilde Abseilerei im Dekolleté von Deutschlands höchstem Berg machen den Reiz dieser Unternehmung aus. Wir surfen bis zu dem Felsband. Doch es ist deutlich breiter als vermutet. 1997 sind wir mit einem mutigen Satz drübergesprungen. Damals war es paar Meter hoch und der Auslauf nicht allzu steil. Doch was sich uns jetzt in den Weg stellt, misst locker über acht Meter. Ein amtlicher Cliff-Drop mit ungewisser Landung. Wir entscheiden uns für die Chicken-Variante. Wirklich haarig ist das Klettern nicht, doch ohne Steigeisen und Eispickel geht es nicht. Ich folge Ralf und setze behutsam jeden Tritt. Danach führt die Tour über ein breites, langes Firnfeld weiter.

Hinweis:  „Experts only!“

Nur für sehr gute Skifahrer mit alpiner Erfahrung, wir empfehlen diese Tour nur mit einem Bergführer zu unternehmen. Weitere Informationen gibt es u.a. bei den hiesigen Bergführerbüros.

Dann wird’s steiler. Jetzt müssen wir die Kanten mit mehr Druck in den Schnee pressen – wir schwingen direkt auf einen imposanten Abbruch zu. Ich stehe an der Kante und genieße den Ausblick. Eine Windböe fegt aus dem Tal herauf, reißt Schneekristalle in die Luft und fällt mich an. Ich stemme mich dem Mini-Sturm entgegen, meine Jacke knattert, und ich schiebe die Skibrille über die tränenden Augen. Verrückt: Wir sind nur 40 Minuten von der Skipiste oben auf dem Zugspitzplatt entfernt – und doch wirkt es, als seien wir in einer ganz anderen Welt. Ich atme tief durch die Nase und ich fühle mich gut. Jedes Mal bin ich fasziniert, wie kleine Abenteuer die Lebensgeister liebkosen und der Seele schmeicheln. „Ist das die Stelle?“, ruft Ralf und reißt mich aus meinen Gedanken. Er deutet auf einen großen Felsen, an dem ein Stahlseil befestigt ist. Man traversiert von ihm zur Seite, dort ist ein fetter Stahlring im Berg verankert. Ralf rutscht im Drahtseil eingeklinkt zum Ring, wurstelt das Seil aus dem Rucksack und zieht es durch. Mit einer Drehung wuchtet er das schwere Seilbündel über die Kante. Es rauscht in die Tiefe, entwirrt sich im Fallen, klatscht an Felsen – dann breitet sich wieder Stille aus. Ich fummle meinen Abseilachter ins Seil. Mein Puls stolpert, als ich mich nach hinten lehne über den Abgrund. Der schwere Rucksack zerrt nach hinten, die Skier wanken von Seite zur Seite, meine klobigen Skistiefel schaben über den Fels, während ich an dem langen Doppelseil wie in einem Aufzug ins Erdgeschoss fahre. Diesmal müssen wir nicht in der Wandmitte herumbalancieren, um einen Zwischenstand zu bauen – das Seil reicht bis hinunter und setzt mich auf einer Steinterrasse ab. Ralf stößt einen Freudenjodler aus, er baumelt direkt über mir und schaut geradewegs durch das so genannte Kanonenrohr, vor dessen Mündung wir uns unmittelbar befinden. Das Ding macht seinem Namen alle Ehre: eine enge Rinne, in die sich nie ein Sonnenstrahl verirrt. Firn? Fehlanzeige. Bockharter Schnee macht das Rohr zur Mutprobe. Stürzen will man hier nicht.

"Es fühlt sich an, als wären wir weit weg gewesen, eben in einer Neuen Welt."

Kurzer Schreckmoment vor der Abfahrt: Das Seil – Nachteil der gewählten Länge – scheint sich verheddert zu haben. Wie zwei Ochsen ziehen wir gemeinsam, bis sich unsere Oberarme wie Kaugummi anfühlen. Plötzlich scheint die Fels- wand genug zu haben von dem Tauziehen und spuckt das Seil aus. Jetzt gehört unsere ganze Aufmerksamkeit dem Kanonenrohr. Kraftvoll pressen wir die Skikanten in den Harsch, lassen uns auch von den steinharten Lawinenbollern nicht aus der Ruhe bringen, hüpfen über den kleinen Bergschrund am Ende der Rinne und schlittern hinaus ins Licht. Jetzt sind es leider nur noch eine Hand voll Schwünge durch den weichen Firn, bis ein Latschenwald unsere Fahrt stoppt. Zurück in der alten Welt! Wir schauen hoch, wo sich die Zugspitzwand dunkel bis hinauf in den Himmel wölbt. Wegen des miesen Winters endet der Schnee weit oben am Berg, und uns steht ein fast zweistündiger Fußmarsch bevor, bis wir im Dunkeln die Talstation der Ehrwalder Bergbahn erreichen.

Mehr zu den Freireitern gibt's hier. 

Termine zum Film "Zugspitze - Die neue Welt" auf der Alp-Con CinemaTour 2015

Bad Tölz

Kino Capitoltheater

Montag 16.11.15, 20:00 Uhr

München

Kino Neues Rotmann

Dienstag 17.11.15, 20:30 Uhr

Garmisch

Hochland Kino

Mittwoch 18.11.15, 20:00 Uhr

Traunstein

Kino Casablanca

Mittwoch 18.11.15, 20:00 Uhr

Murnau

Kino im Griesbräu

22.11.15, 10:30 Uhr

Hausham

Oberland Kino Center

01.12.15, 20:00 Uhr

Weilheim

Kino Trifthof

09.12.15, 20:00 Uhr

Alle Termine und eventuelle Aktualisierungen gibt es hier.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare