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Drei TOP Freeride-Reviere

Powder To The People

Wir haben drei- Top-Freeride-Reviere für den grenzenlosen Spaß im Tiefschnee ausgesucht: mit kurzen Auf- stiegen und extralangen Abfahrten, für Anfänger und Könner, für genussvolle Freeride-Tage.

Vom Tagestrip bis zum einwöchigen Urlaub abseits präparierter Pisten

Ein Dialog neulich in der Gondel. Vater: „Komm‘, lass‘ uns mal eine Variante fahren.“ Sohn: „Was meinst Du? Ach so, Freeriden – sag‘s doch gleich.“ Auch wenn die Generationen im Facebook-Zeitalter manchmal aneinander vorbeireden – sie meinen dasselbe: Alle suchen die Herausforderung im unverspurten Gelände. Es ist der Trend schlechthin. Sogar eingefleischte Skitourengeher geben zu, dass es mit den neuen, breiten und dennoch leichten Skiern ein Genuss ist, mehr als nur eine Pulverschnee-Abfahrt am Tag zu genießen. So viel Outdoor-Begeisterung ist schön – einerseits. Andererseits wird es immer schwieriger, im Backcountry noch einen Quadratmeter jungfräulichen Schnees aufzuspüren. In den angesagten Domänen der „Freireiter“ wie Verbier, La Grave oder St. Anton stürzen sich, kaum dass die dicken Flocken vom Himmel gefallen sind, Hunderte von Powder-Fans auf die Berg- flanken. Diese „No-friends-on-powderdays“- Hektik kann ganz schön nerven. Nach einer halben Stunde sehen die Hänge aus, als ob sie ein Traktor mit dem Pflug bearbeitet hätte. Bei hoher Lawinengefahr kann der Herdentrieb zudem gefährlich werden. Wer sich nicht aus- kennt, sollte sich zumindest für die ersten Tage einen Guide gönnen und nicht blind jedem Freerider hinterherfahren. Wenn sich eine Vierer- oder Fünfer-Gruppe die Kosten teilt, ist das auch für junge Rider erschwinglich.

Dass man im Powder die obligatorische Sicherheitsausrüstung dabei hat, versteht sich von selbst. Nur sind das keine Accessoires, die man sich zum Angeben an den Rucksack hängt – man sollte LVS-Gerät, Sonde, Schaufel und eventuell den Lawinen-Airbag auch richtig bedienen können. Da hilft nur Üben, Üben und nochmals Üben. Außerdem schadet es nicht, wenn man die Rückzugsgebiete für Gämse, Auerhahn & Co. respektiert, nicht blind in jeden Steilhang hineinflext, und den Lawinenlagebericht lesen kann. Ganz allgemein gilt: Wer bereit ist, einige Hundert Höhenmeter mit Fellen unter den Skiern aufzusteigen, wird ungeahnte Möglichkeiten entdecken, die denjenigen, die nur bergab fahren wollen, meist verborgen bleiben.

Dann braucht es noch alpine Kenntnisse, Orientierungssinn und eine halbwegs durchdachte Strategie, um das Potenzial eines Freeride-Gebiets richtig auszuschöpfen: Welche Hänge eignen sich für den Morgen, welche sind auch am Nachmittag noch gut zu befahren, wenn sie von der Sonne beschienen werden? Auf welchen Runs finde ich noch mehrere Tage nach dem letzten Schneefall spannendes Freeride-Gelände? Wer ein bisschen Zeit in die Recherche investiert, wird an guten Tagen auf sechs bis acht Mega-Abfahrten und weit mehr als 10 000 Höhenmeter kommen – eine Marke, die man sonst nur an einem 1000-Dollar-Tag beim Heli-Skiing in Kanada schafft.

Krippenstein: "Deep and steep" am "Stoa"

Skigebiet: Freesports Arena Krippenstein

Manchmal ist es nicht sofort ersichtlich, warum verschlafene Locations zu angesagten Freeride-Revieren mutieren. Das Skigebiet Krippenstein im Salzkammergut, nördlich des Dachsteins, gehört zweifellos in diese Kategorie. Es gibt nur zwei Pisten, wovon eine zwar lang ist, die andere aber nicht der Rede wert. Bis vor wenigen Jahren traf man hier vor allem Tourengeher und eine Handvoll einheimischer Variantenfahrer. Heute gilt der „Krip“ als Freeride-Hotspot, allerdings als einer, der sich das Flair eines Geheimtipps bewahren konnte. Nicht ganz einfach ist das Timing: Das Tal befindet sich nur auf 600 Metern Höhe, wo oft kein Schnee liegt, die beiden Lift reichen gerade mal bis auf 2100 Meter hinauf. Schneesicherheit sieht anders aus. Allerdings: Wenn Frau Holle ihre Fracht im Nordstau ablädt, wird der „Stoa“, wie die Einheimischen den Krippenstein nennen, besonders großzügig bedacht. Nur muss man dann schnell sein, um in den Genuss von „First tracks“ zu kommen. Wer nur langfristig planen kann, hat es hier eher schwer.

Klingt nicht so einladend? Keine Sorge, der „Krip“ ist ein ganz spezieller Ort. Einer, an dem das Adrenalin in Strömen fließt. Das liegt daran, dass das ganze Massiv aus stark verkarstetem Kalk besteht: Der Berg ist von Höhlen und Löchern, so genannten Dolinen, durchzogen. Manche sind nur wenige Meter breit, aber bis zu 30 Meter tief. Für Freerider sind sie ähnlich spannend und gefährlich wie zugeschneite Gletscherspalten im Hochgebirge. Wer sich ins Off-Piste-Gelände wagt, sollte deshalb unbedingt mit Guide losziehen und sich die Gefahrenstellen gut einprägen. Dafür kommt hier nach wenigen Turns echtes Warren-Miller-Feeling auf, denn das kupierte Gelände mit seinen vielen Cliffs und Drops in lichtem Lärchenwald scheint wie gemacht für einen Skifilm-Dreh.

Ein Gebietskenner ist auch deshalb unerlässlich, weil man am Krippenstein schnell die Orientierung verlieren kann. Es gibt viele einladend aussehende Felsabbrüche und Hänge, die im Nirwana enden. Zum Warm-up empfehlen sich die Klassiker Imisl/Eisgrube, Angeralm und Schönbergalm. Diese Routen sind meist mit Stangen markiert und nach Norden ausgerichtet, weshalb der Schnee lange pulvrig bleibt. Auf diese Highways kann man sich eventuell ohne Guide wagen, allerdings gibt es auch hier keinen Pistendienst, und jeder ist für das Checken der Lawinensituation selbst verantwortlich. Ferner sollte man die „Exit“-Schilder befolgen, will man die Fahrt nicht in 70 Grad steilen, en- gen Rinnen fortsetzen.

Deutlich anspruchsvoller sind die Varianten der Hauptabfahrten, von denen es unzählige gibt, sowie zahlreiche versteckte Runs, die man aber nur mit Guide findet. Sprung-Freaks sollten unbedingt den „Schwemmer“ ausprobieren. Spielt das Wetter nicht mit, ist das auch nicht weiter schlimm: Dann kehrt man in der „Lodge“ ein und unterhält sich bei einem Jagertee mit der Bergführerlegende Toni Rosifka über dessen frühere Großtaten.

Engelberg: Im siebten Himmel

Ausprobieren sollte man unbedingt auch jene Runs, für die man die Steigfelle aufziehen muss.

"It’s heaven" lautet der Werbeslogan von Engelberg. Man darf behaupten: Das Dorf in der Zentralschweiz macht diesem Motto alle Ehre. Nordwestströmungen bescheren dem Tal mit seiner begünstigten Voralpen-Staulage und der satten Höhendifferenz von 2000 Metern zwischen Talboden und dem Gipfel des Kleintitlis regelmäßig eine ordentliche Packung feinsten Neuschnees. Dank der nordseitigen Lage bleibt die weiße Pracht lange federleicht und pulvrig. Es sind diese geografischen Besonderheiten, die Engelberg zu einem der schneereichsten Reviere der Schweizer Alpen machen. Hinzu kommt die Steilheit des Geländes.

Natürlich haben das auch schon andere gemerkt, vor allem Skandinavier. Bereits zwei Stunden, nachdem die Titlis-Bergbahnen angelaufen sind, sind die steilen Flanken am Laub, Steinberg, Galtiberg und Sulzli mit bunten Punkten gespickt. Die Punkte, das sind Freerider in ihren farbenfrohen Klamotten. Im Lift fliegen einem schwedische, norwegische und englische Wortfetzen um die Ohren, während man den bunten Punkten dabei zuschauen kann, wie sie in den zumeist mehr als 40 Grad steilen Rinnen und Mulden Lines in die funkelnden Kristalle ziehen.

Vom Sessellift oder der Gondel aus sieht man aber auch, dass viele der Rinnen in Sackgassen enden. Es sei denn, man hat gegen einen senkrechten 20-Meter-Drop nichts einzuwenden. Genau diese Abbrüche und Felsbänder haben Engelberg bei ambitionierten Freeridern so berühmt gemacht. Und genau diese Abbrüche sind es auch, die den lokalen Bergführer und Skiguides ab und an tiefe Sorgenfalten auf die Stirn zeichnen. Regelmäßig vergaloppieren sich „Freireiter“ im Gelände und müssen von der Bergwacht gerettet werden. Besonders tückisch: Engelberg ist auch ein Mekka der Speed-Glider, die sich mit ihren Gleitschirmen über Abbrüche stürzen und den Schnee mit den Skiern nur ab und zu touchieren, um Turns zu setzen. Wer solchen Spuren folgt, bekommt ein ernstes Problem.

Es gibt viele Side-Trips mit einem tollen Preis-Leistungs-Verhältnis, soll heißen: kurze Aufstiege, lange Abfahrten. Zu den Klassikern gehören die Ausflüge Richtung Graustock und vom Jochstock zur Wendenlücke, die die weniger bekannten Abfahrten zur Engstlenalp erschließen.

Zum Après-Ski muss man unbedingt auf einen Drink in der legendären Ski Lodge Engelberg vorbeischauen. Deren Managerin ist Matilda Rapaport, schwedische Pro-Fahrerin und Achtplatzierte der 2010er Freeride World Tour. Die Lodge ist eine Wohlfühl-Oase von Freeridern für Freerider, mit Hot Tub und Sauna, trendiger Lounge und Bar, skandinavischen Spezialitäten von Elch bis Moltebeeren, guten Weinen und viel Freeride-Talk fürs internationale Publikum. Wer Glück hat, bekommt eines der begehrten und oft ausgebuchten Hotelzimmer der Lodge.

Monte Rosa: Free-Ride-Paradies in den Westalpen 

Hier gibt es heikle Querungen und Kraxelpassagen inklusive.

Ganz klar: Die italienische Seite des Monte-Rosa-Massivs liegt nicht um die Ecke. Eine Woche sollte man Zeit haben, um das Freeride-Mekka zwischen Alagna und Gressoney zu erkunden. Dafür bietet es Superlative in jeder Hinsicht: endlose Abfahrten mit bis zu 2600 Metern Höhenunterschied, Gletscherbrüche mit haushohen Séracs und Traumblicke auf die Eisriesen der Walliser Alpen.

Besonders interessant: Im Piemont dürfen im Gegensatz zum Trentino und zu Südtirol noch die Rotoren knattern: Heliskiing ist erlaubt und ermöglicht Ausflüge bis auf 4400 Meter Höhe. Der höchste Landeplatz liegt auf einem eisigen Grat zwischen Zumsteinspitze und Punta Gnifetti. Wer hier aus dem Hubschrauber steigt, kann an einem klaren Tag sogar den Mailänder Dom sehen. Vor allem aber warten auf erfahrene Freerider epische Abfahrten in hochalpinem Gelände.

Ein Highlight ist die zwölf Kilometer lange Abfahrt über den Gorner-Gletscher auf der Schweizer Seite des Massivs. Der Run endet erst nach 2600 Höhenmetern an der Talstation der Furi-Gondel in Zermatt im Wallis. Kun- dige Bergführer bringen die Freerider von hier wieder zurück ins Revier von Monterosa Ski mit seinen 180 Pistenkilometern und den bei- den Haupttalorten Gressoney La Trinité und Alagna im Valsesia. Beide Gemeinden eignen sich hervorragend als Standort für eine Free- ride-Woche. Im Skigebiet, eines der größten zusammenhängenden Reviere in Italien, warten endlose Varianten. Viele davon befinden sich im lichten Lärchenwald und können deshalb auch an trüben Tagen mit schlechter Sicht befahren werden, weil die Bäume ausreichend Kontraste bieten.

Viele Off-Piste-Abenteuer beginnen an der Bergstation der Gondelbahn zum Passo Salati (2973 Meter) oder an der noch eine Etage höher gelegenen Punta Indren (3250 Meter). Die neue Indren-Gondel, seit dem Winter 2009 in Betrieb, erschließt unzählige Varianten, die man teilweise bei der Auffahrt zur Mittelstation Alpe Gabiet einsehen kann. Alle diese Rides sind auch für gehfaule Freerider geeignet, denn man muss nicht extra auffellen, um zu den Einfahrten zu gelangen. Wer Aufstiegs-Höhenmeter nicht scheut, hat natürlich mehr Optionen. Eine der schönsten und einsamsten ist das Valle Perduta, das verlorene Tal. 250 Höhenmetern aufwärts stehen 1700 Höhenmeter abwärts gegenüber. Zu Beginn geht es durch eine spannende Rinne, dann folgen viele Turns auf einem weitläufigen, aber spaltenreichen Gletscher immer unterhalb des imposanten Lyskamms. Noch immer nicht genug? Wie wär’s mit einem Ausflug ins Salzatal, das man von der Indren-Station aus ansteuert? In dem geschützten Kessel findet man fast immer feinen Schnee. Mit maximal 35 Grad Steilheit fühlen sich hier auch Anfänger wohl. Ebenfalls für Novizen geeignet: Bettolina, ein nicht zu steiler Run, den man mit der Gondel- und Sesselbahn zum Bettaforcapass erreicht.

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