+
In der Fahrradschule für Erwachsene in Berlin-Steglitz übt Schülerin Christiane Borchert auf einem Stehroller.

Sattelfest werden

Gar nicht peinlich: Erwachsene lernen Radfahren

Berlin - Radfahren sieht kinderleicht aus: Hände an den Lenker, geradeaus gucken, trampeln. Hunderttausende Erwachsene in Deutschland schaffen das nicht. Eine Radfahrschule hilft.

Das rosa Rad wackelt bedenklich, als die Frau eine Hand vom Lenker nimmt. Sie tritt weiter in die Pedale, lächelt unsicher. „Das hat schon was Majestätisches“, ermuntert Wolfgang Lukowiak seine Schülerin. Auf dem Verkehrsübungsplatz im Stadtpark Berlin-Steglitz leitet der Ex-Auto-Fahrlehrer eine Radfahrschule für Erwachsene. Eigentlich tummeln sich vor allem Grundschüler auf den schmalen Wegen zwischen Mini-Verkehrsschildern.

Mit Tretroller Gefühl fürs Radeln bekommen

Ein weiterer Kursteilnehmer, Anfang 50, hat den Blick starr auf den regennassen Boden gerichtet. „Der Herr sitzrollert noch“, sagt Lukowiak. Gemeint ist das Gefährt: ein großer Tretroller mit Sattel, eine Vorstufe zum Fahrrad. Je nach Vorkenntnissen düsen Fahranfänger am ersten Kurstag mit dem Tretroller über den Platz. Die Methode hat Lukowiak sich ausgedacht, wie er sagt: „Standards gibt's da nicht. Aber als Kind fängt man auch mit Rollern an.“ 

Nach Schätzungen von Sportwissenschaftlern können in Deutschland mehrere hunderttausend Volljährige nicht radeln, obwohl sie körperlich dazu in der Lage wären. „Wir rechnen mit weiteren Hunderttausenden, die es zwar als Kind gelernt haben, aber jahrzehntelang nicht mehr gefahren sind und es sich nicht mehr zutrauen“, sagt die Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), Stephanie Krone. 

Beliebte Kurse bei Radfahrschulen

Knapp drei Dutzend deutsche Radfahrschulen für Erwachsene listet der ADFC auf - die Nachfrage sei „erfreulich hoch“.

„Oft wollen die Leute das Radfahren lernen, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt: Wenn sie in den Ruhestand gehen oder einen neuen, sportlichen Partner haben“, sagt Lukowiak. Seit elf Jahren betreibt er die Schule. Seitdem sei das Publikum jünger geworden. Die Kurse besuchen nicht nur ältere Damen, die das Radfahren in der Nachkriegszeit nicht lernen konnten oder durften. Afrikanische Models kämen ebenso wie Botschaftsmitarbeiter.

„Nicht der einzige Freak, der es nicht kann“

Anders als im Straßenverkehr sind die Schüler in Steglitz durch Hecken vor den Blicken von Passanten geschützt.

Einige der Radschüler haben frustrierende Selbstversuche hinter sich. „Mein Mann wollte es mir beibringen, aber ich habe es einfach nicht hingekriegt“, sagt eine der Frauen. Eine andere erzählt von einem Unfall mit 19: „Seitdem bin ich nie wieder gefahren.“ Der Kurs verbindet die Nichtradler: „Hier ist man nicht der einzige Freak, der es nicht kann.“

Die meisten Fahrschüler sind Frauen

Generell sind es eher Frauen, die einen Kurs besuchen: „Männer wollen das Defizit häufig nicht vor anderen eingestehen und üben lieber selbst im Wald“, sagt Krone vom ADFC.

Die Erfahrung, dass sich Nichtradler ungern outen, hat auch Sascha Möllering gemacht. Als Berlin-Guide steigt er mit Reisegruppen aufs Rad. Sind Touristen aus Asien und arabischen Ländern dabei, wo Wohlhabende das Radfahren gerade erst langsam für sich entdecken, muss er genau hingucken. Es gebe Touristen, die einfach aufsteigen und beim Anfahren scheitern. Für den Notfall hat er ein Tandem oder eine Rikscha parat.

Gisela Gross - dpa/tmn

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Alles dabei? So packen Sie den Rucksack für die Wanderung richtig
Was gibt es Schöneres, als einen Tag in der Natur zu verbringen? Damit der Ausflug in die Berge nicht zum Desaster wird, hier ein paar Tipps.
Alles dabei? So packen Sie den Rucksack für die Wanderung richtig

Kommentare