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Weite Sicht über bäuerliches Land: Rast auf dem Panoramaweg zwischen Germannsberg und Alling.

Rund um Eichenau

Radltour im Münchner Westen: Im Land der Minze

Was man momentan sieht ist, naja, etwas mehr als nix. Ein Feld, braunschwarze Erde und hie und da spitzt etwas raus. Was da spitzt, wird bald unkrautartig wuchern...

Hans Kugler reibt schon mal solch ein winziges Blättchen zwischen den Fingern hin und her, sofort entsteigt der typische Geruch: minzig, würzig, ein Geruch, den jeder sofort abrufen kann: Tee, Inhalationspaste, Pastillen… Pfefferminze ist im Leben allgegenwärtig – und vor rund 100 Jahren in Eichenau (Lkr. FFB) Grund für eine neue Zeitrechnung. Adolf Pfaffinger hatte sich 1918 aus dem Versuchsgarten der Bayerischen Landesanstalt für Pflanzenbau einen Rucksack voller „Mitcham“- Minze mitgenommen – wohl wissend, dass die gut auf moorigen, sauren Wiesen gedeiht. Und solche, an sich eher wertlosen Wiesen, hat man rund um Eichenau genug.

Schon 1921 wächst auf 1500 Quadratmetern Minze, 1939 sind es schon ein Dutzend berufsmäßiger Minzbauern und 50 Nebenerwerbsbauern. 400 000 Quadratmeter der Heilpflanze werden angebaut. Nach der Trocknung ergeben das rund 45 000 Kilogramm, das Kilo zu 2,25 Reichsmark. Richtig gutes Geld! Eichenau wird Minzmetropole, für viele Familien ist das Kraut die entscheidende Erwerbsquelle. Die Minze wird gehandelt, es wird geschachert, Ankäufer schließen Vorverträge ab. 1937/38 erringen die Eichenauer Bauern für die beste Qualität die ersten fünf Plätze! Die getrocknete Minze gelangt mit Fuhrwerken nach Puchheim an den Güterbahnhof. Manches Mal kann man den Lokführer mit ein paar Bierchen bestechen, doch direkt in Eichenau anzuhalten, um dort die Ware direkt zu laden.

Da wächst das grüne Gold von Eichenau: Hans Kugler auf dem Feld des örtlichen Minzmuseums

Auch nach dem 2. Weltkrieg hält der Boom an. Die Eichenauer Minze hat einen unerreicht hohen Ölgehalt, sie wird allein für medizinische Zwecke verkauft. Doch 1956 öffnet man den Markt für Auslandsware. Folge: Billigminze überschwemmt das Land, die Bayernminze ist zu teuer. Spätestens nach der Ölkrise in den 1970er-Jahren werfen die verbliebenen Bauern das Handtuch. Die Trocknung in den energieintensiven Anlagen frisst die letzten Gewinne auf. Hans Kugler sen. initiiert schon vor 30 Jahren eine Ausstellung im Ort, er will die Orts-Geschichte nicht in Vergessenheit geraten lassen. Die Begeisterung ist so groß, dass 1986 ein Museum daraus wird: das einzige Pfefferminzmuseum der Welt.

Hans Kugler, diesmal der Junior, ist Vorsitzende des Fördervereins. Das Museum erzählt liebenswert über die Historie, erklärt Minzsorten, die Ernte, es zeigt die Trocknung auf und bewahrt alte Werkzeuge und wunderbare altes Fotos. Kugler und andere engagierte Mitglieder betreuen das Museum, machen Führungen und bewirtschaften das Museums-Feld. 1000 Quadratmeter, der erste Schnitt wird noch ganz traditionell händisch mit der Schere gemacht! Der zweite mit einem Spezialschneider, denn die Minze wuchert, der Boden wächst komplett zu.

Je nach Jahr ergibt das am Ende nach der Trocknung 1800 bis 2500 Stück 50-Gramm-Beutel mit Tee, den man nur im Museum kaufen kann. Mit dem Kult-Tee im Gepäck schwingt man sich aufs Radl, um die bäuerliche Umgebung zu erkunden. Da lockt der schmucke Weiler Wagelsried, da ist das hübsche Biburg mit der harmonischen Kirche Mariae Himmelfahrt und Heiligste Dreifaltigkeit. Auch Alling ist Dorf geblieben, die spätgotische Pfarrkirche überragt die Häuser und gleich dahinter betrachten vier Lamas voller Neugier die Ausflügler. Der blütenweiße Geselle heißt Nuuk, die vier gehören zum Alpaka Beach, einer wunderbaren Kombination aus Biergarten, Eventlocation und Spielplatz. Ein feines Platzl im Minzland – pfiffige Ideen sind eben immer gefragt, egal in welchem Jahrhundert…

Von Nicola Förg

Rund um Eichenau

Anfahrt – Bahn: S 4 Richtung Geltendorf bis Bahnhof Eichenau (Info: www.s-bahn-muenchen.de). Auto: A 96 München – Lindau bis A.-Dr. München Süd-West. A 99 Richtung A.-Kreuz München West (A 8) bis Ausfahrt Germering Nord (6). B 2 Richtung Fürstenfeldbruck bis Eichenau und in die Parkstraße 43 (Pfefferminz-Museum).

Tour  – Rund 16 km, Asphalt und Forstwege. Verlauf: Von der S-Bahn Eichenau zum Museum, rechts in die Roggensteiner Allee am Starzelbach entlang, links Walter-Schleich-Weg, am Ende rechts liegt das Museumsfeld, dem Feldweg folgen, durch Waldstück, B 2 mit Vorsicht überqueren. Feldweg folgen bis Wagelsried, rechts weg nach Biburg, weiter nach Germannsberg. Am Weilereingang links in Feldweg, dem Panoramaweg bis zum Alpaka-Beach folgen. Nach der Allinger Kirche links halten, in die Greisstraße, die in einen Wirtschaftsweg übergeht, B 2 über die Brücke queren, über Schreberweg und Tannenstraße retour zum Museum. Größere Runde: bis Biburg, rechts weiter nach Kreuth, links durch die Amperauen bis Schöngeising, links nach Holzhausen, am Ortseingang rechts Forstweg und durch Forst nach Steinlach, scharf links nach Germannsberg. Weiter: Siehe oben!

Minz-Museum – Das Museum hat geöffnet sonntags von 14 bis 16 Uhr, Gruppen jederzeit nach Terminabsprache (Tel.: 0 81 41 / 76 46; Hr. Kugler); Adresse: Parkstr. 43, 82223 Eichenau; www.minzmuseum.de

Alpaka Beach – Fr 15 bis 22 Uhr; Sa/So/Fei ab 10 bis 22 Uhr; Tel.: 08141/70875; www.alpaka-beach.de

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