+

Peiting hat viel Geschichte(n) zu bieten

Rast bei den Römern

Man hüte sich davor, Peiting als langweiligen ehemaligen Bergbauort abzutun. Die Peitinger sind ein stolzes Völkchen, nicht wie die „Schongau Städtler Millibettler“ oder die „Hohenpeißenberger, die einen längeren Fuß haben, weil sie immer am Hang gehen“.

Alte Kindersprüche – der Blick auf die Historie ist in Peiting stets geschärft. Sei es die jüngste Geschichte, als das Pechkohlewerk 1968 schloss, oder aber die von Rosalinde, der berühmten Peitinger Moorleiche, die wohl im Spätmittelalter ums Leben kam. Weiter zurück war das hier ein keltischer Siedlungsplatz. Rein ins pralle keltische Leben kamen die Römer, besonders einer, der sich eine Villa Rustica baute. Es war üblich, dass ein römischer Soldat, der 25 Jahre dem Reich gedient hatte – viele überlebten die Schinderei nicht – Land erhielt.

Am Schnittpunkt der Römerstraße Via Claudia Augusta lag diese mehrere Hektar große Anlage mit einem der in Deutschland seltenen Atriumhäuser, die zudem anstatt der sonst üblichen Eckrisalite zwei Apsiden aufweist. Vieles ist hier spekulativ, aber man darf annehmen, dass der Mann sicher auch Nahrungsmittel für Cambodunum (Kempten) erzeugte, wo 6000 Mann standen. Wo er einst lebte, badete und seine Hypokausten- Heizung einbaute, arbeiten heute ganz andere Männer fieberhaft. Es ist nicht etwa lästerlich, sie als „Rentnergang“ zu bezeichnen. Die fünf hochaktiven „jungen Römer“ an der Ausgrabungsstelle sind im Unruhestand und haben sich einem Ziel verschrieben: 2012 soll die Ausgrabung der Villa Rustica Peiting der Öffentlichkeit zugänglich sein. Bis dahin gibt’s Geschichten und Erklärungen der rührigen Herren zuhauf.

Unweit der Villa wieder ein Zeitsprung: einer zurück in die Zukunft sozusagen. Herr Prof. Dr. Volker Zahn, einstmals Chef einer Frauenklinik in Straubing, ist seit sieben Jahren im Weiler Kreut Landwirt – gänzlich unakademisch und wahrlich kein Aussteigertyp. Nein, er schätzt lediglich das Wissen der Alten, züchtet bedrohte Haustierrassen wie Schwäbisch-Hällische Schweine, Bergschafe, das Murnau Werdenfelser Rind, die Thüringer Waldziege, die Bayerische Landgans, das Augsburger Huhn – und den Mittelspitz. Eine pfiffige Hunderasse, nach der heute komischerweise kein Hahn mehr kräht. Dass dann der Hof noch ganz „nebenbei“ nahezu autark funktioniert und eine CO2-neutrale oder gar negative Energiebilanz hat, ist alt und neu zugleich.

Dass die ersten Künstler, die vor gut 40 000 Jahren die Felsen bemalt haben, Bauern, Jäger und Sammler waren, ist ein weiterer Brückenschlag: Auf dem Hof der Zahns kommen angehende Kunsterzieher aus München und Augsburg auf Exkursion, vier Mal im Jahr wuseln 8 bis 12-Jährige in der Kinderkunstwerkstatt. In der Tenne gibt’s Ausstellungen, die letzte galt der großen Liebe des Herrn Bauernprofessors: der Murnau Werdenfelser Kuh. Nebenan sind hier Werkzeug-Raritäten liebevoll beschriftet. Ach ja – und dann gibt’s hier auch noch Labsal für müde und durstige Radfahrer in Form der Radlerrast – und sollte es mal länger werden, das Heuhotel. Und wenn man dann so über Lamprecht nach Peiting zurückradelt, ist klar: Rund um Peiting kann man besser als anderswo zwischen den Welten wandeln.

Nicola Förg

Radrunde um Peiting

ANFAHRT – Auto: B 2 Starnberg Richtung Weilheim. In Weilheim weiter nach Peißenberg. B 472 bis Peiting. Bahn: Regelmäßiger Takt von München über Weilheim. TOUR – Start: Bahnhof Peiting, immer über die Bahnhofstraße bis zur Durchgangsstraße; kurz links, dann rechts an der Kirche vorbei über den Hauptplatz und erneut rechts am Gasthof Keppeler, dann links auf die Füssener Straße; rechts weg am Schild Kreut; die B 17 überquerend bis Kreut; links weg Richtung Steingaden; Berg hinauf, weiter bis Langenried und Lamprecht; ganz kurz nach links und der B 17 kurz folgen; am Ortsschild Kurzenried scharf rechts weg auf den Feldweg; am Stadl links Richtung Peiting; immer geradeaus halten (über die Brücke), im Ortsgebiet Peiting ebenfalls an den Kreuzungen immer geradeaus, bis die Ludwigstraße wieder auf die Bahnhofsstraße trifft, rechts weg retour zum Bahnhof.

KINDERKUNSTWERKSTATT – Von Mi., 8.9. bis Sa., 11.9 gibt’s wieder die tolle Kinderkunstwerkstatt auf dem Archehof. Thema: „Wildnis wagen“; mit namhaften Künstlern als „Mentor“, Materialien, Unterkunft und Verpflegung, Infos und Anmelden: 0 88 61 / 68 00 73.

VILLA RUSTICA – Förderverein Villa Rustica, Freistr. 14, 86971 Peiting; Info-Tel.: 0 88 61 / 67 380; es werden natürlich auch stets Förderer gesucht!

MUSEUM IM KLÖSTERLE – Mit seinen Abteilungen Bergbau, Skimuseum, Imkerei, Jagd und Fischerei zwischen Lech und Ammer ist das ein liebenswertes Museum, das seine Existenz viel ehrenamtlichem Engagement verdankt! Geöffnet: Mi. 10-12 und 14-17 Uhr sowie an jedem 2. Samstag im Monat 14-17 Uhr. Für Gruppen ab 4 Pers. kann bei der Tourist-Information (Tel.: 0 88 61 / 65 35) auch eine Führung außerhalb der normalen Öffnungszeiten reserviert werden. Adresse: Kapellenstr. 1, unweit Bhf.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Skitouren: Lawinenkurse und Training
Die Anmeldung läuft: Die Skitouren-Experten von Ortovox bieten kostenlose Lawinen-Kompaktkurse an. Und ein Online-Fitnesstraining.
Skitouren: Lawinenkurse und Training

Kommentare