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Atemberaubende Tiefblicke ins Graswangtal gewährt die Gratwanderung am Brunnbergkopf.

Abenteuerliche Gratwanderung hoch über dem Passionsspiellort Oberammergau

Im Reich brüchiger Zähne

Auch die Passionsspielbesucher kommen an ihm nicht vorbei: Wenn die Gäste in der langen Pause aus dem Theater treten, blicken sie auf die mächtige Nordwand des Kofels, Oberammergauer Wahrzeichen und unter Bergsteigern bestens bekannt.

Hinter dem Kofel aber zieht sich ein zunächst unscheinbarer Bergkamm dahin. Weit drüben im Westen reicht der Kamm bis zum Pürschling. Doch direkt über Oberammergau trägt er bereits eine Vielzahl von waldigen und felsigen Köpfchen und Türmchen, welche viele Wanderer kaum kennen. Wer aber gerne mal kleine und nur sporadisch markierte Pfade sucht und findet, sich an umgestürzten Bäumen, kleinen Felsabsätzen und manch abschüssiger Passage nicht stört, wird die wenig bekannte Gratwanderung genießen.

Vom "Bär" zum "Alten Weib"

Auf und ab geht es, dichter Nadelwald wechselt sich ab mit grasigen Lichtungen. Bald erspäht das Auge einen riesigen Ameisenhaufen direkt neben der Pfadspur, bald genießt man die wunderbaren Tiefblicke auf das Ammertal und das Graswangtal im Süden. Man passiert die aschegeschwärzte Feuerstelle, wo alljährlich zu Ehren des Geburtstags von König Ludwig II. (am 24.8.) eines der großen Bergfeuer rund um Oberammergau entzündet wird. Dann fällt der Blick auf das Herz der Ammergauer Alpen mit den auch im späten Frühjahr noch weißen Gipfeln von Kienjoch, Frieder und Kreuzspitze und dem Zugspitzmassiv dahinter.

Der erste Gipfel, der Vordere Rappenkopf, ist vom Kofelsattel aus in einer halben Stunde erreicht. Oben fühlt man sich versucht, dem Kofel direkt auf’s Haupt zu spucken – immerhin überragt ihn der Vordere Rappenkopf um rund 70 Meter. Der Hauptgipfel der Tour, der nach den beiden Rappenköpfen folgende Brunnberg, der vom Tal aus wie ein flaches Felstablett ausgesehen hat, erweist sich bei näherem Hinsehen als eine kleine Felsburg, gespickt mit Wänden und Türmchen. Kommt man da wirklich hinauf? Unser Pfad weiß die Antwort. Er schlängelt sich so geschickt durch die wehrhaften Abbrüche, dass man den höchsten Punkt, den Brunnbergkopf, fast ohne Hand anlegen zu müssen, erklimmt. Von dort lässt sich der stattlich lange, gerade bewältigte Kamm gut überblicken.

Doch die Tour ist noch nicht zu Ende. Vor dem Wanderer bäumt sich nun die Phalanx des Zahnmassivs auf. Unzählige felsige Türme und Nadeln ragen aus dem Grat hervor; diverse Namen haben die von Einheimischen erhalten. „Bär“, „Pferdekopf“, „betender Mönch“ oder „altes Weib“ so heißen einige.

An der kreuzgeschmückten „Zahnnadel“ versuchen sich immer wieder die Kletterer. Doch man ist froh, diese jähen Felskameraden nicht alle besteigen zu müssen; so schön sie aussehen, ihr Gestein aus Hauptdolomit ist häufig splittrig und brüchig. Lieber vertraut man sich dem Steig an, der kurz in das Reich der Zähne hineinführt, es dann aber bald verlässt und einen schließlich auf markierte Wege leitet. Auf diesen geht es hinab zur Kolbensattelhütte und Kolbenalm, wo sich der Lohn für ein waches Pfadfinderauge und manch schneidiges Zupacken findet. Nicht mehr weit ist es dann zurück zum Ausgangspunkt. Vorher noch aber zeugen die schmucke Mariengrotte und die Lehrtafeln am „Döttenbühl“ von den alten Traditionen des Ammertals: von einem mehr als 2000 Jahre alten keltischen Opferplatz zum berühmtesten christlichen Passionsspielort weltweit!

Christian Rauch

RAPPENKÖPFE / BRUNNBERG

ANFAHRT – A 95 München – GAP. Weiter bis Oberau und B 23 über Ettal bis Oberammergau. Im Ort auf der Ettaler Str., dann links in die König-Ludwig-Str., über die Ammerbrücke und links auf die kleine Straße. Auf ihr bis kurz nach dem Friedhof, dann rechts über kurzen Forstweg zum Parkplatz am Döttenbühl. Bahn: München-Oberammergau. Vom Bahnhof auf der Bahnhofstr. links in den Ort, vor der Ammerbrücke re. in Reisachweg und weiter auf kleiner Straße. Nach dem Friedhof rechts zum Parkplatz (ca. 2 km).

TOUR – Gehzeit: 4,5 – 5 Stunden, Höhenunterschied: ca. 900 Meter. Teils steile, schmale, nicht durchgehend markierte Steige. Einige ungesicherte kurze Felsstellen und ausgesetzte Passagen. Daher nur für Trittsichere und Schwindelfreie. Nicht bei Nässe oder nach langem Regen! Verlauf: Auf markiertem Weg zum Kofelsattel mit Unterstand. Abstecher auf Kofel möglich (1341 m, leichter Klettersteig, ca. 30 Min.). Beim Unterstand links auf den Weg zum Kolben und nach ca. 15 Metern links auf kleinen Pfad abzweigen (bei einem kleinen Steinmann zieht der Pfad halbrechts mit schwachen roten Markierungen empor). Durch ein Wiesentälchen und weiter links des Jägerstands durch steilen Wald auf Gratrücken hinauf (ggf. kurz weglos). Dort rechts auf Pfad mit roten Markierungen hinauf. Vor den Felsen kurz halbrechts, dann links durch erdig-felsige Absätze wieder auf Grat. Auf ihm zum Gipfel des Vorderen Rappenkopfs (1408 m). Jenseits hinab, dann rechts auf dem Steig weiter.

Im Auf und ab über den waldigen Gratrücken und durch zwei Senken mit grasigen Lichtungen zu weiterem Felsabbruch. Durch ihn auf Trittspuren im Rechts- Links-Bogen und am Grat weiter auf den kaum ausgeprägten Hinteren Rappenkopf. Kurzer Abstieg und erneut steiler Anstieg mit kurzen leichten Felsstellen auf den Grat des Brunnbergs. Dort auf gutem Steig aussichtsreich dahin, an Unterstand vorbei. Bald danach durch abenteuerliche Felsszenerien hinauf zum Brunnbergkopf (1529 m). Vom Gipfel kurz zurück, dann auf Steig unter den Felsen westwärts weiter. Nach einem bequemen Abschnitt schräg rechts eine grasige Schneide hinauf. Den höchsten felsigen Punkt dieses Rückens links unterhalb etwas ausgesetzt umgehen. Nun auf schmalem Grat zwischen den Felsen des Zahnmassivs weiter. Vor dem großen Felsabbruch auf Steigspuren rechts weit hinunter, und unter den Felsen auf dem Steig weiter. Bald links oben sichtbar die Zahnnadel mit Kreuz, nun auf Steig leicht fallend bis zum markierten Wanderweg. Rechts abwärts. Bei der Verzweigung rechts direkt zur Kolbenalm oder links zur Kolbensattelhütte. Von dort mit Sessellift hinab oder auf breitem Forstweg hinab zur Kolbenalm. Auf den Grottenweg abzweigen und vorbei an der Mariengrotte zurück zum Parkplatz.

KARTE – Kompass 07, Werdenfelser Land.

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