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Immer mehr Bergsteiger müssen per Hubschrauber gerettet werden.

Messner: "Mehr Respekt vor den Rettern"

München - Bergaufslüge sind beliebt wie nie. Allerdings bringen sich die Hobby-Kraxler immer häufiger in Notsitutationen und müssen gerettet werden. Das Interview mit Bergsteiger-Ikone Reinhold Messern.

Die Berge sind „in“, der Alpenverein freut sich seit Jahren über einen wachsenden Trend zum Kraxeln. Dabei bleibt die gesunde Selbsteinschätzung vieler Ausflügler allerdings häufig auf der Strecke. Immer öfter müssen Bayerns Bergwachtler Möchtegern-Gipfelstürmer auf den Boden der Tatsachen zurückholen, riskieren dabei selbst Kopf und Kragen (siehe Artikel links unten). Jetzt bekommen sie Rückendeckung vom besten Bergsteiger aller Zeiten. In der tz mahnt Reinhold Messner: „Die Bergretter und ihre Hubschrauber-Piloten verdienen allerhöchsten Respekt. Wenn es sie nicht gäbe, dann hätten wir jeden Sommer ein Vielfaches an Toten in unseren Alpen.“ Messners Meinung – das große Interview zum Start in die neue Bergsaison.

Herr Messner, von den ernsthaft Verletzten mal abgesehen – warum sind immer mehr Hobbybergsteiger aufs „Hubschrauber-Taxi“ ins Tal angewiesen?

Reinhold Messner (67): Weil immer mehr Menschen die Berge mit Disneyland verwechseln. Sie spazieren zum Beispiel in einen Klettersteig, überschätzen sich selbst und unterschätzen die Natur. Frei nach dem Motto: „Mir kann nichts passieren, es hängt ja überall ein Seil. Und wenn ich nicht mehr weiterkomme, dann kann ich immer noch mit dem Handy einen Hubschrauber anfordern!“

Ein gefährlicher Trugschluss!

Messner: Ja, schließlich muss der Hubschrauber auch manchmal am Boden bleiben – zum Beispiel, wenn plötzlich Nebel oder ein Sturm aufzieht. Aber viele Leute akzeptieren das nicht. Sie werden dann auch noch unverschämt, begrüßen ihre Retter so: „Ich habe doch schon vor einer Ewigkeit bei euch angerufen, wieso kommt ihr erst jetzt?“

Oft müssen die Geretteten den Einsatz nicht einmal bezahlen – beispielsweise sind alle 900 000 Alpenvereins-Mitglieder automatisch gegen die Bergekosten versichert. Liegt da nicht der Fehler im System?

Messner: Der Alpenverein versteht sich als Dienstleister, als eine Art ADAC des Alpinismus. Er bietet die Versicherung an, um möglichst viele Mitglieder zu gewinnen. Aus seinem Selbstverständnis heraus ist das nur logisch. Ich würde mir aber wünschen, dass der Alpenverein ehrlicher mit seiner Serviceleistung umgeht. Er müsste seinen Mitglieder klipp und klar sagen: Diese Police darf nicht dazu missbraucht werden, um Unvernunft, Ignoranz und Selbstüberschätzung abzusichern.

Sie selbst haben in Ihrer Karriere viele gefährliche Touren gemacht. Können Sie nicht verstehen, dass auch Hobbybergsteiger Grenzerfahrungen suchen?

Messner: Wenn man in die Berge geht, sollte man seine eigenen Grenzen erkennen können und akzeptieren. Auch ich habe einige Touren abgebrochen, weil sie für mich eine Stufe zu hoch waren. Darauf bin ich heute mehr stolz als auf so manchen Gipfelerfolg. Und man sollte auch einsehen, dass sich Grenzen verschieben – gerade in fortgeschrittenem Alter.

Gilt das auch für einen Reinhold Messner?

Messner: Der Messner von heute mit fast 68 Jahren muss zum Beispiel nicht mehr durch die Cho-Oyu-Südwand klettern (eine sehr schwere Route auf einen Achttausender im Himalaya; Anm. der Red.). Das wäre dumm, dieses Risiko gehe ich nicht ein. Ich klettere heute nur noch im vierten Schwierigkeitsgrad (die Skala reicht von 1 bis 7; Anm. der Red.).

Würden Sie sich den Everest noch zutrauen?

Messner: Ich würde gar nicht mehr raufgehen. Der Everest ist zum höchsten Fluchtpunkt der menschlichen Eitelkeit geworden. Inzwischen wird der Berg von oben bis unten präpariert, Sherpas legen eine Art Trampelpfad mit Seilgeländern an, der bis auf den Gipfel führt. Der gefährliche Eisfall am Fuß des Everests wird mit Brücken und Leitern entschärft. Ohne die Herausforderung durch die Höhe wäre der Everest leichter zu besteigen als der Ortler in Südtirol. Als ich vor zwei Jahren das letzte Mal in der Everest-Region war, habe ich mit Schrecken festgestellt, dass sie dort jetzt sogar Handy-Sendemasten aufgestellt haben. Und an der Aufstiegsroute zum Everest sitzen inzwischen in jedem Hochlager Köche, bei denen die vor­beikommenden Touristen Tee und Suppe bestellen können.

Die Nepalis leben vom Tourismus – genauso wie viele Alpenregionen. Wollen Sie den Fremdenverkehr aus den Bergen verbannen?

Messner: Nein. Mir geht es lediglich darum, eine Schranke einzubauen. Wir müssen endlich damit aufhören, noch mehr Berge in Ketten zu legen. Die Schweizer sind besonders radikal. Sie bauen momentan einen irrsinnigen Klettersteig nach dem anderen, um Touristen anzulocken. Da werden sogar überhängende Wände mit Seilen bespannt, so dass die Bergsteiger 500 Meter über dem Abgrund hängen. Das ist der falsche Weg. Und gefährlich noch dazu: Vergangenen Sommer gab es so viele Unfälle an Klettersteigen wie nie zuvor. Viele endeten tödlich.

Auch in Bayern schreitet die touristische Erschließung voran. An der Bergstation der Alpspitzbahn bei Garmisch ragt jetzt eine Aussichtsplattform aus Stahl über den Abgrund!

Messner: Solche Bauwerke sind der Versuch, Disneyland in die Berge zu tragen. Sie sind nicht notwendig, um die Natur erlebbar zu machen. Man sollte die Gäste stattdessen lieber ermuntern, einen Berg zu Fuß zu erwandern. Dabei entwickeln sich Demut und Respekt vor der Natur von ganz allein. Ich halte es mit dem großen Bergsteiger-Pionier Paul Preuß. Der hat einmal gesagt: „Das Bergerlebnis hängt nicht von Höhe und Schwierigkeit ab, sondern von der Eigenverantwortung!“

Andreas Beez

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