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So schön kann Sport sein: Kajak fahren ist auf den Flüssen und Seen Oberbayerns ein besonderes Vergnügen.

Ein Ritt auf der Isar: Kajak-Schnupperkurs im Selbstversuch

München - Wie oft schon stand ich in München auf der Wittelsbacherbrücke und habe die tollkühnen Burschen in ihren Plastikbooten bestaunt. Das muss ich auch mal ausprobieren - wozu gibt’s Kajak-Schnupperkurse!

Ein sonniger Vormittag unterhalb des Sylvensteinsees, wo die Isar noch ein halbwegs wilder Gebirgsfluss sein darf. Wolfgang Reichel (45), seit zwölf Jahren geprüfter Kajak-Lehrer, hat die typische Statur eines Paddlers: Schultern wie ein Stier, Beine wie ein Storch. Zwei weitere Wildwasser-Schnupperer und ich schlüpfen in die Neoprenanzüge. Wasserdichte Jacke und Schwimmweste drüber, Helm auf und los!

Freudige Überraschung gleich zu Beginn: Wolfgang hält uns nicht lange mit Trockenübungen auf. Sobald wir gelernt haben, die Spritzdecke über Hüfte und Bootsöffnung zu stülpen, geht’s schon aufs Wasser. Wirklich praktisch so eine Spritzdecke, hält sie doch das Wasser ab. Allerdings hält sie auch den Paddler im Boot fest, sodass der im Falle des Kenterns kopfüber im Wasser treibt. Eine Eskimorolle würde den Kajak wieder aufrichten, doch die lernt man nicht gleich am ersten Tag. Also bestimmt Wolfgang: „Wer fahren will, muss erst das Aussteigen lernen!“ Wolfgang steht im hüfttiefen Wasser, erklärt Schritt für Schritt die Ausstiegstechnik und wirft wie angekündigt mein Boot um. Nach einer Schrecksekunde im zehn Grad kalten Nass öffne ich die Augen, um Orientierung zu finden. Ich taste nach der Reißleine der Spritzdecke, ziehe kräftig daran, tauche nach unten aus dem Boot heraus und weiter an die Oberfläche – geschafft.

Die Isar fließt zunächst zahm dahin. Mit Nassspritz-Spielchen üben wir das Gleichgewichtsgefühl im Boot. Man sitzt etwas verklemmt in so einem Kajak und stabilisiert das Boot mit der Hüfte, den Füßen und Knien. Die Grundhaltung ähnelt laut Wolfgang der „eines Panzerkommandanten bei der Parade auf den Champs-Elysées: aufrecht und mit voller Körperspannung!“ An einem Felsufer, auf dem der Enzian blüht, lernen wir das Bremsen und „Einparken“. Ich werde zunehmend vertraut mit meiner Nussschale aus Polyethylen, beginne mit der Strömung zu spielen. Der wendige Kajak reagiert auf jede Gewichtsverlagerung, setzt jeden Paddelschlag sofort in Vortrieb um.

Auf einer Kiesbank machen wir Mittagspause. Um uns herum das türkise Schmelzwasser, darüber Bergwald mit frischem Blattgrün und schneebedeckte Gipfel. Bilderbuchpanorama aus der Froschperspektive.

Zurück auf dem Wasser schäumt vor uns der Fluss auf: ein kurzes Stück Wildwasser der Stufe 2 auf der sechsstelligen Schwierigkeits- Skala. Wolfgang gibt uns eine Grundregel mit auf den Weg durch die Stromschnelle: „Nie in Rückenlage geraten! Eher beherzt nach vorne beugen, als würdet ihr einen Kopfsprung in die Wellen machen.“ Die Isar wälzt sich rauschend über Felsen im Flussbett. Mein Boot tanzt, ich beherzige Wolfgangs Rat und finde Gefallen an der Achterbahnfahrt. Doch als ich versuche, aus der Strömung rauszupaddeln in ruhigeres Wasser, geht mein Gleichgewicht baden.

Als ich wieder auftauche, nimmt Wolfgang mein Boot ins Schlepptau, und ich halte mich schwimmend am Heck fest. Am sicheren Ufer analysiert er: „Du warst schon durchs Gröbste durch, da hat dir das Kehrwasser eine Watschn verpasst – ein Klassiker.“ Immerhin hat das Aussteigen problemlos geklappt. „Nicht ärgern!“, muntert Wolfgang mich auf für das genussvolle Finale der acht Kilometer langen Schnupperstrecke.

Treiben lassen, die Landschaft genießen, dann wieder Gas geben und eine Welle reiten. In höflichem Abstand umfahren wir einige Angler, passieren Klippen und einen Wasserfall, den man nur vom Fluss aus sehen kann. Kurz vor Lenggries steigen wir schließlich aus und marschieren ein paar Meter zum Parkplatz, wo wir ein Auto abgestellt haben.

Normalerweise gehen Wolfgangs Schnupperkurse über zwei Tage. „Morgen würden wir an einem anderen Abschnitt der Isar nicht viel Neues lernen, aber alles besser!“, sagt Wolfgang. Grinsend fügt er hinzu: „So ein Schnupperkurs bereitet den Nährboden für eine Infektion mit dem Kajakvirus.“ Fast die Hälfte der Wildwassernovizen macht mit einem Grundkurs weiter – und schafft es vielleicht mal bis zur Wittelsbacherbrücke.

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