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Via Stüdlgrat auf den Großglockner: Mit einem kompetenten Bergführer wie hier Andreas Hanser (links, im gelben T-Shirt) sind manche Passagen klettertechnisch immer noch anspruchsvoll, aber nervlich entspannt.

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Bergführer früher und heute: Rolltreppe auf den Großglockner

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Rund 1300 Schutzhütten und Biwakschachteln sind über den gesamten Alpenraum verteilt und bieten Bergsteigern, mal mehr und mal weniger komfortabel, Unterschlupf. Ein ähnlich dichtes Netz gibt es bei den Bergführern, die ihre Gäste sicher und kompetent auch auf schwierige Gipfel geleiten. Beide Entwicklungen wurzeln im visionären Weitblick eines Mannes: Johann Stüdl. Wir haben uns auf Spurensuche begeben.

Die Augenlider hinter der markanten Nickelbrille sind fast geschlossen, die Mundwinkel unter dem akkurat gestutzten Schnauzbart hängen leicht mürrisch nach unten. Es scheint, als weile Johann Stüdl mitten unter uns, das emsige Treiben an der Essensausgabe und an den Tischen genau beäugend.

An der aus Holz geschnitzten Skulptur von Johann Stüdl (1839 – 1925) kommt keiner vorbei hier oben auf 2802 Metern Höhe, in der Stüdlhütte am Fuß des Großglockners. Auch unten, im Talort Kals, dreht sich bei der Ausstellung „Im Banne des Großglockner“ vieles um Johann Stüdl, den Urvater des touristisch organisierten Alpinismus.

Ausgangspunkt für die Besteigung des Großglockner via Stüdlgrat: die Stüdlhütte auf 2802 Metern Höhe.

Stüdlhütte, Stüdlgrat: In Kals und am Großglockner ist der Name allgegenwärtig. Begonnen hatte die alpinistische Laufbahn von Johann Stüdl indes in Bayern, im Chiemgau: Am 7. August 1857 stieg der damalige Gymnasiast mit zwei Freunden auf die Kampenwand – ein Erlebnis, das den Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns aus Prag lebenslang prägen sollte. Denn der Anblick des vergletscherten Alpenhauptkamms faszinierte die drei jungen Burschen so sehr, dass sie einander feierlich einen Eid schworen, all diese fernen Gipfel eines Tages zu erklimmen.

Zehn Jahre später, 1867, besuchte Johann Stüdl erstmals den Ort Kals am Fuß des Großglockners, lernte die dortige Bevölkerung schätzen – die nächste schicksalhafte Begegnung im Leben des Bergpioniers, der sein Chemiestudium hatte abbrechen müssen, weil sein Vater früh gestorben war, der aber dessen Geschäfte weiterführte und über entsprechende Geldmittel verfügte. Diese Kombination, Bergleidenschaft und Vermögen, bildete den Grundstein für den organisierten Bergtourismus.

Als Holzskulptur lebt Johann Stüdl weiter in der Stüdlhütte, hier mit Hüttenwirt Georg Oberlohr.

Denn Johann Stüdl investierte. Viel. Nachdem sein erster Versuch, den Großglockner auf dem Normalweg zu besteigen, wegen Schlechtwetters gescheitert war, entstand die Idee, eine neue Route zu entwickeln: über den Südwestgrat. Weil die Gemeinde Kals für Wege- und Hüttenbau kein Geld zur Verfügung hatte, sprang Stüdl als Investor ein. Zunächst errichtete er 1868 auf der Fanatscharte die erste Schutzhütte, die Mutter vieler folgender Alpenvereinshütten (sie wird heute von der DAV-Sektion Oberland betrieben). Und Stüdl ließ Eisenstangen am Gratanstieg montieren, um diesen zu entschärfen.

An der Eröffnung des „neuen Kalser Wegs“ am 5. August 1869 konnte Stüdl selbst wegen eines Fußleidens nicht teilnehmen; aber die Begehung glückte, der Stüdlgrat mit Kletterschwierigkeiten bis zum vierten Grad ist bis heute einer der attraktivsten Glockner-Anstiege.

Damit nicht genug, wie Martin Gratz in Kals bei einer Führung durch die Glockner-Ausstellung erläutert. Der Vize-Bürgermeister, Touristenführer und Darsteller in Glockner-Filmproduktionen schildert bei einem Rundgang die wegweisende Neuerung, die Stüdl einführte: Er schuf den professionellen Bergführer, weil ihm damals Halbwissen und mangelnde Qualifikation missfielen. So bildete Stüdl, später Mitbegründer des Deutschen Alpenvereins, die hochgewachsenen Kalser Bauernburschen zu Bergführern aus, erarbeitete klare Statuten und finanzierte die nötige Ausrüstung. „Das war“, sagt Martin Gratz, „die Geburtsstunde des heutigen Bergführerwesens.“

Auf dem höchsten Punkt Österreichs: Unser Redakteur Martin Becker (r.) auf dem Großglockner.

Zeitsprung, Juli 2016. Am Vorabend kontrolliert Andreas Hanser in der Stüdlhütte, inzwischen ein moderner Bau (mit Warmwasserwaschbecken, Vier-Gänge-Menü in Büffetform bei der Essensausgabe sowie Kletterwand im Treppenhaus) das Material seiner Gäste: Passen die Steigeisen, hat jeder einen Helm? Der 45-Jährige gehört zur Kalser Bergführergilde, stand als Kind schon mit sieben Jahren erstmals auf dem Großglockner, kam über seinen Vater zu diesem Beruf und hat mittlerweile über 500 Mal Bergsteiger auf den Großglockner geführt. „Es macht jeden stolz, gerade in Kals Bergführer zu sein“, weiß Andreas Hanser um die Wurzeln seines Berufsstands.

Die Nacht verläuft angenehm ruhig, ohne übermäßiges Geschnarche und überfüllte Lager, was daran liegt, dass Stüdlhüttenwirt Georg Oberlohr die Auslastung steuert, bei maximal 90 Prozent einen Schnitt macht und eine Überfüllung grundsätzlich vermeidet. Das entspannt die Situation in den Lagern, beim Essen – und am Berg: „Dass der Großglockner über die Hüttenauslastung limitiert wird, steigert die Sicherheit auf Tour“, findet Andreas Hanser.

Nach dem Frühstück starten wir am nächsten Morgen um 5.30 Uhr. Über das Teischitzkees (dort wird angeseilt) zur Luisenscharte, dann in teils luftiger Kletterei den Stüdlgrat hinauf. Blockiges Gelände, bisweilen mit Schneeresten durchsetzt, und ab der Tafel beim Frühstücksplatz deutlich schwieriger werdend. Ab hier zahlt sich die Detailkenntnis des Bergführers aus, Andreas Hanser kennt jede schwierige Stelle genau, sichert souverän, motiviert uns. „Der Großglockner“, ruft er von oben zu, „ist wie eine Rolltreppe.“ Naja, ein griffiges Synonym. Dafür, dass die Kletterei hier mehr fuß- als armlastig ist. Tritt für Tritt, sorgfältig gesetzt, befördern wir uns nach oben. Sodass wir knapp dreieinhalb Stunden später am Gipfelkreuz stehen.

Uneingeschränkter Genuss. Volle Konzentration aufs Klettern. Keine Irritationen bei der Routenfindung. Dieses Sicherheitsgefühl. Andreas Hanser vermittelt kompetent das, worauf es bei einer Tour mit einem Bergführer ankommt, dieses gewisse Plus eben. „In 24 Jahren“, sagt der Kalser mit hörbarem stolz, „gab’s bei mir keinen einzigen Bergunfall.“ Ganz in der Tradition von „Glocknerherr“ Johann Stüdl, dem Begründer des modernen Bergführerwesens.

Von Martin Becker

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