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Herrlich gelegen: In einem weiten Talkessel liegt das knapp 7000 Einwohner zählende Ruhpolding, eines der ersten Ziele des Massentourismus nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wieder erwacht

Wie Ruhpolding sein angestaubtes Image abstreift

Es war einmal… der 9. Mai 1895, als unter großem Jubel die Bahn kam. Mit ihr reisten zunächst allein illustre Gäste an, später auch der findige Geschäftsmann...

...Dr. Degener, der ganze Ladungen von Touristen in Sonderzügen nach Ruhpolding schickte.

Am Pfingstsonntag fuhr der erste Zug ein. Die Kinder des Ortes wurden aus ihren Betten geworfen, damit man mehr Gäste unterbringen konnte! Goldene Zeiten waren das, die auch noch in die 1970er-Jahre hineinreichten.

Außerdem entstand 1978 das Biathlon- Leistungszentrum, und eine erste WM zeigte der Welt, dass man hier verdammt schnell laufen und scharf schießen konnte. Mit dem Fall der Mauer gab es noch einen touristischen Aufschwung, aber dann geriet der einst so klingende Name Ruhpolding in Vergessenheit. Doch nun scheint es wieder aufwärts zu gehen. Was auch an Menschen wie Anja und Markus Eismann liegt.

Das Paar möbelte das altehrwürdige Hotel Wittelsbach, es ist seit 1906 in Familienbesitz, auf und verstanden es, der Tradition neuen Schwung zu verleihen, mit innenarchitektonischen Konzepten, die nicht 08/15 sind, sondern einfallsreich und stimmig. Markus Eismann ist auch „Teamaster“, Teamaster gibt’s in Hotels wie dem Berliner Adlon. Würde man in Ruhpolding nicht eher die Beutel-Variante erwarten? Weit gefehlt: Markus Eismann besuchte 2010 sogar Sri Lanka, um dort die Fachausbildung zum „TeaMaster Gold“ zu absolvieren. Mit „hervorragend“ abgeschlossen – und hervorragend sind denn auch die Aromen der 40 kredenzten Teesorten.

Aus dem Dornröschen-Schlaf holt das Dorf auch Andrea Kaysser. Ihre gleichnamige Galerie wurde im Jahr 2006 von der Kunstkennerin in München-Schwabing gegründet und vertritt im Moment 17 internationale Künstler. Im Winter 2011/12 zog die Galerie nach Ruhpolding, mitten ins Zentrum: Belebend, was Andrea Kaysser zeigt, die im etwa zweimonatigen Wechsel Einzel- oder Gruppenausstellungen präsentiert. Auch so eine typische Ruhpoldinger Geschichte lässt sich über Henning Wolf, den Geschäftsführer der Unternberg Lifte, erzählen.

Der Lift stand mehrfach vor dem Aus, zwar gab es einen einheimischen Retter mit klingendem Namen, der auch sehr schnell viel Geld aufgetrieben hatte, aber damit nicht richtig gewirtschaftet hatte. Wieder sollte der Lift sterben, aber der Lift ist ein unverzichtbares Gut für die kleinen heimischen Skiclubs. Von Traunstein und Siegsdorf sind die Rennkids in 20 Minuten im Schnee, zum Jenner dauert das ungleich länger und kostet mehr. Dazu hat der Hang diese perfekte Trainingsneigung, diese Geländeübergänge und man bekommt eben auch sehr viele Trainingsfahrten in zwei Stunden unter. Grad ins Schwärmen gerät man ob der perfekten Präparierung, das können manche großen Skigebiete nicht so gut!

Der zweite Mann am Lift ist Franz Ringsgwandl, lange Nachwuchstrainer im Deutschen Skiverband. Er ist der Mann mit dem Gespür für Schnee. Beschneien und Verdichten, das Gelände erspüren, auch das ist eine Passion. Der Lift erlebt nun seine zweite Saison mit Wolf/Ringsgwandl, die nicht müde werden dafür zu werben in den dazugehörigen Förderverein einzutreten. 50 Euro im Jahr, dafür 50 Prozent Rabatt bei den Lifttickets. Es geht um Passion, aber immer auch ums Geld. Dafür herrscht jetzt wieder Leben am Berg – und noch mehr Leben im Ort. Denn manchmal ist es eben doch fatal, nur abzuwarten und Tee zu trinken!

Von Nicola Förg

RUHPOLDING ENTDECKEN

ANFAHRT – Bahn: Mehrmals am Tag von München über Traunstein nach Ruhpolding (www.bahn.de) Auto: Autobahn A 8 München – Salzburg, Ausfahrt Traunstein. Ausgeschildert nach Ruhpolding, Parken im Ort.

TOUREN – Langlauf: Die schönste Loipe ist die „Golfplatzrunde“ (7,1 km. Dauer, 1:50 h). Im Loipenzentrum einsteigen (Loipe 3), mit wunderbaren Einkehrmöglichkeiten auf der Streck: Fischerwirt, Ortnerhof, Beim Häusler. Biathlon: Es gibt Führungen/Gästeschießen (Info: www. cafe-biathlon.de); Schnupperkurse bucht man über www. biathloncamp.de und man darf die Weltcuploipen auch selber abfahren, immer Montag bis Freitag von 17 bis 20 Uhr; Flutlicht, 5 Euro. Wandern: Der Sagenweg ist auch im Winter sagenhaft für Kinder – endlich weiß man, was ein Kraxenbachloder ist! Der 2,3 Kilometer kurze Weg endet unweit der Windbeutelgräfin, auch ein Muss! Detaillierte Broschüre bei der Touristen- Information in Ruhpolding.

LIFTE – Unternberg: Montag bis Sonntag von 9 bis 16 Uhr; Flutlicht: Dienstag & Donnerstag 17.30 bis 20 Uhr. Tolle Möglichkeit für Firmenrennen. Hotline der Kasse am Skilift: 0 86 63 / 41 96 47; www.ski-unternberg.de

KUNST – Galerie Kaysser: Mi - Fr: 10-12 Uhr und 15-18 Uhr, Sa 10-17 Uhr, So 11-17 Uhr und nach tel. Vereinbarung unter 0 86 63 / 35 59 798; www.galerie-kaysser.de

TIPP – Alpenhotel Wittelsbach: Tee gibt es natürlich immer; montags gibt es eine Teeverkostung. Alpenhotel Wittelsbach, Hauptstr. 48, 83324 Ruhpolding. Tel.: 0 86 63/ 41 73 870; Internet: www.wittelsbach.de

KARTE – Kompass-Karte 14, Berchtesgadener Land, Chiemgauer Alpen, 1: 50 000.

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