+
Die Freiluft-Tür ist ein Kunstwerk des Allgäuers Günter Rauch. Von der Bad Kissinger Hütte sind es etwa 200 Meter zum Gipfelkreuz.

Sagenumwobener Gipfel

Standfestigkeit ist gleich zu Beginn der Wanderung gefragt. „Bloß nicht schwach werden“ könnte das Spritztouren- Motto dieses Mal heißen. Wir beginnen unsere Tour genau dort...

... wo sich bequeme Zeitgenossen in die Seilbahn setzen, um satte 600 Höhenmeter zu sparen – und dadurch den schönen Anstieg verpassen. Führt doch der Königsweg auf den Pfrontener Hausberg durch die erstaunlich unbekannte Reichenbachklamm. Die Seilbahn-Versuchung gerät bereits auf dem Weg zum Wildbach in Vergessenheit. Über satte Almwiesen und durch kurze Waldpassagen wandert man gemütlich auf den unübersehbaren Taleinschnitt zu, den der Reichenbach in die Allgäuer Bergwelt gegraben hat. Dort wird der Weg so „wild“ wie der Bach.

Alle sieben Jahre kann es ein Mensch mit besonderem Glück sogar den Venedigerkönig sehen

Gleichermaßen angenehm wie anhaltend steil führen die Kehren des schmalen Bergsteigs durch einen herrlichen Mischwald empor. Trittsicherheit ist hier zweifellos von Vorteil. Doch keine Angst: Leicht ausgesetzte Stellen und kurze felsige Abschnitte sind gut mit Drahtseilen und Holzgeländern abgesichert. Spätestens beim zweiten Aussichtspunkt wird man eine erste Pause mit Blick auf den großen Wasserfall einlegen. Auch wenn die Reichenbachklamm keine so steilen Felswände wie beispielsweise die Höllentalklamm besitzt, braucht sie sich hinter der berühmten Kollegin nicht zu verstecken. Dank des abwechslungsreichen Anstiegs vergehen die ersten 400 Höhenmeter der Tour fast wie im Flug. Dem spannenden Waldpfad folgt ein klassischer Forstweg und somit eine kleine Ernüchterung. Doch diese ist nur von kurzer Dauer. Spätestens wenn sich im Almgelände der Blick nach Westen öffnet, ist die Euphorie wieder da.

Ausschnitt aus: Kompass-Karte 4, Füssen; Lizenz: 17-0906-LVB.

Plötzlich ragt der Aggenstein mit seinen beeindruckend steilen Nordostwänden über dem Talkessel auf. Direkt unter der Nordwand sollen die Venediger, das sind geheimnisvolle kleine Männchen, die in den Alpen nach wertvollen Mineralien suchten, ein wahres Märchenschloss in den Fels gehauen haben. Der größte Teil ist zwar unterirdisch, aber ein Stück ragt angeblich über den Boden heraus. Alle sieben Jahre kann es ein Mensch sehen und mit besonderem Glück sogar den Venedigerkönig. Der trägt einen goldenen Kapuzenmantel und hat einen langen Bart aus Gold und Silberfäden. Aber Vorsicht. Wenn Sie der Glückliche seien sollten, der beim Wandern das Schloss entdeckt, dann müssen sie unbedingt sieben Jahre darüber schweigen. Denn wer auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verlauten lässt, fällt der Sage nach auf der Stelle tot um. Und es wäre schade, die zweite Hälfte der Tour nicht mehr zu erleben...

Die führt nach einem steilen, aber nicht besonders langen Anstieg aus dem Talkessel zum bayerisch-tirolerischen Grenzkamm hinauf, über den es flach zu einem exponiert stehenden Türstock samt Tür geht. Man steht nicht etwa vor dem Überrest eines verfallenen Vorgängerbaus der dahinterliegenden Bad Kissinger Hütte. Die rote Pforte ist vielmehr Teil des alpenweiten Projekts „Porta Alpinae“ von Günter Rauch. Der Kemptener Künstler lädt Wanderer dazu ein, seine Freiluft-Türen hin zu einem neuen Bewusstsein zu durchschreiten. Dem Künstler geht es um mehr Achtsamkeit für die Natur und nicht zuletzt auch für sich selbst. Von der 1.792 Meter hohen Bad Kissinger Hütte sind es keine 200 Höhenmeter zum Gipfelkreuz. Gerade einmal 15 Meter fehlen dem Aggenstein zum 2000er. Dieses kleine Manko macht der westlichste Gipfel der Tannheimer Berge mit seiner grandiosen Fernsicht mehr als wett. Besonders reizvoll ist der Kontrast zwischen den schroffen Bergketten der Allgäuer Alpen im Süden und den grünen Höhenzügen des Alpenvorlands im Norden. Ornithologen dürfen ihr Fernglas keinesfalls nur in die weite Ferne schweifen lassen: Rund um den Aggenstein leben Auerhahn, Birkhuhn, Schwarzspecht und Steinadler. Und deren Bestand ist im Gegensatz zu dem der Venedigermännlein wissenschaftlich belegt...

VON MICHAEL PRÖTTE

AGGENSTEIN (1985 METER)

ANFAHRT – Auto: A 96 München-Lindau, Ausfahrt Jengen/ Kaufbeuren. Weiter auf der B 12 nach Marktoberdorf. Von dort auf der St2008 über Seeg und Eisenberg nach Pfronten. Dort links Richtung Vils zum großen Parkplatz der Breitenberg-Seilbahn. Bahn: Von München über Kempten nach Pfronten-Ried und weiter mit dem Bus 71 zur Haltestelle Pfronten-Breitenberg.

TOUR – Man geht am Parkplatz rechts an der Talstation vorbei zum Kinderspielplatz; hier steht ein Schild „Aggenstein über Reichenbachklamm“. Über eine Wiese geht man zu einem breiten Fußweg, dort dann links. Man stößt auf einen Teerweg, hier wieder nach links zu zwei Wegweisern. Am zweiten folgt man der Beschilderung in Richtung Reichenbachklamm nach rechts. Auf einem Fahrweg geht es zu einem alten Heustadel, wo man rechts in einen Wiesenpfad abzweigt. Wieder im Wald folgt noch einmal ein kurzes Stück Forstweg. Man wendet sich nach rechts, um einem schmalen Fußweg zu folgen. Dieser führt in Serpentinen ansteigend vom Bach weg, um ihm bald wieder oberhalb parallel zu folgen. Es folgt ein kurzes Drahtseil gesichertes Stück, dann wird ein Seitenbach gequert, bevor man den Beginn der eigentlichen Klamm erreicht. Auch hier bleibt der Weg rechts oberhalb und führt dann nach rechts zu einer breiten Forststraße, die man gerade überquert, um einem steinigen Fahrweg bergan zu folgen. Über diesen gelangt man zu einer Almfläche. Hier folgt man rechts einer breiten Fahrstraße, kommt an einem Lifthäuschen vorbei und hält sich an der folgenden Gabelung links. Zunächst noch auf einer Fahrstraße, dann auf einem Fußweg geht es zunehmend steiler auf einen breiten Steilhang zu.

Der Weg führt nach links in einen Bergkessel, wo er kurz flacher wird, um dann wieder in steileren Kehren erst nach rechts, dann nach links auf die andere Seite des Bergkammes zu führen. Hier wendet man sich nach rechts und wandert flach zur Bad Kissinger Hütte. An ihr geht man rechts vorbei und zuerst noch flach nach Westen weiter. Schließlich geht es zunehmend steiler zu einem Bergsattel hinauf, wo sich eine Weggabelung befindet. Hier folgen wir der Beschilderung „Aggenstein“ nach links und kommen so zum Beginn einer langen Eisenkette, die den Schlussanstieg (man muss ab und zu die Hände zu Hilfe nehmen) zum 1985 Meter hohen Gipfel erleichtert. Der Abstieg erfolgt auf dem Anstiegsweg.

Tourdaten: Gehzeit 5,5 Stunden. Strecke: 12 Kilometer. Höhendifferenz: 1100 Höhenmeter. Start und Ziel ist der Parkplatz an der Talstation der Breitenberg-Bahn. Einkehrmöglichkeit: Bad Kissinger Hütte, von Anfang Mai bis Ende Oktober geöffnet.

KARTE – Kompass-Karte Nr. 4, Füssen-Außerfern

Auch interessant

Kommentare