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Wilde Sprünge, rasante Kurven: Die 2,2 Kilometer lange Freeridestrecke am Fuß der Hochries verlangt den Mountainbikern allerhand ab.

Mit Vollgas in die Steilkurve

220 Höhenmeter können verdammt knackig sein. Wenn nämlich nebenbei 44 rasante Kurven zu fahren und 18 Sprünge zu bewältigen sind. Im Bikepark Samerberg bekommen auch verwegene Mountainbiker kräftige Adrenalinschübe.

Ein paar Schlammspritzer haben es geschafft. Auf den Schlechtwetter-Overall sowieso, aber auch ins Gesicht von Konrad Heibler. Und das, obwohl der 19-Jährige aus Samerberg einen so genannten Fullface-Helm inklusive Kinnschutz sowie eine Art Skibrille trägt. Aber was ist ein bisschen Schmutz gegen das Gefühl, mit wilden Sprüngen durch den Bikepark Samerberg gefetzt zu sein? „Das ist flowig!“, beschreibt er den rauschähnlichen Zustand, der durch das Sich-völlig-Vertiefen in eine Tätigkeit – hier eine rasante Mountainbikeabfahrt – entsteht. Der Blondschopf schiebt den weißen, mit einer Kamera bestückten Helm zurück, schnappt sich sein Rad und macht sich wieder auf den Weg nach oben – zur nächsten Sprungschanzen- Tour.

Ein Naturtalent ist Konrad Heibler (19) aus Samerberg, der beim Bau des Bikeparks mitgeholfen hat.

„Er ist ein Naturtalent“, sagt Peter Brodschelm über den 19-Jährigen. Brodschelm (42), ehemaliger Radrenn- Bundesligafahrer, hat vor einem Jahr den Bikepark Samerberg im Chiemgau initiiert. Über 50 000 Abfahrten gab es seitdem auf der 2,2 Kilometer langen Strecke, deren Startpunkt mit Hilfe der Hochriesbahn erreicht wird. Sogar aus Frankfurt, Nürnberg oder Heidelberg kommen die Mountainbiker angereist, um in Steilwandkurven die Fliehkraft zu spüren.

Und einer ist vom ersten Tag an dabei: Konrad Heibler, ein Bub aus der Nachbarschaft, der bis dahin zu Mountainbikes kaum einen Bezug hatte. „Mit einem normalen Fahrrad bin ich ein bisschen im Hof umhergehüpft“, erinnert sich der 19-Jährige. Heute macht er Sprünge, die Außenstehenden halsbrecherisch erscheinen. „Das Beispiel zeigt, dass der Bikepark absolut etwas für jedermann ist und nicht nur für Freaks“, sagt Brodschelm. „Es ist ähnlich wie beim Skifahren: Auf der gleichen Piste fahren Leute aller Könnensstufen hinunter.“

In der Tat erlaubt die Freeridestrecke am Fuß der Hochries allerlei Variationen. Hügel kann man überspringen oder umfahren, Steilkurven weiter oben oder unten nehmen, je nach Können. Einsteiger nutzen dazu ihr ganz normales Mountainbike und einen üblichen Radhelm.

„Wer es etwas mehr krachen lassen will“, sagt Brodschelm, der kann nebenan in der Bikestation aber entsprechende Utensilien ausleihen. Von Protektoren für Beine, Arme, Schultern und Rücken über fast das komplette Gesicht umschließende Helme bis hin zu speziellen Freeride-Mountainbikes. Die zeichnen sich durch spezielle Geometrie mit einem flacheren Lenkwinkel, massivere Bereifung, mehr Federweg und kräftigere Bremsen aus.

Mit dem Sessellift der Hochriesbahn werden Mountainbiker inklusive Rad zum Startpunkt befördert.

Ob Klickpedale oder nicht, das wiederum ist eine individuelle Glaubensfrage. „Sprünge sind ohne Klickpedale angenehmer, dafür rutscht man mit ihnen in harten Rüttelpassagen nicht so schnell raus“, erläutert Brodschelm. Bei den Kurven und Sprüngen gibt es vier Grundelemente. North Shore heißen die nach kanadischem Vorbild gezimmerten Überfahrten aus Holz. Tables sind aus Erde gebaute Sprungschanzen, die einem trapezförmigem Tisch gleichen. Ein Double sieht fast genauso aus – bloß erfolgt hier die Landung an einem zweiten Tisch. „Nur etwas für Experten“, mahnt Brodschelm. Über die Wall-Rides (Steilkurven aus Holz), die nur durch Fliehkraft funktionieren, sagt er: „Darin sehen die Fahrer so ähnlich aus wie die Teufelskerle auf dem Münchner Oktoberfest.“

Am Wochenende hat der Bikepark (Tageskarte 10 Euro, dazu Lifttransport, z.B. Zehnerkarte 15 Euro) mit einer zweitägigen Party die Saison eröffnet. Konrad Heibler, der an all den Sprung- und Kurvenelementen mitgebaut hat, schaut nach einer Reihe Stuntmen-artiger Abfahrten den anderen zu.

„Man braucht gute Körperspannung und Gleichgewichtsgefühl“, nennt er wichtige Parameter, die kein Garant gegen Stürze seien: „Man muss schon aufpassen. Es gibt eigentlich keinen Tag, wo es mich nicht schmeißt. Einmal hab ich mir die Schulter gebrochen, sonst aber nur kleine Kratzer geholt. Das passiert halt mal.“ Gefährlich sei Leichtsinn in vermeintlich Routine-Passagen, „zum Beispiel in einer Kurve nach einem großen Sprung“. Angst? „Ein bisschen Schiss darfst du schon haben. Aber wer richtig Angst hat, sollte lieber nicht runterfahren“, findet Heibler. Er fährt wieder, elegant und sicher: „Ich denk’ mir nix dabei.“ Ein Naturtalent eben.

Martin Becker

MEHR INFOS

Der Bikepark liegt in Samerberg an der Talstation der Hochriesbahn (A8 München – Salzburg bis zur Ausfahrt Achenmühle). Preise, Öffnungszeiten, Videos und vieles mehr im Internet unter www.bikepark-samerberg.de

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