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Nächster Halt in Sichtweite: Beim Bouldern kommt es neben Kraft auf ausgeklügelte Bewegungsabläufe an – Monika Retschy (24) zählt zu den Top-Kletterinnen.

Monika Retschy gibt Einblicke

Bouldern: Schach an der Kletterwand

Es ist ein bisschen wie ein Schachspiel an einer überhängenden Wand: Welche Kombination aus ausgeklügelten Zügen führt zum Ziel? Beim Bouldern bedeutet das, ein paar höchst schwierige Meter Naturfels oder Hallenkletterwand mit einer optimalen Folge an Körperbewegungen zu bewältigen. Die deutsche Vizemeisterin Monika Retschy aus München gibt Einblicke in ihre Sportart, die immer mehr Anhänger findet.

Es sind „die verrückten Sachen“, sagt Monika Retschy. Die in kein Schema passen. Das empfindet die 24-Jährige als das Spannende und Faszinierende am Bouldern: Lösungen zu finden, auf die kein normaler Kletterer kommt. Ein bisschen Magnesia schimmert noch an ihren Fingern, als wir uns zum Interview in der „Boulderwelt Ost“ in München treffen. Monika Retschy hat schon trainiert, knapp zwei Stunden lang, wie fast jeden Morgen, bevor sie sich um ihr Sportwissenschafts-Studium kümmert. Für eine kleine Demonstration reicht die Kraft aber noch: Mit spinnenartiger Leichtigkeit bewegt die Münchnerin ihre 51 Kilo Körpergewicht an den bunten Griffen einer Weltkugel empor oder am Überhang mit den Fußballgriffen. Kraftvoll und zugleich elegant, bei aller Körperspannung immer noch mit einem Lächeln auf den Lippen.

Monika Retschy beim Interviewtermin in der Boulderwelt-Ost in München.

Bouldern, das Klettern ohne Seilsicherung und in Absprunghöhe: Die frisch gekürte deutsche Vizemeisterin beherrscht ihr Metier perfekt. Normales Klettern, mit Seil? „Nein, einen Klettergurt ziehe ich nur einmal pro Jahr an“, sagt die 24-Jährige. Das war zunächst anders. Mit zwölf Jahren betrat Monika Retschy erstmals eine Kletterhalle, tauchte sofort mit Begeisterung ein in diese Sportart. Und genoss dank ihres Talents rasch die sportliche Förderung durch die Sektionen München und Oberland, wo sie schon nach zwei Jahren im Wettkampfkader stand. Irgendwann stieß sie an eine Grenze – Seilklettern und Bouldern auf Top-Niveau? „Wenn man richtig gut werden will, kann man nur eins von beiden machen.“ Die Münchnerin legte ihren Schwerpunkt aufs Bouldern, das mache ihr am meisten Freude. „Meine Leidenschaft ist es, mich intensiv auf wenige Züge, dafür aber umso konzentrierter, vorzubereiten und mich innerlich darauf einzustellen. Ich liebe die Individualität der Bewegungen und die Möglichkeit, immer neue Lösungen und Varianten für Bewegungsprobleme zu finden“, erklärt Monika Retschy ihr Faible fürs Bouldern. „Die nicht nach einem Schema ablaufenden Bewegungen dieser Sportart bieten mir immer neue Herausforderungen. Die Faszination der Freiheit und der Unendlichkeit der verschiedenen Möglichkeiten machen diesen Sport für mich so einzigartig.“

Ab und zu bouldert Monika Retschy selbstverständlich mit Crashpad (eine Art Sicherheitsmatratze) an Naturfelsen wie im französischen Fontainebleau, wo diese Spielart des Kletterns ihre Wurzeln hat. Der dicht getaktete Wettkampf-Kalender indes lässt sie wegen der höheren Schwierigkeiten bevorzugt durch Kletterhallen tingeln: „Fels ist für mich zur Zeit wie Urlaub. Festhalten und hoch, wie klassisches Felsklettern, nur kürzer.“ Das Hallenbouldern dagegen stellt die Münchnerin vor Herausforderungen, die sie in der Natur gar nicht findet. Notfalls sagt sie in der Boulderwelt- Ost zu Routenbauer Dave: „Kannst du mir mal dies und das schrauben?“ Und dann kommt es vor, dass Monika Retschy eineinhalb Stunden lang an einem einzigen Zug tüftelt. Schach an der Kletterwand.

Bei allem intensiven Training: Zu Perfektion kommt es nie. Mal klappt es Platten besser, mal mit Sprüngen oder extremen Überhängen. „Stärken und Schwächen drehen sich das ganze Jahr über wie ein Kreisel“, erläutert die 24-Jährige. „Wenn man tatsächlich meint, dass man in allem gut ist, hat man falsches Selbstgefühl; es ist immer irgendwas schwächer, es gibt keinen, der perfekt klettert, nicht mal Adam Ondra.“ (Anm. d. Red.: Der Tscheche gilt aktuell als einer der weltbesten Kletterer). Ihr Können und Wissen gibt Monika Retschy als Trainerin weiter: Sie betreut beim Alpenverein München und Oberland rund 30 Kinder im Wettkampfkader. „Es ist toll zu sehen, wie die Kids wahnsinnig schnell unglaublich stark werden“, staunt die deutsche Vizemeisterin. Sie hat auch eine Erklärung für den raschen Erfolg: die kindliche Unbekümmertheit.

Mehr Informationen rund um Monika Retschy und das Bouldern finden Sie auch auf ihrem Blog: sonnenbouldern.blogspot.de

„Wände hochrennen, Sprünge, Platten, eben all das verrückte Zeug, das es in der Natur so nicht gibt – Kinder machen das, als sei es das Normalste der Welt. Weil sie es von Beginn an kennenlernen.“ Insofern hat Monika Retschy an der dynamischen Kreativität von Routenbauern mehr zu knabbern als die Kinder in ihrem Wettkampfkader: „Speziell die vergangenen zwei Jahre waren echt hart für mich, denn ich musste mich mit komplett neuen Bewegungen auseinandersetzen, die es so bislang nicht gab.“ Für Nachwuchstalente ein Kinderspiel, für erfahrene Profis eine knackige Herausforderung. Und die Spirale dreht sich weiter: „Die Entwicklung ist nicht ausgereizt, noch vieles kann kommen.“ Was ihr (auch) als Sportwissenschafts- Studentin aufgefallen ist: Kinder, die vorher andere Sportarten wie Fußball, Schwimmen oder Turnen ausgeübt haben, stellen sich beim Bouldern besser an.

Ihr Tipp an Boulderer in spe: „Spätestens mit zehn Jahren sollten Kinder anfangen, vorher aber möglichst schon mehrere andere Sportarten ausprobiert haben. Diese Bewegungsvielfalt kommt ihnen beim Klettern zugute.“ Diagonal mit zwei Fingerkuppen zupacken, die Beine hinüberschwingen und und mit der Ferse quasi greifen oder mit dem Rücken zur Wand agieren: Nichts ist beim Bouldern unmöglich. Und eine gute Taktik gehört dazu. „Bevor ich in einen Boulder einsteige, habe ich eine Ahnung, wie mich bewege, wo ich was anspannen muss“, sagt Monika Retschy. Klappt es nicht, schwenkt sie um auf Plan B: einfach schauen und probieren. „Man muss“, sagt sie sowohl als Trainerin auch auch als Leistungssportlerin, „immer mit sich und der Wand arbeiten.“

Weltcup im Münchner Olympiastadion: Trotz 51 Kilo ins Finale?

Wer sich die Kletter-Disziplin Bouldern einmal auf höchstem Niveau anschauen mag, hat dazu am 14. und 15. August in München Gelegenheit: Am Nordeingang des Olympiastadions findet der Boulder-Weltcup statt. Bei der Qualifikation am 14. August (10 bis 19 Uhr) ist der Eintritt frei, für Halbfinale und Finale am 15. August (11.30 bis 21 Uhr) kostet der Eintritt 12,60 Euro (weitere Infos: www.alpenverein.de/ boulderworldcup) Nach dem Rücktritt von Juliane Wurm aus Wuppertal, die im Juli ihre einzigartige Wettkampfkarriere mit dem 19. Titel als Deutsche Meisterin gekrönt hat und sich nach Siegen bei Welt- und Europameisterschaft fortan mehr auf ihr Medizinstudium konzentrieren will, gilt auf nationaler Ebene bei den Frauen Monika Retschy als neue Nummer eins.

Doch die 24 Jahre alte Münchnerin hat beim Weltcup starke internationale Konkurrenz. „Hier zu Hause ist es besonders schwer für mich, weil einen alle kennen. Das ist etwas ganz anderes, als wenn man in China einfach vor sich hinklettert“, sagt Monika Retschy. Die Lokalmatadorin könnte heuer erstmals in die Top Ten der Weltcup-Gesamtwertung kommen, doch zuvorderst will die „die erste Hürde Qualifikation überstehen und ins Halbfinale kommen“. Ob es nach den Plätzen zwölf (2013) und sieben (2014) diesmal fürs Finale der ersten Sechs reicht? „Aller guten Dinge sind drei“, schmunzelt Monika Retschy. Ernst fügt sie hinzu: „Irgendwann mal in München im Finale zu stehen, das ist mein Traum.“ Wobei, von wegen „irgendwann“: Studium, intensives Training und pro Jahr rund sechs Wochen Wettkampfreisen lassen sich, wie das Beispiel Juliane Wurm zeigt, nicht so einfach meistern.

„Vielleicht“, sinniert Monika Retschy, „ist 2016 sogar mein letztes Wettkampfjahr.“ Jetzt zählt erstmal München 2015. Fünf Minuten Zeit hat jeder pro Boulder, gleich loszulegen ist ein Anfängerfehler, den Monika Retschy nicht macht: „Lieber etwas länger die Aufgabe anschauen – ich brauche dafür 30 bis 90 Sekunden – und dann einen guten Versuch wagen.“ Übrigens, berichtet die Münchnerin, es gehe in der Branche das Gerücht um, „dass Frauen, die mehr als 50 Kilo wiegen, nicht in einem Weltcup-Finale klettern können“. Ob’s stimmt? Monika Retschy ist das egal: „Mit Gewicht möchte ich mich gar nicht auseinandersetzen, das ist es mir nicht wert – dafür esse ich zu gerne.“ Sie wiegt 51 Kilo. Und will trotzdem ins Finale.

Martin Becker

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