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Millimeterarbeit an der Sattelnase: Die Ergonomie-Experten (v.l.) Tibor Simai, Tobias Hild und Dr. Stefan Staudte optimieren ein Mountainbike.

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Ergonomie beim Radfahren: Mit Schmirgelpapier gegen Druckspitzen

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Unter eingefleischten Radfahrern gehörte es lange Zeit zum guten Ton, auf die Zähne zu beißen und Strapazen klaglos zu ertragen. Nicht nur die Anstrengung, sondern auch Schmerzen oder gar Taubheitsgefühle an Genitalien, Händen und Füßen. 

Wer sein Fahrrad ergonomisch optimiert, kann diese Druckspitzen aber spürbar reduzieren.

Tibor Simai, Bikeprofi und Ergonomie-Experte, nimmt meine rechte Hand, um sie auf einer Schablone zu vermessen. Medium, also Griffgröße M. Normalerweise.

„Zeig mir mal deinen Handschuh.“ Es ist windig und ziemlich frisch an diesem Frühlingsvormittag, weshalb ich diesmal die etwas dicker gepolsterten Handschuhe trage. „In diesem Fall“, sagt Tibor Simai, „nimm lieber Griffgröße S.“ Wegen der Handschuhe: mehr Fingervolumen = kleinerer Griff.

Diese Nuancen sind es, die den Unterschied ausmachen: ob man beim Radeln länger Freude hat oder schon früh leidet; ob es irgendwo unangenehm drückt oder eben nicht.

Bevor wir mit Mountainbikes die Isar-Trails im Süden von München befahren, wird gemessen, inspiziert und geschraubt. Der Außenbereich der „Trattoria Antica“ in Harlaching gleicht einer Fahrradwerkstatt, denn Tibor Simai, SQ-Lab-Chef Tobias Hild und der Urologe Dr. Stefan Staudte haben allerlei Material mitgebracht: Sättel, Griffe, Einlagen für die Schuhe. Denn jeder Mensch ist, selbst bei gleicher Körpergröße, anatomisch anders gebaut. Der eine hat längere Arme, der andere einen kürzeren Oberkörper.

Auf den Isar-Trails im Münchner Süden sorgen die individuell „gefitteten“ Bikes für ein besseres Fahrgefühl.

Ganz wichtig: die Sitzknochenvermessung. Damit hat es angefangen bei SQlab. Quasi als Pionier hob Tobias Hild die antiquierte Vorstellung auf, es müsse Herren- und Damensättel geben und ein gewisser Schmerz gehöre einfach dazu. Anatomischer Unfug, wie er anhand von Röntgenbildern erklärt. Entscheidend sei der Abstand der Sitzknochen zueinander, der nichts mit dem Geschlecht zu tun hat. Dessen Bestimmung dauert eine Minute – und abhängig von der Sitzposition (sportlich oder bequem) wird die optimale Sattelbreite ermittelt; inzwischen haben viele andere Sattelhersteller, wie beispielsweise Selle Royal, dieses Prinzip übernommen.

„Ein Millimeter hin oder her, die Sattelnase höher oder tiefer“, erläutert Tobias Hild, „der Hintern muss halt auf den Sattel passen.“ Und zwar punktgenau.

Im Lauf der Jahre (SQlab gibt es seit 2003) haben Hild und Co. das Thema Fahrrad-Ergonomie ausgedehnt. Sogar mittels eines zweieinhalb Jahre dauernden, staatlich geförderten Forschungsprojekts. Tobias Hild zeigt auf seinem Tabletcomputer MRT-Aufnahmen von Weichteilen, Prostata und Extremitäten – rot signalisiert Druckschmerz: „Wir haben in viele Körper hineingemessen.“

Bevor wir uns auf die Mountainbikes schwingen und auf den Isar-Trails die individuell montierten Sättel und Griffe sowie die Wirkung der Einlagen testen, erklärt Dr. Stefan Staudte noch Grundsätzliches. Der Urologe hat die Tumorforschung im Labor aufgegeben, um sich auf medizinisches Bikefitting zu spezialisieren.

„Wer einen Großteil seines Körpergewichts von wenigen Quadratzentimetern seines Dammbereichs tragen lässt, setzt sich freiwillig einer potenziellen Gesundheitsgefährdung aus“, erklärt der Mediziner. Das sitzende Radfahren birgt also Risiken – Staudte spricht von „statischer Drucktoleranz“: Welchen Druck hält welches Gewebe wie lange aus? Studien zufolge gibt es Unterschiede zwischen Haut, Fettgewebe, Muskeln oder Kapillaren. „Letztlich geht es darum, jene Druckspitzen, die unvermeidbar sind, zu kappen.“

Für kurze Radfahrten lässt sich das Druckproblem laut Staudte mit einem weichen Gelsattel abfedern. Allerdings: Der Druck wird dann nicht punktuell auf den Sitzknochen abgeladen, sondern ins Umfeld verteilt. „Das funktioniert nur etwa 30 Minuten bis eine Stunde lang, dann kann häufig ein Taubheitsgefühl entstehen.“ Für längere oder sportliche Radfahrten biete sich deshalb an, den Druck auf die belastbareren Areale um die Sitzbeinhöcker zu konzentrieren – unter weitestgehender Aussparung des Dammbereichs. „Das ist der beste Kompromiss.“

Per Sitzknochenvermessung wird, in Abhängigkeit zum Einsatzbereich, die ideale Sattelbreite ermittelt.

Aber nicht nur auf den Sattel kommt es an. Stefan Staudte stellt sich betont locker hin, die Füße entenartig leicht nach außen gespreizt. „Ergonomie bedeutet, die Körperposition dem Ruhezustand anzunähern. Denn jede Bewegung erfordert einen Aufwand, beispielsweise bei der Hand- oder Fußstellung.“ Wenn also das Handgelenk leicht abgewinkelt werde, so wie Kletterer ihre Unterarme dehnen, dann spare das Kraft. Auch die Fußposition lasse sich natürlicher gestalten – mit breiteren Pedalen und mit Einlagen. Wie die wirken, beschreibt Tibor Simai: „Sie unterstützen die Fußform, indem sie das Längsgewölbe quasi ausschalten, damit das Quergewölbe arbeiten kann.“

Nach dem Theorieteil schwingen wir uns in die Sättel, befahren interessante Trails und überwinde kleine Hindernisse auf dem Weg zur Grünwalder Brücke. Zeit für einen Zwischenstopp, eine erste Analyse: Drückt irgendwo was? Tibor Simai zückt den Imbusschlüssel, versetzt hier einen Sattel um zwölf Millimeter nach vorn oder dreht dort einen Handgriff um ein paar Grad. Und Tobias Hild zieht ein Stück Schmirgelpapier hervor: Damit feilt er buchstäblich an seinen Prototypen. Feinstarbeit für mehr Komfort. „Ihr müsst“, animiert Hild, „reinhören in eure Körper.“

Auf der Pullacher Isar-Seite geht’s zurück zum Ausgangspunkt, Tibor Simai zeigt an einer Sprungschanze zwischendurch sein Profi-Können. Es folgt ein weiterer Zwischenstopp an der Tierparkbrücke, um nochmal zu experimentieren, Griffe und Sättel um Winzigkeiten umzupositionieren.

Dann die letzten Meter, die finale Analyse. Tibor Simai hatte mir zwei unterschiedliche Griffe montiert, rechts Größe M, links S. Und ja, er lag richtig. Der S-Griff fuhr sich an diesem Tag, trotz der M-Finger, ein bisschen besser. Wegen der dicken Handschuhe.

Von Martin Becker

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