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Kein Fuß gleicht dem anderen. Deshalb müssen Skifahrer beim Stiefelkauf viel Geduld und genug Geld mitbringen. Jeden Donnerstag in der tz: "draußen" von Outdoor-Experten Ingo Wilhelm.

10 Schritte zum passenden Skischuh

Gehören Sie zu jener Sorte Skifahrer, die beim Einkehrschwung auf der Hütte die Stiefelschnallen öffnen? Weil die Zehen eiskalt sind oder die Schienbeine aufgerieben? Hier gibt's 10 Tipps für den Skischuhkauf.

Drückt der Knöchel, als stünden Sie in einem Schraubstock? Wenn ja: Dann haben Sie einen Schuh erwischt, der nicht zu Ihren Füßen passt. Markus Lutz, Skischuhtechniker von SportBittl, verspricht: „Ein wirklich passender Skistiefel ist derart bequem, dass man die Schnallen selbst bei der Mittagspause freiwillig geschlossen hält.“ Vermeiden Sie beim nächsten Skischuhkauf einen Fehlgriff – und was Sie nachträglich tun können, wenn der Schuh drückt.

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1. Lassen Sie sich in einem Fachgeschäft ausführlich beraten und nehmen Sie sich viel Zeit zum Anprobieren. Nichts ist ärgerlicher, als erst auf der Piste zu spüren, dass der neue Skischuh ein Fehlkauf war.

2. Die Form der Füße: Wenn Sie bereits wissen, dass Sie einen besonders breiten oder schmalen Fuß haben, teilen Sie das dem Verkäufer anfangs mit. So kann er gleich diejenigen Hersteller ausschließen,die mit einem für Sie unpassenden Leisten arbeiten. Die Vorfußbreite der Schuhe variiert nämlich je nach Marke zwischen 98 und 105 Millimeter.

3. Kaufen Sie keinesfalls einen zu großen Schuh, um dadurch Druckstellen zu vermeiden. Sonst stimmen die Proportionen im Schuh nicht mehr, und Sie können die Kraft beim Steuern und Bremsen nicht perfekt auf die Ski übertragen.
Die Besitzer von zu großen Schuhen neigen außerdem dazu, die Schnallen besonders fest zu schließen. Das führt zu abgedrückten Nerven und Blutbahnen am Rist oder Knöchel – kalte Zehen sind die Folge.

So funktioniert FootPrint: Eine Art Scanner vermisst die Füße.

4. Lassen Sie Ihre Füße vermessen. Das Mindeste, was ein Verkäufer tun sollte: die Länge zentimetergenau bestimmen und Ihre Fußform in Augenschein nehmen, um passende Modelle vorzuschlagen. Ferner sollte ein Kaufberater Sie nach Fahrkönnen und bevorzugtem Fahrstil befragen, um Ihnen entsprechend sportlich-harte oder nachgiebige Modelle nahezulegen. Markus Lutz von SportBittl geht noch einige Schritte weiter: Die von seinem Vater entwickelte mehrdimensionale Vermessungstechnik FootPrint scannt die Füße in Länge und Breite. Passend zur jeweiligen Fußform liefert der Computer eine Vorauswahl an Modellen. Überdies kann FootPrint anhand der Druckverteilung der Fußsohlen mögliche Fehlstellungen wie Plattfüße erkennen. „Kein Fuß gleicht dem anderen“, betont Markus Lutz. Deshalb sollte jeder Skifahrer individuell angepasste Sohlen tragen, doch dazu später. Foot- Print ermöglicht es außerdem, mittels mehrerer Kameras die individuelle Abfahrtshaltung zu simulieren. So erkennt der Fachmann zum Beispiel, ob ein Kunde mit dem Knöchel stark nach innen einknickt, und kann in seiner Beratung darauf eingehen.

Anhand der Farben sieht der Fachmann, wie die Sohle belastet wird.

5. Manche Skifahrer stehen beim Stiefelkauf vor besonderen Problemen, etwa weil der eine Fuß deutlich länger ist als der andere. „Das kann kein Serienprodukt der Welt ausgleichen“, sagt Markus Lutz. Er rät in solchen Fällen zu maßgefertigten Stiefelschalen der Firma Daleboot. Preis: ab 599 Euro inklusive Thermo-Innenschuh. Thermo-Innenschuhe gehören bei hochwertigen Skischuhen zum Standard. Sie werden erhitzt, passen sich – zumindest grob – den Konturen des Fußes an und halten diese individuelle Form, nachdem sie abgekühlt sind.

6. Viele Experten, wie etwa der Internationale Arbeitskreis Sicherheit im Skisport (IAS), empfehlen maßgefertigte Innenschuhe. Bei diesen so genannten Schäumschuhen steigt der Kunde in eine leere Innenschuh- Hülle, die dann mit einem Schaum gefüllt wird, der am Bein aushärtet. Dadurch passt sich der Innenschuh selbst extremen Fuß und Unterschenkelformen an.

Markus Lutz: „Die perfekte Passform verhindert Druckstellen, verbessert die Kraftübertragung und optimiert die Kontrolle über die Ski.“ Stiefel mit Serienschalen und geschäumten Innenschuhen der Firma Comform’able gibt es bei Sport Bittl ab etwa 600 Euro. Eine maßgefertigte Daleboot-Schale in Kombination mit einem geschäumten Innenschuh kostet 1160 Euro.

7. Weniger kostspielig (etwa 60 Euro) und daher jedem Skifahrer zu empfehlen sind individuell geformte Einlegesohlen. Andreas König, Sicherheitsexperte beim Deutschen Skiverband (DSV), erklärt: „Die Form des Fußes wird unterstützt, dadurch ermüdet er nicht so leicht.“

8. Ist die Haltemuskulatur des Fußes ermüdet, sackt er in sich zusammen. Die Folge: Der Schuh sitzt nicht mehr richtig, er reibt und drückt. Viele Probleme mit der Passform können laut König durch eine individuell hergestellte Sohle behoben werden. Gleichzeitig warnt der DSV-Fachmann davor, Einlegesohlen zum Beispiel aus den Joggingschuhen auf die Skistiefel zu übertragen: „Die sind so konstruiert, dass der Läufer mit ihnen abrollen kann. Bei Skischuhen sind jedoch passive Einlegesohlen notwendig, die lediglich die Fußform unterstützen.“

9. Skischuhe mit vielen Verstellmöglichkeiten sind deshalb nicht automatisch bequemer. Ein Test des österreichischen Verbrauchermagazins Konsument ergab zum Beispiel: Auch Skischuhe ohne Ski-Walk-Umstellmöglichkeit bieten guten Gehkomfort.

10. Wenn der Schuh drückt – das können Sie nachträglich tun

Im Sportgeschäft hat sich der Stiefel so bequem angefühlt – nun erweist er sich auf der Piste als Folterinstrument. Diese Erfahrung hat wohl jeder Skifahrer schon gemacht. Wenn Sie nicht schon beim Kauf einen geschäumten Innenschuh oder eine maßgefertigte Einlegesohle gewählt haben, lässt sich dadurch auch nachträglich der Komfort deutlich erhöhen.

Dünnere oder dickere Skistrümpfe sind nur bedingt geeignet, um die Passform zu verbessern; sie führen eher zu kalten Füßen oder zu einem schwammigen Fahrgefühl. Selbst die äußere Schale lässt sich im Nachhinein verändern. Fachgeschäfte können entweder durch Fräsen oder mit Hitze die Plastikhülle ausweiten.

Markus Lutz verwendet einen Kunststoffleisten: Der wird an den Druckstellen mit Platzhaltern beklebt und in die im Ofen erhitzte Schale eingeführt – so macht er genau da Platz, wo der Fuß ihn braucht. Bei Schuhen, die bei SportBittl gekauft wurden, ist diese Nachbearbeitung gratis; andernfalls kostet sie 35 Euro.

Ingo Wilhelm

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