+
Der 16-jährige Luca gibt den Hunden Futter: Ihre Versorgung geht immer vor der des Menschen.

Von der Schule ins Eis: Berufspraktikum in Lappland

Die einen arbeiten beim Bäcker, die anderen stehen im Supermarkt an der Kasse. Sein Berufspraktikum kann man aber auch am Polarkreis machen, bei Schlittenhunden.

Der 16-jährige Luca gibt den Hunden Futter: Ihre Versorgung geht immer vor der des Menschen.

„Zuerst kommen die Hunde dran, dann die Menschen – auch, wenn man selbst total hungrig ist oder friert!“ Luca Freundl musste umdenken, als er für ein Betriebspraktikum nach Lappland ging. Angesagt waren zwei Wochen Huskyfarm, eine willkommene Abwechslung zur Routine am Nymphenburger Gymnasium. Was für ein Abenteuer, mitten in der Wildnis zu leben: Abisko, es gehört zu Kiruna, der nördlichsten Stadt Schwedens, liegt 195 Kilometer jenseits des Polarkreises am Südufer des Sees Torneträsk. Dort herrscht zwei Monate pro Jahr totale Dunkelheit und ist acht Monate lang Winter. Auf die 85 Einwohner kommen geschätzt ein paar hundert Huskys. Hier liegt, salopp gesagt, der Hund begraben! Doch von Langeweile keine Spur. Im Gegenteil: Die Herausforderung zehrte an Lucas Kräften. Vorab paukte der 16-Jährige in einem Crash-Kurs Schwedisch – die Schlittenhunde sind auf Kommandos in der Landessprache gedrillt. Dann stand die bellende Meute auch schon vor ihm. 

Vor der Kälte schützt den Burschen ein wattierter Overall, der an Knie und Schienbeinen zum Schutz vor Hundebissen extra gepolstert ist. Doch dieser Tage kommt der Münchner fast ins Schwitzen – das Thermometer zeigt gemäßigte minus 10 Grad an. Gegen acht Uhr morgens steht die Zubereitung des Hunde-Frühstücks an. Luca hievt 20 Kilo schwere und tiefgefrorene Fleisch-Fischblöcke in eine Wanne, gießt heißes Wasser darüber und verrührt das Gemisch mit Hilfe eines Riesenmixers zu einer Art Suppe. Die Vierbeiner kläffen erregt. Doch das Futter will erst einmal auf 60 Näpfe verteilt sein, bevor sie innerhalb einer Minute leer gefressen werden. Nun müssen die Käfige, die Schlittenhunde sind paarweise untergebracht, gereinigt werden. Mal kurz Gassigehen? „Huskys brauchen Bewegung“, berichtet Luca. Und wie: Sie springen aufgeregt hin und her, bellen ohrenbetäubend laut. Die Vierbeiner fühlen, dass es auf große Tour geht. Touristen haben eine „Dogsledtour“ gebucht, eine „Schlittenhunde-Tour“. Ab dem Abisko-Nationalpark führt die Runde zum Fuß des Kebnekaise, dem mit 2104 Meter höchsten Berg des Landes, und zurück. Luca wird sechs Tage unterwegs sein. Die Logistik ist aufwendig: Wieviel Hundefutter braucht es für den Trip? Wieviel Essen ist für die sieben-köpfige Reisegruppe einzuplanen? Auch dürfen Ersatzteile wie Hundegeschirr und Zugseile nicht vergessen werden. Fehlt noch der Eisbohrer, ein Gerät mit einem 1,50 Meter langen Spiralgewinde, an dessen Ende zwei Klingen befestigt sind. „Das ist anstrengend, ein Loch durch die Eisdecke des Flusses zu bohren, doch fließendes Wasser gibt es in den Holzhütten nicht“, grinst der Bursche, während er das Gepäck in Transportkisten verstaut und diese dann auf die Schlitten verteilt. Mittlerweile wuseln die Tiere wie wild umher und stupsen ihn und die Urlauber mit der Schnauze an. Nur Morgan Liljemark lässt sich von der Erregtheit nicht anstecken – er ist Tourbetreiber und zugleich Musher: Hundeführer. Zusammen mit acht Vierbeinern führt er den Tross an und zieht die Spur durch den Neuschnee. Die übrigen Schlitten werden von je „nur“ fünf Hunden gezogen. Einfach losfahren? Nein, erst gibt’s eine Einführung. Wichtigste (Überlebens-)Regel: „Nie den Schlitten loslassen“, erklärt Luca. Warum? „Die Hunde würden sofort loslaufen und erst anhalten, wenn sie erschöpft sind oder der vorausfahrende Schlitten erreicht ist“. Und zwar ohne „seinen“ Menschen, der im schlechtesten Fall allein in der weißen Wüste zurückbleiben würde – ein Todesurteil! Also immer schön am Griff festklammern, mittels Gewichtsverlagerung lässt sich dann lenken. „Und wenn es bergab geht, immer bremsen!“ Dazu stellt man sich mit beiden Beinen auf die Gummimatte am Schlittenende, dann rammen sich dort befestigte Zinken darunter in den Schnee. Soweit die Theorie! 

Mittlerweile hat Luca den Tieren die Geschirre umgeschnallt. Sie reißen heftig an der Leine. Mit einem „Framåt“, alias vorwärts, gibt Morgan das Kommando zum Start. Die Huskys gehen auf ihre Hinterbeine und sprinten los. Zeit, die weite Landschaft mit ihren Hügeln und den wenigen Birkenbäumen zu genießen. Ins Ohr dringt allein das Getrappel der Hunde, das dumpfe Dahingleiten der Schlittenkufen auf dem Schnee und hin und wieder das Knarren eines Schneehuhns. Hier ist nicht das Handy auf Empfang gestellt, sondern nur die eigenen Sinne. Und die zeigen nach sechs Stunden Fahrt eindeutig auf Hunger. Den Weg durchs „Weiß“ zu einem aus vier oder fünf Häusern bestehenden Dorf zeigt Morgan der Kompass. Er fährt in einem weiten Bogen eine Baumreihe an, um die Hunde dort anzuleinen. Luca und die Touristen suchen sich in Sichtweite ebenfalls einen „Parkplatz“ für ihre Gespanne. Manche der Vierbeiner rollen sich erschöpft zusammen und dösen sofort weg, andere legen sich nieder und hecheln. Auch Luca hat einen Bärenhunger, aber der muss einmal mehr warten. Ein Glück, dass im Abiskojåkka-Fluss ein Loch klafft – der Eisbohrer muss nicht ausgepackt werden. So befüllt der Bursche einen 20 Kilo-Kanister und erwärmt über dem Ofen in einer der Hütten das Wasser für das Futter. Mittlerweile dämmert es und die Tiere sind, so Luca, „für die Nacht fertig gemacht worden“. Sie schlafen draußen hinter Schneemauern, die er und die Touristen als Windschutz gebaut haben. Endlich können sich auch die Menschen um ihr Essen kümmern. Es gibt Rentier-Geschnetzeltes, das lappländische Nationalgericht. Anschließend trifft sich Luca mit der Reisegruppe und Dorfbewohnern in der Sauna. Bei 80 Grad Hitze eine echte Wohltat für verspannte Muskeln. Was sind die Höhepunkte des Praktikums für den Schüler, der später „irgendetwas mit Medizin“ machen möchte? Die Nordlichter, die in grünen Schlieren über den sternklaren Himmel zuckten. Doch Luca ist auch klar geworden, „wie anstrengend Arbeit sein kann, trotz aller wunderbaren Erlebnisse in der Natur und mit den Hunden. Eine Erkenntnis, die noch lange nachwirken wird...

Von Christine Waldhauser-Künlen

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare