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Der Tanz mit dem Schnee: Auf elegante Leichtigkeit kommt es in den Tiefschneekursen von Ernst Garhammer an.

Freizeit aktiv: Tiefschneefahren

Schweben zwischen Himmel und Erde

Auf der Piste Ski fahren: ja, okay. Aber abseits davon, im Tiefschnee? Niemals. Sagen viele. Weil es zu schwierig sei. Ist es das wirklich?

Ernst Garhammer, zusammen mit seinem Bruder Fuzzy ein weltbekannter Pionier des Trickskilaufs, findet: Nein, Tiefschneefahren ist einfach. Jedenfalls mit der ABS-Methode im Garhammer-Stil.

Als wir oben am Kitzsteinhorn bei Kaprun ankommen, auf 3029 Metern Höhe und mit Blick zum Großvenediger fast vis-à-vis, erzählt Ernst Garhammer plötzlich von Australien. Dorther kommt Rodney, ein Surflehrer, der beim Wellenreiten auch mal Haifischen ausweichen muss. Und der einst einen der Tiefschneekurse von Ernst Garhammer besucht hat. „Ski fahren ist wie surfen“, habe ihm der Australier danach gesagt. Heute zählt Rodney zu den rund 40 Coaches, die für Garhammer Kurse jenseits der Skipiste geben.

Eine kleine Episode, die zeigt, wie Garhammer denkt. Der Trickski-Pionier klebt nicht an schon ewig gültigen Lehrbuchmeinungen, er pfeift auf Konventionen – und blickt über den Tellerrand hinaus. „Ich kann das Skifahren nicht neu erfinden“, betont der 60-jährige Freestyle-Guru. Aber neu vermitteln: Ja, das kann er.

Das Surfen ist ein Beispiel, Slackline – der Balanceakt auf einem gespannten Seil – ein anderer. Die Arme: raus damit, zur Seite! Wer den Körper nicht ausbalanciert, wird instabil. Wer instabil wird, der stürzt. Vom Seil genauso wie im Schnee. „Skifahren“, sinniert Garhammer, „ist kontrollierter Absturz.“ Die Kontrolle und damit das Gleichgewicht zu bewahren, und das in jeder Situation, bei jeder Schneeart: Darum geht es letztlich.

Den Ski sanft über den Schnee ziehen statt ihn reinzudrücken. Ernst Garhammer und seine Coaches geben Tiefschneekurse.

Bevor es ins Gelände geht, machen wir ein paar Übungen auf der Piste. Stockeinsatz, Hüftknick, Hoch-Tief-Bewegung? Garhammer schüttelt den Kopf. Sein Credo ist die ABS-Technik: Andrehen, beugen, strecken. Ein alternativer Stil zur klassischen Lehrmeinung. Was an der auszusetzen sei? Ein Beispiel, wie Garhammer sie gern vorführt: Er geht ein paar Meter normal – und danach in demonstrativer Hoch-Tief-Pumperei wie im Entengang. „Nach drei Schritten tun mir die Knochen weh, das macht auf der Straße kein Mensch.“ Warum also im Schnee? Oder: Man stellt sich auf einen Stuhl, springt zu Boden. Nun der gleiche Sprung – aber vom Tisch. „da gehe ich halt mehr in die Knie. Das Prinzip ist das gleiche, nur die Beugung ist anders – genauso einfach ist der Unterschied zwischen Piste und Tiefschnee.“ Überhaupt, Tiefschnee: Wo fängt der an? Eine Piste, findet der Tiefschnee-Experte, ähnele letztlich einem Firnhang. „Die Physik ändert sich nicht.“ Also: Was auf der Piste funktioniert, das klappt mit „Garhammer-ABS“ auch jenseits der präparierten Schnee-Autobahn.

Die Kurve kommt von selbst

Wir probieren es. Zuerst das Andrehen: Der (Ober-)Körper schwingt dorthin, wohin der Ski soll. „Blinker raus!“, ruft Garhammer. Das heißt: Der linke Arm schwenkt vor der Linkskurve aus. Und der rechte zeichnet die gewünschte Fahrlinie „mit dem Skistock vor wie einen Laserstrahl“. Und der klassische Stockeinsatz? „Den machen weder Kinder – von deren Intuition können wir viel lernen – noch Weltklasse- Freerider.“ Die Kurve kommt also von selbst, die Beine kommen hinterher. Für die folgt nun das Beugen, im Klartext: Druck wegnehmen. Wie beim Beispiel mit dem Hocker und dem Tisch. Teil drei des Schwungs: das Strecken. Nicht der Körper nach oben, sondern der Ski nach unten. Um Rücklage – den Kardinalfehler im Tiefschnee – zu vermeiden. „Wenn ich in Rücklage gerate, fährt der Ski wie auf Schienen, aber ich steuere ihn nicht mehr. Bin ich derart in der Defensive, erfordert es viel Kraftaufwand, wieder die Kontrolle zurückzugewinnen“, erläutert Garhammer.

Kraft aber ist genau das, was mit der ABS-Methode gespart werden soll. „Ziel muss es sein, mit einem Lächeln um jede Kurve zu fahren“, möchte der 60-Jährige vor allem Spaß am Skisport vermitteln. Weich werden, Druck wegnehmen: Garhammer nennt noch ein Beispiel als Kontra zu Hoch-Tief: „Wenn ich einen Gegenstand runterfallen lassen möchte, brauche ich ihn nicht extra auf den Boden zu pfeffern. Aufs Skifahren übertragen heißt das: Du kannst den Berg nicht wegschieben, da nutzen alle Muskeln nichts.“ Banale Physik, anschaulich demonstriert.

Nach der Einführung auf der Piste probieren wir dies im Tiefschnee. Etwas windverpresst, leicht pappig, nicht ganz einfach. Egal, es klappt! Blinker raus, Laserkurve zeichnen, ABS à la Garhammer. „Super schaut das aus“, lobt die Trickski-Legende. Gut, später kommen ein paar Stürze hinzu: „Da bist du zu frech geworden...“

Gemach, immer schön langsam also – und vor allem mit Gefühl statt Kraft. Letztlich geht es beim Garhammer-Stil darum, mit dem Schnee zu tanzen. Den Ski sanft über den Schnee ziehen statt ihn reinzudrücken. Immer im Fluss sein, immer agil bleiben. Die Ski im Tiefschnee 50:50 belasten, „sonst ist es wie im Moor: Du trittst mit einem Stiefel hinein und versinkst“. Zu kurze Schwünge? „Wie ein Handkantenschlag auf ein Blatt Papier.“ Weich, elegant, tänzerisch, rhythmisch – ja, das ist es! „Beim Skifahren“, glaubt Ernst Garhammer, „nähert sich der Mensch dem Fliegen: Es ist wie ein Schweben zwischen Himmel und Erde.“ Stimmt haargenau.

Von Martin Becker

Weitere Infos

Ernst Garhammer und seine Coaches geben Tiefschneekurse am Kitzsteinhorn bei Kaprun, auf der Zugspitze, in Disentis (Schweiz), in Sterzing und Innichen (Südtirol) sowie in Stuben am Arlberg; außerdem Freeride-Wochen und Heli-Skiing. Details unter www.garhammer.com.

Ernst Garhammer (60) und sein Bruder Fuzzy (62) gehörten in den 70er und 80er Jahren zu den Pionieren des Trickskiund Freestylebooms. Die Garhammers wurden mehrfach Europameister und Weltcupsieger im Freestyle-Skifahren. Außerdem sind beide preisgekrönte Ski-Filmer sowie staatlich geprüfte Berg- und Skiführer. Während sich Fuzzy Garhammer auf Snowboardkurse spezialisiert hat, vermittelt Ernst Garhammer (Foto) das Tiefschneefahren mit Skiern.

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