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Gefährliches Vergnügen: Ein Wingsuiter mit Flügelanzug stürzt sich in die Tiefe.

Unfälle in den Schweizer Alpen

Tödliches Paradies für Felsenspringer

Basel - Aus aller Welt reisen Extremsportler in die Schweizer Alpen, um sich mit Fallschirmen oder Fluganzügen von den steilen Felswänden in die Tiefe zu stürzen - oft mit tödlichen Folgen.

Rund 500 Gläubige hatten sich wie jedes Jahr zu einem Gottesdienst auf der Alp Tschingla versammelt. Sie wollten der Toten gedenken, die in den Bergen ums Leben gekommen sind. Dabei wurden sie selbst unfreiwillig Zeugen einer weiteren Tragödie. „Man hat ein Schwirren gehört, wie immer bei Basejumpern, wenn sie die Flügel ausbreiten“, erinnerte Pfarrer Christian Hörler sich in einem Interview des Senders TVO. „Und plötzlich einen dumpfen Knall.“

Mit Fallschirmen stürzen sich die sogenannten Basejumper in die Tiefe, die Wingsuiter tragen dabei Flügelanzüge mit Flächen aus Stoff zwischen Armen und Beinen. Die Schweizer Alpen sind für sie besonders attraktiv, weil es dort - anders als etwa in Österreich - besonders viele steile Felswände gibt. Zudem zählt die Schweiz zu den wenigen Ländern, wo solche Sprünge vielerorts ohne Sondergenehmigung erlaubt sind.

Drei tödliche Unfälle innerhalb eines Monats

Der 39 Jahre alte Mexikaner, der bei dem Unfall vor gut zwei Wochen auf der Alp Tschingla im Kanton St. Gallen ums Leben kam, war im September einer von insgesamt drei getöteten Felsenspringern in den Schweizer Alpen. Auch die beiden anderen kamen aus dem Ausland: Ein 26-jähriger russischer Wingsuit-Flieger verunglückte am Dienstag vor einer Woche im Wallis tödlich, als er in rund 3350 Metern Höhe in eine Felswand prallte und abstürzte. Am Wochenende zuvor war ein chilenischer Wingsuiter im Kanton Bern ums Leben gekommen.

Dass gerade Ausländer immer wieder zu den Todesopfern zählen, überrascht Michael Schwery nicht. Der Präsident des Schweizer Basejump Verbands (SBA) verweist darauf, dass die meisten Basejumper aus dem Ausland nur ein kleines Zeitfenster hätten und dieses deshalb optimal nutzen müssten. „Viele absolvieren gleich mehrere Sprünge am Tag. Gut möglich, dass da die Vorbereitung weniger akribisch verläuft“, sagte er der Boulevardzeitung „Blick“.

Auch könnten ausländischen Springern die nötigen Kenntnisse über den Schwierigkeitsgrad der Absprungortes fehlen, sagte Schwery weiter. Die SBA informiert zwar im Internet über die Schwierigkeiten der populärsten Absprungorte - „schlussendlich ist aber jeder Basejumper selber verantwortlich, wie er an einen Sprung herangehen will“.

Nicht nur Anfänger verunglücken beim Basejumping

Dabei trifft es nicht nur Anfänger. Der Chilene Ramón Rojas - in der Szene unter den Namen „The Birdman“ und „Chapa“ bekannt - hatte erst im August einen Weltrekord aufgestellt. Mit Skiern absolvierte er einen Basejump über 4100 Meter am Cerro El Plomo in den Anden. Einen Monat später verunglückte er beim Training im Basejump-Pilgerort Lauterbrunnen. Sein Wingsuit bremste zu schwach. Rojas versuchte noch, seinen Fallschirm zu öffnen, prallte aber gegen eine Felswand. Dabei zog er sich tödliche Verletzungen zu.

Trotz der jüngsten Todesfälle ist ein Verbot der Extremsportarten in der Schweiz derzeit nicht in Sicht. Weil es sich um eine legale Sportart handelt, trägt der Springende das Risiko selbst. „Darum können wir dagegen im Moment nicht gesetzlich vorgehen“, sagte Gian Andrea Rezzoli von der Kantonspolizei St. Gallen.

Allgemein ist die Sportart sogar sicherer geworden, wie der Rettungsarzt Bruno Durrer in Lauterbrunnen der „Berner Zeitung“ sagte. „Waren es in den Anfangszeiten 23 bis 24 Unfälle jährlich, zählen wir nun noch 13 bis 14 Unfälle.“ Jedes Jahr gebe bis zu 20.000 Sprünge im Lauterbrunnental.

Basejumping bleibt trotzdem eine Extremsportart - mit all ihren Gefahren. „Man muss sich bewusst sein, dass auch mit guter Vorbereitung ein Restrisiko bleibt“, stellte SBA-Präsident Schwery vor wenigen Wochen im „Manager Magazin“ klar. „Ich kenne keinen Jumper, der länger als vier Jahre dabei ist und noch keinen Freund verloren hat.“

dpa

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