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Bei solchen Bergtouren empfiehlt es sich, schwindelfrei zu sein.

Schwindelfrei! Expertin erklärt, wie's geht

München - "Ich bin nicht schwindelfrei.“ Das sagt man so, als wäre es ein gottgegebenes Schicksal. Ist es aber nicht, wie Petra ­Müssig im tz-Interview erklärt.

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Die 45-Jährige aus Icking war dreifache Snowboard-Weltmeisterin und bietet nun als Mentaltrainerin unter anderem Vorträge und Seminare für Menschen mit Höhenangst an (www.sport-im-kopf.de).

Frau Müssig, man spricht ja immer von „schwindelfrei“. Gleichzeitig gibt es den Begriff „Höhenangst“. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Petra Müssig: Das Wort „schwindelfrei“ leitet sich vom Höhenschwindel ab. Unser Körper orientiert sich aus den Augenwinkeln heraus an feststehenden Objekten wie etwa Bäumen, um seinen aufrechten Stand beibehalten zu können. Wenn es im ausgesetzten Gelände keine fixen Objekte mehr gibt, fängt der Körper an zu schwanken. Aus diesem Schwanken kann sich ein Schwindelgefühl entwickeln – vor allem, wenn zusätzlich eine veränderte Atmung auftritt, meist ein Hyperventilieren. Man fühlt sich dann schwindelig wie nach dem Aufblasen einer Luftmatratze.

Und die Höhenangst?

Müssig: Eine gewisse Angst vor bedrohlichen Dingen ist ganz ­natürlich – und es ist nun mal bedrohlich, wenn wir 200 Meter über dem Abgrund stehen. Wenn nun auch noch ein Schwindelgefühl dazukommt, kann sich aus diesen unangenehmen Erfahrungen eine Höhenangst entwickeln. Das Gehirn übersetzt das Gefühl des Schwindels als Bedrohung, verknüpft es unterbewusst mit Höhe, und schon kann die bloße Höhe Angst erzeugen.

Was ist bei schwindelfreien Menschen anders?

Müssig: Die sind oft seit Kindertagen an Höhe gewöhnt, weil sie immer schon in den Bergen unterwegs waren. Daher verbindet ihr Unterbewusstsein die Höhe nicht mit einer Bedrohung.

Höhenangst ist also etwas Erlerntes oder Erworbenes. Dann müsste man sie sich doch auch wieder abtrainieren können?

Müssig: Auf jeden Fall kann man lernen, mit der Höhenangst umzugehen. Und zwar mit konkreten Gegenmaßnahmen. Das Allerwichtigste bei egal welcher Angst ist die Atmung. Wenn wir uns auf die Atmung konzentrieren, lenkt das zum einen vom gähnenden Abgrund ab. Zum zweiten machen Hyperventilation und eine Atempause vor Schreck die Sache nur schlimmer. Beides wird vom Körper als Warnzeichen interpretiert, verschlimmert die Angst und verstärkt das Unwohlsein auch objektiv durch verringerte Sauerstoffversorgung. Deshalb: Ruhig und tief atmen, und zwar schon, bevor man hinauf- oder hinabsieht!

Was für Gegenmaßnahmen gibt es noch?

Müssig: Das Zweite ist: sich irgendwo festhalten. Je mehr Kontakt der Körper zu sicheren Gegenständen wie einem Baum oder einem Seil hat, desto sicherer fühlt er sich. Deshalb kann man sich auch hinsetzen oder hinlegen und warten, bis die Angst nachlässt. Etwas Gutes an der Angst ist nämlich: Sie geht vorüber. Nach maximal einer halben Stunde bekommt man wieder einen klareren Kopf. Diese halbe Stunde ist der biologische Zeitraum, in dem der Körper Stress toleriert.

Und was sollte man möglichst unterlassen?

Müssig: Nicht in den Abgrund hinabblicken! Sondern: auf feststehende Dinge blicken, möglichst auf den Weg vor sich. Anders gesagt: Immer dorthin sehen, wo es bitteschön hingehen soll, und nicht dorthin sehen, wo es keinesfalls hingehen sollte.

Welche äußeren Faktoren spielen eine Rolle?

Müssig: Wenn der Körper erschöpft ist, signalisiert er viel schneller: „Vorsicht, jetzt wird’s gefährlich!“ Daher sollte man auf jeden Fall langsam gehen, genug Pausen machen, genug zu essen und zu trinken mitnehmen. Konzentration und Muskelleistung basieren auf einem Glukosevorrat, den man sich in Form von Kohlehydraten zuführen kann. Deshalb alle 20 bis 30 Minuten vom Müsliriegel abbeißen oder Studentenfutter naschen!

Gibt es langfristig Aussicht auf Heilung von Höhenangst, oder wird man sich immer wieder mit diesen Tricks behelfen müssen?

Müssig: Jemand mit Höhenangst wird wohl nie Dachdecker werden. (lacht) Aber ich weiß aus Erfahrung mit den Kursteilnehmern, dass es sich in den allermeisten Fällen bessert, wenn man die konkreten Gegenmaßnahmen beachtet. Man muss es aber regelmäßig üben!

Interview: Ingo Wilhelm

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