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Zwischen Himmel und Erde: Leitner-Lift auf die Ochsalm in Kitzbühel.

Der Mann mit dem Draht zum Himmel

Er bringt jeden Winter nicht nur Tausende von Wintersportlern auf den Berg. Auch Stadtmenschen in China und Spanien schweben an seinen Stahlseilen gen Himmel.

Martin Leitner ist der berühmteste Seilbahnbauer der Welt. Andreas Werner besuchte ihn in seinem Unternehmen in Südtirol.

Heute, Jahrzehnte später, kann ich beim Gedanken an die Schmerzen schmunzeln. Damals habe ich geheult. Meine Mama (eine Österreicherin) ist eine herzensgute Frau, doch bei einer Sache kannte sie keine Gnade: Skifahren. Schlechtes Wetter gab es nicht. Nur schlechte Kleidung. Dummerweise war das genau mein Problem: Ich hatte schlechte Handschuhe. Auf dem Hang lässt die Euphorie einen kleinen Buben die Kälte vergessen. Aber es kam der Zeitpunkt, an dem du ihr schutzlos ausgeliefert warst: Fahrt im Sessellift. Wenn der Wind uns den Eisschnee ins Gesicht peitschte, schlich sich der Schmerz in jeden einzelnen Finger. Es gab Tage, da schlug ich meine Hand verzweifelt gegen den Sicherungsbügel, um wieder ein Gefühl zu bekommen.

Martin Leitner baut weltweit Seilbahnen.

Heute, Jahrzehnte später, kann ich schmunzeln – zum einen wegen besserer Handschuhe, aber auch, weil ein moderner Skilift mit den Anlagen von einst ungefähr so viel gemeinsam hat wie ein Hybridauto mit einer Postkutsche. Heute werden wir in bequemen Polstersesseln auf den Gipfel befördert, über uns eine schützende Abdeckhaube, unter uns eine Sitzheizung. „Nur ums Catering müssen wir uns noch keine Gedanken machen“, scherzt Giorgio Pilotti. Er ist Ingenieur bei Leitner Ropeways, einem der weltweit führenden Seilbahn-Hersteller mit Stammhaus in Sterzing. 2000 Kilometer Seilbahnanlagen insgesamt hat der Südtiroler Konzern weltweit in Betrieb. Würde man daraus eine einzige große Anlage bauen, käme man mit ihr von München bis nach Lissabon. Oder von München nach Moskau. Auf dem ganzen Globus zu Hause ist die Firma ohnehin schon längst. Hinter dem Konzern steckt mehr als das Befördern von Bergfreunden, sei es im Winter oder im Sommer. Der Freizeitsport im Alpenbereich ist die stärkste Säule, aber nicht die einzige. In Hongkong zum Beispiel baute man eine Gondel, die die Gäste zum Tien Tan Buddha bringt, dem berühmten Heiligtum auf Lantau Island. Mit 5,7 Kilometern ist die Anlage Ngong Ping 360° die weltweit längste des Konzerns. 2000 Meter davon führen ohne Stützen über das Meer. Um den Erlebniswert zu erhöhen, besteht der Boden aus Glas. Damit bei der Reise am Himmel auch der Blick auf die Erde ein Genuss ist.

Martin Leitner erinnert sich immer wieder gerne an das in seinen Augen außergewöhnlichste Unterfangen seiner Firma. Im Jahr 1997 lud ihn die chinesische Regierung ein. Man wünschte eine Seilbahn bei Lijang. „Wir kamen damals an, mitten in der Nacht. Da war nichts, ein kleiner Bahnhof, ein kleiner Flughafen. Mit einem Traktor wurde unser Gepäck abgeholt“, sagt der Firmenchef. Die Verhandlungen waren kurz. Immens kurz. Aber erfolgreich. Bereits nach einem Tag wurde das Geld überwiesen. Im letzten Jahr wurde die Bahn ausgebaut, heute ist Lijang längst nicht mehr der einzige Standort in China. Sieben Seilbahnen hat man inzwischen dort in Betrieb, Tendenz steigend. Der Markt wächst.

Seilbahnen sind als Problemlöser der Renner. In turbulenten Metropolen entlasten sie den Verkehr, sie bewähren sich als Brücken in der Luft. In der kolumbianischen Hauptstadt Medellin konnte man manche Bezirke nur mit Polizeischutz betreten, Busse fuhren kaum hin. Seitdem eine Seilbahn pendelt, sind die Favelas nicht mehr isoliert. Kurz nach der Bahn wurde dort eine Bibliothek gebaut. Die Lebensbedingungen verbessern sich. Die gleiche Entwicklung registrierte man in Rio. Zuletzt fragte die Regierung von Ruanda an. Nicht die schlechteste Adresse für Seilbahn-Bauer, genau genommen ein Paradies, denn der Staat in Ostafrika wird auch „Land der 1000 Hügel“ genannt.

Die Hauptstadt Kigali wurde auf und zwischen vier Bergrücken errichtet. Wenn gewünscht, könnte die Firma sogar noch Pistenfahrzeuge, Beschneiungs- oder Windkraftanlagen mitliefern. Im Bereich Synergieeffekte bei erneuerbaren Energien ist man in der Branche weltweit führend. Der Jahresumsatz lag 2011 bei rund 900 Millionen Euro, 27 Millionen gab man für Forschung und Entwicklung aus – mehr als das Land Südtirol. Das Resultat sind moderne Skilifte, die möglichst umweltfreundlich konzipiert wurden. Und viel Komfort bieten. So viel, dass die Zeiten, in denen einem beim Lifteln die Finger abfrieren, endgültig vorbei sind.

Andreas Werner

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