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So sieht’s im Wilden Kaiser aus, wenn es geschneit hat. Doch Obacht: Tempo 50 bis 80 ist schnell erreicht, perfekt präparierte Pisten und moderne Ausrüstung ermöglichen Hobby-Skifahrern hohe Geschwindigkeiten – aber dafür müssen sie in puncto Fitness gerüstet sein.

Sicherheit und Prävention

Was macht einen guten Skifahrer aus?

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Kaum fällt der erste Schnee, frohlocken die Wintersportler: endlich auf die Piste! Auf die Ski, fertig, los – das kann ziemlich böse enden. Vielleicht nur mit tagelangem Muskelkater. Im ungünstigsten Fall aber auf dem OP-Tisch im Krankenhaus.

Der Zeitpunkt erscheint gut gewählt. Wir sitzen im „Stanglwirt“ in Going, am Fuß des Wilden Kaisers. Beim Blick durchs Fenster: grüne Almwiesen, von Schnee kaum eine Spur, nur nordseitig leuchten vereinzelt kleine Fleckchen. Na also, dann ist ja noch ein bisschen Zeit.

Franz Beckenbauer wird vom Raser zum Genießer

Fachdiskussion im „Stanglwirt“: (v.l.) Boris Becker, Christa Kinshofer und Dr. Erich Rembeck.

Denn: „Fürs Skifahren körperlich fit zu werden, das geht nicht von heute auf morgen. Wenn der Winterurlaub oder der erste Skitag vor der Tür stehen, ist es viel zu spät – eine vernünftige Vorbereitung dauert vier bis sechs Wochen“, erläutert der Sportmediziner Dr. Erich Rembeck. Zusammen mit seiner Frau betreibt er in München die Christa-Kinshofer-Skiklinik, und um für Freud’ und Leid im Wintersport zu sensibilisieren, haben die beiden renommierte Ärzte als Referenten zu einem zweitägigen Kongress eingeladen. Und dazu zwei prominente Ex-Sportler als Fallbeispiele aus der Praxis: Franz Beckenbauer und Boris Becker.

Erst nach seiner aktiven Laufbahn als Fußballprofi, mit 38, „durfte ich mit dem Skifahren beginnen“, berichtet Franz Beckenbauer. Eine wilde Zeit sei das anfangs gewesen, erinnert sich der „Kaiser“ im Kaisergebirge: „Die Muskeln waren da, Angst hatte ich keine – also bin ich einfach meinen Spezln wie Toni Sailer und Hansi Hinterseer hinterhergesaust. Obwohl ich bis dahin mit Skifahren gar nichts zu tun hatte.“

Bremsweg bei voller Fahrt beträgt bis zu zwölf Meter

Irgendwie ist es, wie so oft beim Franz, gut gegangen. „Aber mit Skifahren“, gibt der heute 69-Jährige zu, „hatte das nichts zu tun. Und bei den Sulzbuckeln im Frühjahr war ich vollkommen hilflos.“ Als „blindes Runterrasen“ bezeichnet der Ehrenpräsident de FC Bayern seinen einstigen Fahrstil, und dass dies alles andere als vorbildlich ist, weiß er: „Es fahren sowieso viele über ihre Verhältnisse. Und wenn das jeder machen würde...“ Ja, dann hätte er vor allem Angst um seinen Sohn Joel (14). „Der fährt, weil Kinder sich eh überschätzen, wie ein Verrückter.“ Also versucht Beckenbauer, ein gutes Beispiel zu geben, Tempo rauszunehmen, die Kontrolle zu behalten: „Heute geht’s mir beim Skifahren ausschließlich ums Genießen.“

Der „Kaiser“ im Wilden Kaiser: Franz Beckenbauer ist auch beim Thema Skifahren ein gefragter Mann.

Womit bei der Diskussionsrunde im Tagungsraum „Kitzbüheler Horn“ die Frage aufkam: Was macht eigentlich einen guten Skifahrer aus? Die Rechnung „schnell = gut“ geht jedenfalls jenseits des Leistungssports meist nicht auf. Christa Kinshofer (53), die drei Olympia-Medaillen und sieben Weltcuprennen gewonnen hat, warnt vor Übermut: Perfekt präparierte Pisten und modernstes Material bei Ski und Schuh würden dafür sorgen, dass auch der Normalwintersportler „unglaublich schnell sehr hohe Geschwindigkeiten erreicht“. Bei etwa 80 km/h, hat der Deutsche Skiverband in Studien herausgefunden, liege für Breitensportler die magische Grenze – „doch kein Mensch“, sagt der DSV-Sicherheitsexperte Andreas König, „würde sich ohne Helm bei Tempo 50 auf ein Moped setzen“. Der Skifahrer indes gehe oft ein viel höheres Risiko ein und, ob mit oder ohne Helm, unterschätze beispielsweise den Bremsweg in voller Fahrt: Der liegt laut König bei „sechs bis zwölf Metern“.

Der „Kaiser“ fährt mit Helm, Boris Becker lieber mit Mütze

Darin liegt für Christa Kinshofer ein Teil der die Antwort auf die Frage, was einen guten Skifahrer auszeichne. „Sicher und gut bedeutet in erster Linie kontrolliert zu fahren“, sagt die Ex-Rennläuferin. Ihr Tipp zur Selbsteinschätzung: „Suchen Sie sich einmal Torstangen und fahren einen Riesenslalom. Nach ein paar Schwüngen werden Sie merken, wie schwierig es ist, vor der Stange noch die Kurve zu bekommen.“

Bei einem Hindernis (zum Beispiel einem gestürzten Skifahrer) rechtzeitig abbremsen, auf unterschiedliche Schneearten und Sichtverhältnisse adäquat reagieren, gemäß der zehn FIS-Regeln Rücksicht auf andere nehmen und mit genügend Abstand überholen: „Mit Übersicht und Verstand Ski fahren“, fasst Christa Kinshofer zusammen, worauf es ankommt. Eine wichtige Rolle spielt die körperliche Fitness. „Wer Kraft und Kondition hat, kann besser reagieren.“ Und Verletzungen vermeiden. Ihr Ehemann Dr. Erich Rembeck ergänzt: „Es ist bewiesen, dass sich trainierte Personen weniger schwer verletzen als Untrainierte.“

Um ihr Fachwissen in puncto Wintersport-Vorbereitung weiterzugeben, haben Kinshofer und Dr. Rembeck zusammen mit dem Sportwissenschaftler Marc Lechler die Training-DVD „Fit für Ski – Mit 20 Minuten pro Tag fit für die Skisaison“ herausgebracht. Die Übungen dienen der Stabilität und Kräftigung des ganzen Körpers, insbesondere aber jener Regionen, die beim Skifahren der größten Belastung ausgesetzt sind. Der in HD gefilmte Video-Workout hilft Wintersportlern dabei, in kürzester Zeit und mit relativ wenig Aufwand topfit für die anstehende Skisaison zu werden (Beispielübung im Internet bei www.1x1sport.de/ski).

Dass beim Kongress in Going auch Boris Becker (47) mitdiskutierte, hat mit der wohl kaum bekannten Ski-Karriere des Ex-Tennisstars zu tun. Bevor Becker nämlich unter anderem dreimal Wimbledon gewann, war er Mitglied der Ski-Auswahl von Baden-Württemberg und sogar Landesmeister. „Ich habe einige Titel gewonnen, musste mich aber mit 16 für eine Sportart entscheiden – und als Tennisprofi vertragsmäßig mit dem Skifahren aufhören.“ Erst nach der Profi-Laufbahn auf den Courts der Welt habe er sei Faible für den Wintersport wiederentdeckt, und aus langjähriger Erfahrung weiß Boris Becker: „Die Zeit ist immer der Feind des Sportlers – man gibt sich oft nicht genug davon. Denn Muskelaufbau dauert lange, aber nur mit guten Grundlagen hat man Erfolg.“ Ein Plädoyer für gezieltes Fitnesstraining vor dem Wintersport, auch wenn Boris Becker es heute gemächlich abgehen lässt: Seinen Fahrstil beschreibt er als „vorsichtig und ruhig“.

Bei aller (gemeinsamen) Besonnenheit auf der Piste, das Thema Helm händeln die beiden einstigen Sporthelden unterschiedlich. „Damit tue ich mich schwer, ich hab’ lieber eine Mütze an – ich bin ja Ski- und nicht Rennfahrer“, sagt Boris Becker. Franz Beckenbauer indes hat nicht erst seit dem Unfall von Michael Schumacher dazugelernt: „Am Anfang dachte ich: ,Helm, so ein Schmarrn‘. Später habe ich dann gemerkt, wie bequem ein Helm ist.“ Seitdem fährt der Kaiser nie mehr oben ohne.

Weitere Infos www.skiklinik.com

Von Martin Becker

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