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Ibiza

Party hard - Bike harder

Ibiza, die kleine Schwester Mallorcas, ist das Szene-Eiland der Schicken, Schönen und Reichen. Aber es gibt eine Parallelwelt jenseits der Beach-Clubs und Diskotheken – und in der lassen sich paradiesische Trails zu versteckten Buchten mit türkisblauem Wasser entdecken.

Die Balearen-Insel eignet sich perfekt für einen sieben- bis zehntägigen Bike-Urlaub. Wer Party machen will, sollte Pausentage einplanen. Es ist auch möglich, die Insel in vier oder fünf Etappen zu umrunden, mit festen oder wechselnden Quartieren. Insider-Tipp: Mit Quico einen Bike-Explorer-Tagesausflug mit der Fähre nach Formentera unternehmen.

Am dritten Tag streichen wir die Segel. Das Thermometer zeigt 32 Grad im Schatten, der Anstieg auf einem steilen Trail ist mit Wurzelteppichen und hohen Stufen gespickt. Der Schweiß rinnt ins Gesicht, die Beine sind schwer, der Kopf will fast zerspringen. Was hatten wir uns nur eingebildet? Dass wir tat- sächlich bei der legendären „Cocoon Party“ von Sven Väth im „Amnesia“ bis ins Morgen- grauen abhotten, dann fast ohne Schlaf 1200 Höhenmeter auf Singletrails herunterkurbeln, um am folgenden Abend ein ähnliches Programm mit Techno-DJ Carl Cox im „Space“ durchzuziehen? – „Hombre, da bist Du schlicht zu alt dafür“, sagt unser Guide Quico und grinst, während Sandra allen Ernstes ankündigt: „Ich muss gleich kotzen!“

Man kann eben nicht alles gleichzeitig haben. Diese Lektion haben wir inzwischen gelernt. Obwohl es doch so verlockend ist: Eivissa, wie die Einheimischen die „Isla Blanca“ auf Katalanisch nennen, ist nun einmal das Epizentrum der heißen Strandpartys, bunten Hippie-Märkte und langen Disco-Nächte im westlichen Mittelmeer. Das muss man sich doch anschauen, schon zu Recherche-Zwecken. Und natürlich auch, um herauszufinden, ob das alles nur ein Klischee ist, das der Insel zu Unrecht anhaftet. Inzwischen wissen wir: Das Klischee entspricht durchaus der Realität. Aber eben nur zum Teil, beschränkt auf die Ferienzeiten zwischen Mai und September und auf Party-Hochburgen wie Sant Antoni. Quico hatte uns am Telefon versprochen, dass hinter den Playas der Hedonisten spannende Bike-Touren warten. Zu Hause, wo die meisten nur Mallorca für den Warm-up im Frühjahr kennen, hatte uns das keiner glauben wollen. Aber zu Hause sprechen sie Ibiza (mit Betonung auf der zweiten Silbe und einem weichen „z“) auch so aus wie „iiih Pizza!“ Die Insel ist zwar gerade einmal ein Fünftel so groß wie ihre Schwester Mallorca, aber sie trumpft mit einer abwechslungsreichen und hügeligen Geografie auf: mal steppenhaft karg, mal üppig mit Pinien bewachsen. Mal mit flachen Zugängen zu den Stränden, mal mit zerklüfteten Küsten wie im Norden, wo sich paradiesische Buchten verstecken, an denen junge und gut abgehangene Nackedeis in schönster Eintracht ins Wasser hüpfen.

Wir tun es den Nudisten gleich. Quico, der auf dem erzkatholischen Festland aufgewachsen ist, wo bereits Oben-Ohne-Baden einer Sünde gleichkommt, kostet das einige Überwindung. Andererseits liebt er die Freizügigkeit in seiner Wahlheimat. Der Architekt hatte während der Finanzkrise wie viele andere seinen Job verloren und deshalb vor gut zwei Jahren bei Daniel „Dani“ Guasch angeheuert. Dani ist ein Radsport-Urgestein auf Ibiza. Er betreibt in einem Ferienclub eine Bike-Station, bietet Touren auf der Insel an und verleiht ordentliche Räder in seinem Shop „Kandani“. Quico, schon als Jugendlicher ein begeisterter Biker, ist inzwischen die rechte Hand von Dani, und auch seiner Frau gefällt es auf der Baleareninsel hervorragend.

Wann immer es seine Zeit zulässt, scoutet Quico neue Touren mit möglichst hohem Singletrail-Anteil. Und er brennt darauf, uns diese zu zeigen. Da kennt er keine Gnade, nach dem Motto: Wer feiern kann, kann auch in die Pedale treten. Und so kurbeln wir täglich durch Felder und Wiesen, auf denen Mandeln, Zitrusfrüchte, Mispeln, Feigen und Oliven wachsen, wo es verführerisch nach mediterranen Kräutern und Macchia duftet. Die im Januar blühenden Mandelbäume sind charakteristisch für die Insel. „Nur noch die Alten pflegen die Bäume, den Jungen ist’s zu anstrengend“, erklärt Quico. „Sie verdienen ihren Lebensunterhalt lieber mit den Touristen.“

Jeden Tag entdecken wir neue Buchten mit türkisblauem, glasklarem Wasser, staunen wir über ruhige Dörfer im Inselinneren, wo meist hoch über dem Ort auf einem Hügel eine im Mittelalter erbaute Kirche thront. Was für ein Kontrast zur mondänen Küste, zum überkandidelten und dekadenten Luxus auf den Yachten, wo die „People from Ibiza“ mit Jet-Ski und Aqua-Scootern einen Höllenlärm verbreiten. Als wir an einem frühen Vormittag am berühmten Café del Mar an der Promenade von Sant Antoni vorbeirollen, ist von Feierstimmung nichts zu spüren. Die Nachteulen haben sich in ihre Käfige zurückgezogen. Erst am Abend werden sie wieder auftauchen und auf den eigens dafür aufgebauten Tribünen den Sonnenuntergang beklatschen, begleitet von den Chillout- und Lounge-Klängen, die das legendäre Café berühmt und seinen Besitzer steinreich gemacht haben. Wir drehen noch eine Runde um das „Ei des Kolumbus“-Denkmal und machen uns an den Anstieg zum Sa Talaia, dem mit 475 Meter höchsten Punkt der Insel, vorbei an den Sommerresidenzen von Phil Collins und Mike Oldfield.

Wir kurbeln gedankenverloren vor uns hin, als plötzlich fünf große, schlanke Hunde aus dem Wald auftauchen. Sie bellen nicht, aber schauen uns aus stechend scharfen Augen an. „Ganz ruhig weiterfahren“, flüstert Quico. „Das sind Podencos. Sie werden hier gezüchtet; eine alte ägyptische Rasse, deren Aussehen an die Tempeldarstellungen des Totengottes Anubis erinnert. Angeblich reiste Kleopatra einst auf dem Weg nach Rom über Ibiza und schenkte dort ihren römischen Gastgebern einige dieser Hunde.“ Tatsächlich lässt uns das Quintett passieren, ohne uns an die Waden zu gehen.

Quico möchte uns noch Ses Salinas zeigen, den südlichsten Zipfel Ibizas. Dort wird in abgetrennten Pfannen Meersalz gewonnen, früher einmal die wichtigste Einnahmequelle der Insulaner. Es riecht vermodert, in den Pfannen staksen langbeinige Seevögel. Im Beachclub am Strand indes stakst eine langbeinige Schönheit und schenkt ihren Freunden gut gekühlten Rosado ein. Bekleidet ist sie nur mit einem weißen Mini-Bikine - und einem Schleier auf dem Kopf. „Ist eine Hochzeit“, erklärt Quico. „Wer es sich leisten kann, heiratet auf Ibiza.“ Dann geht’s weiter nach Salinas, mit der Platja Es Cavallet so etwas wie der Hausstrand der Insel: Wer nicht aufpasst und nur auf seine Stollenreifen schaut, kann in den einsamen Buchten hinter den Dünen und Pinienwäldchen unfreiwillig Zeuge heftiger gleichgeschlechtlicher Liebesspiele werden. Queen-Frontman Freddy Mercury soll hier zu Lebzeiten eine halbe spanische Armada an Jünglingen verführt haben.

Für uns wird es Zeit, Quico „Adios“ zu sagen. Morgen kommen Kunden vom Festland, die mit ihm rund um die Insel biken wollen. Außerdem ist uns der Kerl auf Dauer wirklich zu anstrengend, denn wir wollen unsere Nightlife-Recherchen nicht vollständig aufgeben. Wir haben zudem gehört, dass es noch einen zweiten Tourenanbieter auf Ibiza gibt – mit einem klapprigen Bus als Shuttle ...

Ein Anruf genügt, und Ash steht auf der Matte. Der gebürtige Engländer jobbte als MTB-Guide in Malaga, kam aber mit dem Boss der Bike-Station nicht so richtig klar. Ein Freund gab ihm den Tipp, Ibiza ins Auge zu fassen. Also fing Ash an, Trails zu googeln. Was er fand, machte ihn neugierig. Er buchte einen Flug – und blieb. Seine irische Freundin brachte er gleich mit. Der Dritte im Bunde ist der Schwede Tomas, der Ash in Malaga als Kunde kennen und schätzen lernte. Das Trio mietete im Zentrum der Insel vor gut zwei Jahren für wenig Geld ein altes Landhaus – unter der Bedingung, dass die drei Biker im Garten einen Pumptrack anlegen dürfen.

So einen Service bietet nicht jede Biker-Unterkunft: Schon vor dem Frühstück kann man auf dem Track eine Runde drehen, abends geht‘s zum Grillen und Chillen auf die Dachterrasse oder in die Hängematte. Aus den berüchtigten Partys macht sich das Trio nichts, es war noch nie beim Abtanzen seit seiner Ankunft auf der Insel. Als wir Ash und Tomas näher kennen lernen, wundert uns das nicht mehr: Die beiden leben für ihren Sport, 24/7, 365 Tage im Jahr. Am Bergrücken oberhalb des Hauses haben sie einen Trail an- gelegt mit unterschiedlich schwierigen Lines und optionalen Sprüngen. Dort setzen sie auf Wunsch der Gäste tatsächlich ihren Bus als Shuttle ein. Im Winter rücken sie aus, um mit Heckenscheren und Äxten die Trails von Gestrüpp und Ästen zu befreien. „Wenn das der Tourismusverband mit- kriegt, stellen die ein Schild auf und freuen sich, mal wieder einen auch in der Praxis begehbaren Wanderweg präsentieren zu können“, sagt Tomas lachend.

Tatsächlich kennen die beiden jeden Winkel der Insel. Wir fahren Touren mit mehr als 60 Prozent Singletrail-Anteil. Auf Wunsch variieren sie die Strecken, lassen schwierige Loops weg, oder nehmen Flow-Trails mit auf. Manchmal führen die Trails direkt am Meer entlang.

Als wir am letzten Tag ins „Basecamp“ der beiden zurückkommen, fragt Ash, ob wir noch ein bisschen im Bikepark spielen wollen. „Den Pumptrack kennen wir doch schon“, antworten wir. „Nein, nein, es gibt gleich um die Ecke einen richtigen kleinen Bikepark“, insistiert Tomas. Und tatsächlich: Im Wald nebenan hat einer der vielen schrägen, offensichtlich wohlhabenden Vögel, die auf Ibiza leben, einen netten Park namens „Can Truy“ angelegt: sechs Kilometer Loops, mehr als ein Dutzend Northshore-Elemente, bestens geshapte Anleger, frei zugänglich und kostenlos für alle. Wir können es kaum fassen: Sieht so das Paradies für Mountainbiker aus? Mit einem Pumptrack und einem Bikepark für den Privatgebrauch? Wir beschließen spontan, heute Nacht ins Pacha zu gehen, die Mutter aller Discos. Inzwischen gibt es zwar mehr als 70 namensgleiche Ableger rund um den Globus, aber das hier ist schließlich das Original. Zu Ash und Tomas sagen wir, dass sie für morgen schon mal den Bus bereitstellen sollen. Und dann singen wir uns warm: „It‘s my party, and I‘ll cry if I want to ...”

Ibiza – alle Infos

Die Balearen-Insel eignet sich perfekt für einen sieben- bis zehntägigen Bike-Urlaub. Wer Party machen will, sollte Pausentage einplanen. Es ist auch möglich, die Insel in vier oder fünf Etappen zu umrunden, mit festen oder wechselnden Quartieren. Insider-Tipp: Mit Quico einen Bike-Explorer-Tagesausflug mit der Fähre nach Formentera unternehmen.

Allgemeine Auskünfte

Spanisches Fremdenverkehrsamt: www.spain.info, Fundacíon de Promocíon Turística de Ibiza: www.ibiza.travel

Hinkommen

Es gibt Direktflüge von vielen deutschen Städten, zum Beispiel mit Air Berlin (Bike-Transport kostet extra: rund 70 Euro pro Strecke); für eine größere Gruppe aus Süddeutschland lohnt eventuell die Anreise mit Mini-Bus und Fähre via Valencia.

Wohnen

Es gibt Herbergen für jeden Geldbeutel auf Ibiza. Wer Touren bei „Kandani“ buchen möchte, sollte sich in oder rund um Santa Eularia ein Quartier suchen. Wer sich Luxus leisten kann, gönnt sich einige Nächte in der „Hacienda Na Xamena“, dem ältesten Fünf-Sterne-Resort der Insel. Wer Party machen will, zieht in die großen Hotelanlagen nahe der Hauptstadt Eivissa. Am preisgünstigsten ist es jedoch, sich im Landhaus von Ash und Tomas einzuquartieren und ein Tourenpaket zu buchen.

Beste Jahreszeit

Grundsätzlich kann man fast das ganze Jahr über Biken auf Ibiza, die Mandelbäume blühen bereits Ende Januar. Die besten Monate sind jedoch Mitte April bis Mitte Juni und Mitte September bis Ende Oktober. Die Party-Saison geht erst ab Mitte Mai so richtig los und dauert bis Ende September.

Von Sandra Urbaniak und Günter Kast

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