+
Location: Singletrail-Paradies/Voralpen, Freireiter: Andi Prielmaier (www.diefreiter.de)

Singletrails

Auf dem Weg zum Traumbike: Welches hätten's denn gern?

Früher kaufte man sich ein Hardtail mit einer mäßig funktionierenden Federgabel. Viel größer war die Auswahl nicht. Inzwischen scheint die Anschaffung eines Mountainbikes zu einer Wissenschaft geworden zu sein, so groß und unübersichtlich ist der Markt.

Doch keine Sorge: Die perfekten Trail-Bikes, die auch bergauf Spaß machen, gibt es. 

Location: Singletrail-Paradies/Ortlerregion, Freireiter: Tom Leitner

Schweiß tropft Jonas von der Stirn, der Puls überschlägt sich fast, seine Oberschenkel brennen. Dann, endlich, sitzt er auf der Gipfel- wiese. Doch richtig genießen kann er die Aussicht nicht. Er muss ja wieder runter vom Berg. 1000 Höhenmeter Sinkflug warten auf Jonas, dabei ist er jetzt schon völlig fertig von der Schinderei bergauf. Da hilft auch kein Energieriegel mehr. Nach einer kurzen Rast stürzt er sich in die Abfahrt. Der Schotterweg mündet bald in einen Waldweg mit fiesen Wurzelteppichen. Durchgeschüttelt wie ein Wodka-Martini kommt er unten an und flüchtet sich erschöpft in einen Biergarten. Bei einem kühlen Radler denkt er sich: „Biken – das dürfen gern die anderen machen. Mir reicht’s!“

Irgendwie ist die Entwicklung an Jonas vorbei- gegangen: Sein Alu-Drahtesel wiegt satte 16 Kilo, hat keine Scheibenbremsen, hinten keinen Dämpfer und vorne gerade einmal 80 Millime- ter Federweg. So ein Hardtail war vielleicht vor zehn Jahren angesagt. Wenn Jonas wüsste, welche Sahnestücke die Bike-Industrie heute anbietet, wäre er wohl nicht für den MTB-Sport verloren.

Auf dem Weg zum Traumbike stellen sich ein paar Fragen:

Beim Händler oder Versender kaufen?

Klar, Versender-Bikes wie zum Beispiel Radon, Rose, Bionicon oder Canyon sind bei vergleich- barer Ausstattung zum Teil deutlich günstiger als das Rad im Bike-Shop um die Ecke. Allerdings: Wer selbst kein Schrauber-König ist und wegen jeder kleinen Reparatur oder jedem Service in die Werkstatt muss, sollte sich den Kauf beim Versender überlegen. Der Händler vor Ort behandelt bevorzugt die Kunden, die ein Bike im seinem Stall geordert haben. Die meisten Läden reparieren mittlerweile zwar Räder, die nicht von ihnen stammen, manchmal muss man jedoch mit Wartezeiten rechnen.

Location: Flow Valley, Rider: Robert Werner

Einige Direktversender haben darauf reagiert und ein Shop-System eingerichtet. Bei größeren Reparaturen bieten Versender einen Abholservice an. Der funktioniert in der Regel gut. Einziger Nachteil: Auch hier ist wegen des Hin- und Rücktransports meist mit einer Wartezeit zu rechnen. Wer auf eine individuelle Beratung und eine – was die richtige Sitzposition betrifft wichtige – Probefahrt nicht verzichten möchte, ist mit dem Händler seines Vertrauens gut beraten. Der Online-Bike-Konfigurator der meisten Versender ist zwar hilfreich. Systembedingt können sie aber auf individuelle Kundenwünsche und Fragen nicht so detailliert eingehen, wie es in einem Shop vor Ort möglich ist. Wichtig zu wissen: Händler haben meist nur zwei bis maximal vier Marken im Angebot. Wer eine bestimmte Bike-Marke im Visier hat, sollte gezielt Markenläden ansteuern.

Alle bekannten Marken bieten heutzutage ausgereifte Fahrräder mit 130 bis 170 Millimeter Federweg vorne und hinten an. Der Übergang von den so genannten Allmountain-Bikes mit 130 bis 150 Millimeter Federweg und Enduros mit 160 bis 170 Millimetern ist fließend.

Gegenüber den Allmountains liegt der Fokus bei den Enduros durch das Plus an Federweg, dem flacheren Lenkwinkel und der etwas anderen Radgeometrie noch mehr aufs Bergab- als aufs Bergauffahren. Das Mehr an Fahrspaß bergab kauft man sich mit einem geringfügig höheren Gewicht ein. Sowohl mit Allmountain- als auch Enduro-Bikes macht eine Alpenüberquerung Spaß. Auf einem Enduro kommen aber gerade jene Piloten auf ihre Kosten, die bevorzugt technische Trails fahren wollen und Spaß an Sprüngen über Kanten und Stufen haben.

Traumbike? Diese Expertentipps sollte man beachten!

Um einen Marktüberblick zu erhalten, lohnt es sich, Vergleichs-Tests in Magazinen oder auf MTB-Portalen im Netz zu checken. Allerdings: Ein Bike muss immer zum Fahrer passen. Es nützt nichts, wenn es tolle Noten bekommt, man sich im Sattel aber nicht wohlfühlt. Also: auf in den Radshop und Probe fahren! Und das nicht nur dreimal um den Block. Besser ist es, das Bike für einen Tag auszuleihen. Wer da- gegen beim Versender kauft, muss seinen Kör- per exakt vermessen und mit diesen Daten die richtige Rahmengröße bestellen. Tabellen im Internet helfen dabei. Einige Versender bieten sogar einen Umtauschservice an, falls das Bike den Kunden nicht glücklich macht.

Welche Laufradgrößen sind für wen am besten geeignet?

29-Zoll-Räder gehören mittlerweile zum Fahrradalltag. Im ersten Moment wundert man sich vielleicht noch über deren Dimension und fragt sich: Was soll denn das? Früher gab es Laufräder mit 26 Zoll Größe – basta! Dann kamen aus Nordamerika Bikes mit 29 Zoll-Schlappen, die so genannten Twentyniner.

Größere Räder sind laufruhiger, besitzen aufgrund der größeren Auflagefläche eine satte Traktion und rollen besser über Unebenheiten wie einem Wurzelteppich hinweg. Beim Twentyniner ist der Abstand zwischen Tretlager und Hinterradachse größer, daher läuft es sehr stabil. Aufgrund des längeren Hebels hebt das Vorderrad auch nicht so leicht ab. Doch wie fast alles im Leben haben diese Riesenräder auch Nachteile: Sie sind schwerer, ihre rotierende Masse ist größer. Der längere Radstand in Verbindung mit dem höheren Massenträgheits- Moment macht das ganze System Bike etwas träger und weniger wendig.

Location: Singletrail-Paradies/Goldseetrail, Freireiter: Andi Prielmaier

Allgemein ist die Laufradgröße von zwei Faktoren abhängig: der Größe des Fahrers und dessen Fahrstil. Ein Twentyniner ist für Menschen ab zirka 1,80 Meter Körpergröße eher geeignet. Auf schnellen oder flowigen Trails ohne enge Kurven kann man mit ihnen ordentlich Tempo machen. In diesem Einsatzgebiet sind Federwege zwischen 100 und 120 Millimeter passend. Für kleinere Men- schen sind die 29-Zoll-Räder nicht die erste Wahl. Biker, die bevorzugt enge, steile technische Trails mit Umsetzpassagen fahren und deshalb Wert auf ein gutes Handling legen, sollten zu kleineren Laufradgrößen greifen. Auch für Sprünge und Tricks taugen 29-Zöller weniger. Zwischen den beiden Extremen – 26 und 29 Zoll – sind 27,5 Zoll- oder auch 650B-Räder ein guter Kompromiss.

Die 26-Zoll-Räder sind agil und robust. Für die Bereiche Downhill/ Freeride und Enduro machen diese Normalos sicherlich Sinn.

Eine Alternative sind die 27,5-Zöller. Die Unterschiede zwischen ih- nen und 26-Zoll-Bikes sind in der Praxis nicht groß. Viele Biker dürften kaum merken, ob sie auf 26-Zoll- oder 27,5-Zoll-Fahr- rad sitzen. Der Vormarsch der 27,5- und 29-Zöller ist aber nicht aufzuhalten, da es sich auch um eine strategische Entscheidung der Industrie handelt.

Auf welche Parts sollte man achten?

Lenkerbreite: Früher fuhr man eher mit einem schmalen Cockpit. Es ist leichter, und man bleibt auf engen Singletrails nicht so schnell an Buschwerk, Ästen oder Felsen hängen. Allgemein lässt sich sagen: Je breiter der Lenker ist, desto besser lässt sich das Rad steuern und kontrollieren. Das gibt Sicherheit – gerade bei höheren Geschwindigkeiten.

Auch hier gilt: Die Breite des Lenkers soll zum Einsatzzweck und zum Körperbau des Bikers passen. Lenker für Mädels sind einen Tick schmäler als diejenigen für Jungs – es sei denn, „Mann“ ist richtig schmächtig. Für den Cross-Country-Einsatz ist ein 740 Millimeter breiter Lenker, speziell im Race-Bereich übertrieben. Hier geht es gerade wegen des hohen Uphill-Anteils um jedes Gramm Gewichtseinsparung.

Tipp: Je mehr der Fahrspaß bergab im Vordergrund steht, desto breiter sollte der Lenker sein. So fällt das Steuern aufgrund des größeren Hebels auf kniffligen Pfaden deutlich leichter. Beim Allmountain-Einsatz und für technische Touren ist eine Lenkerbreite von 650 Millimeter sicherlich zu wenig. Hier muss etwas Breites für mehr Kontrolle her. 700 bis 760 Millimeter sind gängig. Bei Enduro-Bikes geht der Trend zu noch mehr Kontrolle und damit zu breiteren Cockpits. Lenkerbreiten bis zu 780 Millimeter sind keine Seltenheit.

Sattel/Sattelstützen:

Der Sitz ab Werk passt selten richtig gut. Diesen also besser abmontieren und durch einen Sattel ersetzen, mit dem man seit vielen Jahren Spaß hat. Unbedingt leisten sollte man sich eine absenkbare Sattelstütze. Mit ihr lässt sich die Sitzposition binnen Sekundenbruchteilen individuell verändern: Bei kurzen Gegenanstiegen zickt so nicht gleich das Knie. Bei kurzen, steilen Abfahrten geht man nicht gleich über den Lenker, weil man vergessen hat, den Sattel abzusenken. Bei den absenkbaren Sattelstützen besser nicht sparen und ein Modell wählen, das sich vom Lenker aus bedienen lässt.

Komponenten: Schaltung und Bremsen müssen zum Bike passen. An einem High-End-Karbonrahmen haben billige Teile und schwere Laufräder nichts zu suchen. Andererseits schießt der Preis schnell durch die Decke, wenn man seinen Wünschen freien Lauf lässt.

Faustregel: Die Bikes müssen einiges wegstecken. Da bieten sich die jeweils zweitbesten Gruppen der Platzhirsche Shimano und Sram an, bei Shimano also eine XT-Ausstattung.

Pedale: Hier stellt sich die Frage: Klick- oder Flatpedale? Darüber könnte man Doktorarbeiten schreiben. Auch hier gibt’s eine Richtschnur: Wer häufig Trails rockt, fährt mit Flachpedalen und extrem griffigen Schuhen besser. Das schnelle Absetzen des Fußes in technischen Passagen oder die Möglichkeit, sich im Notfall schnell vom Rad lösen zu können, ist ein Plus an Sicherheit, das für Flachpedale spricht.

Die Vorteile der Klickpedale liegen im Uphill: Hier ist ein Mietziehen des Pedals durch die feste Verbindung mit dem Schuh möglich, das erleichtert den Aufstieg. Einige Biker möchten dies auch auf Trails nicht missen. Beim Endurofahren sind die Flachpedal-Piloten wegen der beschriebenen Vorteile deutlich in der Mehrzahl.

Was kostet ein „leichtes“ Bike?

Location: Singletrail-Paradies/Island, Freireiter: Dimitri Lehner, Tom Mayer, Stefan Kappl, Hannes Weber, Andi Prielmaier

In Sachen Gewicht ist klar: so leicht wie möglich. Nur haben Federgewichte ihren Preis. Als Faustregel gilt: Wer das Gewicht seines Bikes um ein Kilo verringern will, zahlt dafür 500 bis 1000 Euro mehr. Ein seriöses Hardtail kostet etwas über 1000 Euro. Wer mit einigen Kompromissen leben kann, bekommt ein ordentliches Fully ab etwa 2200, 2300 Euro. Ein zwischen 13 und 14 Kilogramm schweres Fully mit vernünftiger Ausstattung gibt es für rund 3000 Euro, eines unter 13 Kilo kostet meist 4000 Euro oder mehr. Vollgefederte Bikes, die weniger als 13 Kilo wiegen, besitzen fast immer einen Karbonrahmen. Ist das Rad noch leichter, sind auch Vorbau, Lenker, Sattelstütze und Hinterbau aus Kohlefaser.

Allerdings: Ein Karbon-Bike bleibt immer empfindlicher. Knallt der Rahmen bei einem Sturz gegen einen spitzen Felsen, kann er Haarrisse bekommen und sogar brechen.

Fazit: Unterm Strich ist ein Rad zwischen 13 und 14 Kilo ein guter Kompromiss zwischen akzeptablem Preis und Gewicht. Für Leicht- bau-Fetischisten ist die Skala nach oben natürlich offen.

Text: Günter Kast, Andi Prielmaier

Auch interessant

Kommentare