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Mit viel Zug in die Kurve: Was ein Ski kann und wie dynamisch oder gutmütig er ist, verraten die drei Geometriedaten.

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Der Ski-Konfigurator: die Mitte macht’s

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Der eine mag es lieber hart, der andere eher weich. Der eine lechzt nach scharfen Kurven, der andere drückt jede Unebenheit mit spielerischer Leichtigkeit weg. Was kann ein Ski?

Über dessen Fahreigenschaften geben drei Zahlen Aufschluss – und sie richtig zu lesen, ist eigentlich nicht allzu schwierig.

„Spürst du den Unterschied?“ Andreas König, Sicherheits-Experte und Ski-Tester beim Deutschen Skiverband, geht es ums Detail. Um den mal feinen, mal groben Unterschied. Wie fühlt sich das eine Skimodell an im Vergleich zum anderen?

Skimodelle im Test

Treffpunkt Spitzingsee, bei der Talstation der Stümpflingbahn. In den Kofferraum hat König neun paar Skier gepackt, verteilt auf die sechs inzwischen üblichen Kategorien: Race, Slalom, Sport, Genuss, Allmountain und Freeride. Die Frage im mehrstündigen Selbsttest wird sein: Was ist jeweils anders?

Auf den ersten Blick wirken manche Modelle recht ähnlich – gleich mehrere weisen zum Beispiel einen Kurvenradius von 15,5 bis 16,2 Metern auf. Also alles die gleiche Kategorie? Keineswegs!

Einen Kofferraum voller Test-Ski hat der DSV-Experte Andreas König mit an den Spitzingsee gebracht, um einen im Selbsttest spüren zu lassen, wie sich die Geometriedaten auf die Fahreigenschaften auswirken.

„Der größte Fehler, den jemand machen kann, ist: Er geht in ein Sportgeschäft und sagt, ,ich hätte gern einen Ski mit 14 Metern Radius‘. Denn der Radius spielt als Aussagegröße für die Fahreigenschaften nur eine untergeordnete Rolle“, erklärt König.

Auf was kommt es also an? Auf die drei Zahlen, die auf jedem Ski irgendwo aufgedruckt sind: Schaufel-, Mitten- und Endenbreite. Das liest sich so: „115 – 65,5 – 98“. Oder „117 – 72 – 104“. Oder beispielsweise „128 – 85 – 110“. Drei Zahlenwerte, die laut König „zu 70 Prozent verraten, was das Ding kann“. Die restlichen 30 Prozent lägen am Innenleben, also der Holzart oder dem Glasfaseranteil.

„Doch als Orientierung reicht es völlig aus, die drei Zahlen und damit den Charakter eines Skis zu lesen“, sagt der DSV-Experte und nennt diese Analyse „Ski-Konfigurator“.
Wir machen am Spitzingsee die Probe aufs Exempel. Bindung und Z-Wert werden angepasst, dann geht’s rein in den Lift und ab auf die Piste. Der Selbsttest: pro Abfahrt ein Skimodell, jedes mal ein anderes. „Beweg mal nur die Knie zur Seite, hin und her, bring die Skier leicht auf die Kante“, ruft Andi König mir beim Anfahren zu. „So gewinnst du einen ersten Eindruck, wie der Ski reagiert.“

Das erste Modell: bissig, giftig. Das kleinste Aufkanten – und zack, der Ski zieht einen mit Vehemenz in die Kurve. Das zweite Modell indes zieht weniger scharf in die Kurve hinein, katapultiert einen aber regelrecht wieder hinaus. Mal ist der Kraftaufwand höher, mal kaum nötig. Der Racing-Ski erfordert absolut saubere Technik, das Genuss-Modell rutscht gemütlich die Suttenabfahrt hinunter, der Allmountain-Ski erfordert mehr Fersen- statt Fußballendruck und hat keine Mühe mit verbuckelten Passagen. Während der Slalom-Ski wiederum in eleganter Spritzigkeit jeden Mini-Hügel punktgenau umkurvt.

Und immer wieder – wir legen jeweils nach halber Abfahrt einen Stopp ein – hakt Andi König nach: „Spürst du den Unterschied?“ Ja, jedes Mal.

Keiner der Test-Ski gleicht dem anderen, trotz vermeintlich vergleichbarem Radius. Das Geheimnis der drei Zahlen – der DSV-Experte verrät, wie auch Laien einen Ski anhand der äußeren Daten lesen können.

Breite der Skimitte

„Die Mittenbreite ist das Maß, das mir verrät für welchen Einsatzbereich oder welches Terrain ein Ski gemacht ist.“ Dahinter steckt banale Physik: Je breiter ein Ski unter der Bindung ist (dort erfolgt ja mittels Druck durch den Schuh das Aufkanten), desto weiter ist der Weg von der einen zur anderen Kante. Ein in der Mitte schmaler Ski reagiert also spritzig(er), ein breiter bietet Standfestigkeit.

„Bis circa 80 Millimeter Mittenbreite funktioniert ein Ski auch auf der Piste noch ganz gut, darüber eher im Gelände“, erläutert König. Der 80-plus-X-Ski bietet prima Auftrieb im Tiefschnee, ist beim Umkanten auf der Piste dagegen recht träge. Als Orientierung nennt König diese Werte für die Skimitte: „Ein spritziger Ski hat 65 bis 70 Millimeter, ein sportlicher Ski 67 bis 75 und ein Allmountainski 78 bis 85.“

Breite der Schaufel

Inwiefern ein Ski über Selbststeuerungskräfte verfügt und den Fahrer beim Aufkanten automatisch in die Kurve hineinzieht, bemisst sich nach der Differenz zwischen Schaufel- und Mittenbreite. Je größer der Unterschied, desto spürbarer ist der Selbststeuerungseffekt.

Breite des Skiendes

Nächster Parameter: die Differenz der Breite zwischen Skimitte und Skiende. König rechnet vor: „Eine große Differenz hier bedeutet, dass der Ski den Skifahrer stark aus der Kurve hinauszieht, der Ski also zum Kurvenende hin Gas gibt.“

Torsionssteifigkeit und Aufbiegung

Jenseits der drei Geometriedaten bestimmen zwei weitere Punkte, wie ein Ski sich beim Fahren anfühlt: die Torsionssteifigkeit (also wie sehr er sich in seiner Längsachse verwinden lässt) sowie die Aufbiegung von Schaufel und Skiende (die mittlerweile in den meisten Modellen übliche Rocker-Technologie). Das Maß der Aufbiegung – der Ski ist „gerockt“ – verstärkt die Drehfreudigkeit sowie die Tiefschneetauglichkeit; der sportlich-aggressive Ski ist meist weniger stark aufgebogen, um sich in den Schnee beißen zu können.

Wie fühlt sich das eine Skimodell an im Vergleich zum anderen?

Viel getan hat sich in den vergangenen Jahres in puncto Verwindungsversteifung – die ist heutzutage vor allem im Freeride-Sektor noch relevant, weil der Ski im Tiefschnee weich sein muss. Früher wurden auch Einsteiger-Ski torsionsweich gebaut, um fahrtechnische Mängel zu kompensieren. Weil Anfänger noch kein richtiges Gefühl für den Aufkantwinkel haben, während Profis diesen gradweise einzusetzen wissen. Die negative Seite jener Einsteiger-Ski: Hatte der Wintersportler sein Fahrkönnen deutlich verbessert, konnte er den Ski nicht mehr nutzen – zu schwammig. Die neue Generation der Einsteiger-Ski heißt „Genusscarver“ – und taugt dank Rocker-Technologie auch über den Anfänger-Status hinaus. „Diese Modelle werden jetzt absolut torsionssteif gebaut, aber im Schaufel- beziehungsweise Endenbereich aufgebogen. Dies lässt bei schlechter Technik mehr Spielräume zu und ist somit gutmütig“, sagt König. „Erzeugt der Skifahrer irgendwann größere Aufkantwinkel, ist der Ski durch seine Torsionssteifigkeit auch sehr sportlich zu fahren. Das heißt, der Ski wächst mit der Technik mit und deckt somit ein unglaublich breites Könnensspektrum ab. Der Genusscarver gewinnt also an sportlichem Potenzial, ohne Abstriche beim Fehlerverzeihen zu machen – er ist kein reiner Einsteigerski mehr.“

Der Radius

Und was ist nun mit dem Radius? Der werde überbewertet, findet König, sei er doch immer abhängig von Länge und Form des Skis. „Zwei unterschiedliche Ski, wie etwa ein Riesenslalom- und ein Allmountain-Modell, können den gleichen Radius haben, obwohl sie für komplett unterschiedliche Einsatzgebiete geschaffen sind.“ Generell gelte: Je kleiner der Radius, desto wendiger ist der Ski. Durch Kraftaufwand oder Aufkantwinkel kann der Skifahrer den Radius überdies aktiv beeinflussen.

Das Innenleben

Preisunterschiede entstehen vor allem dadurch, wie hochwertig das verwendete Holz ist oder ob nur ein Schaumkern verwendet wurde. Zum Holz als Basismaterial hinzu kommt eine Glasfasermatte – ihr Anteil bestimmt die Torsionssteifigkeit und Biegehärte. Qualitätsunterschiede gibt’s auch bei den Stahlkanten; bei den hochwertigen hält die Schärfe länger, sie sind aber schwieriger nachzuschleifen. Für Zug- und Druckkräfte spielt die Verwendung von Titanal eine wichtige Rolle. Und der aus Polypropylen bestehende Belag kann transparent sein (dann ist er härter, aber nicht so schnell) oder aufgrund des Kohlenstoffanteils schwarz (dann ist er weicher und schneller). Darüber hinaus haben einzelne Hersteller Spezialtechnologien entwickelt, wie sie beispielsweise Schwingungen dämpfen.

All die letztgenannten Nuancen machen aber höchstens 30 Prozent der Fahreigenschaften aus – 70 Prozent sind von den drei Geometriedaten abhängig. Nach dem Selbsttest am Spitzingsee deutet Andi König nochmal auf die meist am Skiende stehenden Zahlenwerte: „Zeig mir die Maße von einem Ski, und ich sage dir, wie er funktioniert.“ Stimmt spürbar.

Von Martin Becker

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