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Immer mit der Ruhe: Beim Senioren-Skikurs kommt es auf Genuss und kraftsparende Technik an – hohes Tempo und möglichst viele Pistenkilometer sind sekundär.

Immer mit der Ruhe

Skifahren für Senioren und Wiedereinsteiger

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Die einen standen noch nie auf den Brettern, die das Gefühl unbeschwerten Dahingleitens ermöglichen. Die anderen sind vielleicht früher mal Ski gefahren, trauen sich nach einer Verletzung nicht mehr so recht.

Und weil mit zunehmendem Alter die Sorge, dass etwas passiert, die Freude am Wintersport überwiegt, verzichtet manch einer schweren Herzens aufs Skifahren. Unnötigerweise, denn auf Senioren spezialisierte Skischulen vermitteln die nötige Sicherheit.

„Die Angst ist das Hauptproblem“, weiß die frühere Rennläuferin Michaela Gerg, die in ihrer Skischule am Fuß des Brauneck in Lenggries spezielle Skikurse für Wiedereinsteiger anbietet. Also für Skifahrer, die sich nach einer Verletzung davor fürchten, auf die Piste zurückzukehren. „Viele würden gern wieder, wagen es aber nicht.“ Besonders bei Senioren, deren Knochen und Sehnen nicht mehr so schnell heilen wie bei Jüngeren, ist die Hemmschwelle groß. Hier setzen die dreitägigen Kleingruppen-Spezialkurse von Michaela Gerg an: Was traut sich der Einzelne zu? Welches Material ist er bislang gefahren? Wo liegen mögliche Blockaden? Zusammen lernt es sich besser, Ängste zu überwinden: mit Spaß, Situationskomik zwischendurch sowie der Erfahrung, nicht der einzige zu sein, der darum kämpft, persönliche Grenzen zu überwinden. „Denn eigentlich“, findet Michaela Gerg, „ist Skifahren wie Radfahren. Nur, dass viele Erwachsene nach langerer Pisten-Abstinenz zu ängstlich sind.“

Rutschphasen und größere Radien

Hans-Peter Wucherer aus Oberstaufen kennt derlei Fälle. Der der langjährige Ausbilder im Deutschen Skilehrerverband (DSLV) ist vor kurzem 70 Jahre alt geworden. Na und? Keine Sekunde denkt er daran, mit dem Skifahren aufzuhören. Und er gibt seine immense Erfahrung weiter: „Jeder kann beim Skifahren Spaß haben, egal in welchem Alter.“

Ein paar Grundsätze, so Wucherer, müsse man ab einem gewissen Alter freilich beherzigen. Wobei er sich auf keine Jahreszahl festlegen mag: „Es gibt Leute mit 50, die wirken körperlich wie Senioren. Und dann gibt’s Leute weit jenseits der 70, die sind topfit.“ Wie auch immer, selbst Anfänger hätten als Spätstarter noch eine Chance: „Jeder kann das Skifahren lernen, in jedem Alter.“ Sogar einer 80 Jahre alte Einsteigerin hat Wucherer noch das Skifahren beigebracht.

Der Regelfall ist aber, dass es Senioren nach längerer Ski-Pause doch nochmal probieren wollen. „Sie blühen auf, ihre Augen leuchten. Das Skifahren gibt ihnen ein Stück neue Lebensqualität: Die erlernten Fähigkeiten machen sich auch in der Alltagsmotorik positiv bemerkbar“, sagt Wucherer.

Richtige Technik für ältere Wintersportler

Das DSLV-Ausbildungsprogramm beinhaltet entsprechende Schulungen, damit die Skilehrer in den Profi-Skischulen genau die Bedürfnisse der älteren Kunden kennen. „Wer mit älteren Skikurs-Teilnehmern arbeitet, der muss selbst zu 100 Prozent verstehen, was er lehrt. Denn die Kunden möchten alles genau verstehen“, erläutert Wucherer. Hier sieht der 70-jährige Skilehrer einen entscheidenden Unterschied zu Kindern: „Die wollen einfach loslegen.“

Bei Erwachsenen und Senioren anders: Hier wird ein kognitiver Unterricht statt spielerischer Übungen verlangt. Hinzu kommt Wucherer zufolge der emotionale Aspekt: Das „Gesamtpaket Skierlebnis“ muss stimmen. Dazu gehören das lockere Gespräch, das Naturerlebnis und der Einkehrschwung.

Vor allem aber die adäquate Technik. „Ältere wollen nicht mehr Vollgas geben. Für sie ist es nicht wichtig, ohne Tempoverlust die Kurve zu fahren“, sagt Wucherer. Für den praktischen Unterricht bedeutet das: mehr Rutschphasen erlauben. Bei jungen Fahrern wird darauf geachtet, dass sie bei Kurven ihren Außenski belasten. Rennfahrer, die Wucherer ebenfalls schult, carven über die Innenkante am Außenski. „Ältere dagegen können das Gewicht mehr auf beide Beine legen, auf weniger aufgekantetem Ski fahren, größere Radien wählen – und eben ein bisschen rutschen“, erklärt der 70-Jährige.

Sicherheit hat Priorität

Auch beim Einleiten des Schwungs sind Unterschiede zwischen den Generationen zu erkennen. Junge Fahrern legen das Augenmerk auf maximale Spannung, um eine Körperrotation zu vermeiden – die Drehung der Ski erfolgt aus den Sprung- und Kniegelenken. „Bei Senioren ist genau diese Rotation mit dem Körper zur Schwungeinleitung in Ordnung“, sagt Wucherer. Denn dreht der ganze Körper mit in die neue Kurve, folgen die Ski fast automatisch. „Mit ein paar Tipps lässt es sich so ermüdungsfrei fahren.“ Im Alter ein entscheidender Faktor, denn die Ermüdung setzt früher ein, das Verletzungsrisiko steigt.

Ansonsten gilt das Motto: Stürze vermeiden – Sicherheit hat Priorität. Wichtig für ein sturzfreies Fahren sei die Balance. „Neben der Technik spielt das Gleichgewicht eine entscheidende Rolle.“ Wucherers Rezept: „Der Bauchnabel ist immer vor den Schuhspitzen.“ Für die Psyche spiele zudem das Tempo eine wichtige Rolle – bloß nicht zu schnell, für eine angstfreie Lernatmosphäre gelte bei Senioren vielmehr: „Alles ganz langsam.“ Wucherer, der als Technischer Delegierter bei Weltcuprennen immer noch in flotter Fahrt die Streckensicherheit prüft, möchte seinen Altersgenossen vor allem Genuss vermitteln. Die Begeisterung für den Skisport. Das Credo des 70-Jährigen: „Niemand sollte Angst, sondern den Mut haben, das Skifahren nochmal anzupacken. Ein Skitag mit Freunden, das Draußensein, ein gemütliches Beisammensein auf der Hütte – das ist Lebensqualität, für die es nie zu spät ist.“

Keine Angst auf der Piste

Daran arbeitet auch Michael Maier (46) in der Skischule „Top on Snow“ am Sudelfeld. Bei seinen „Schneevitalkursen“ setzt er auf ein Kompetenzteam: erfahrene, ältere Skilehrer sowie eine Psychologin für die ganz schweren Fälle. „Viele haben ein psychisches Hemmnis. Ski fahren ist für sie eine Art Angstbewältigung.“ In einer Checkliste fragt er die Vorgeschichte ab, schnürt dann ein individuelles Schulungspaket. Pistenwahl, Uhrzeit des Unterrichts je nach Schneeverhältnissen, Ski- und Schuhwahl – nichts wird dem Zufall überlassen. Gerade die richtige Materialwahl sei sehr wichtig – beim Ski rät Maier zum Tip-Rocker: „Der dreht leicht und bietet hinten zugleich genug Stabilität zum Driften.“ Dass Ältere wieder verstärkt Ski fahren, sei fast ein Trend: „Die Zuwachsrate ist ordentlich, die Senioren auf der Piste werden wieder mehr.“

Von Martin Becker

Darauf kommt es an beim gesundheitsbewussten Skifahren

Skifahren nach einer Verletzung oder Operation, vielleicht sogar mit einer Prothese – geht das überhaupt?

Je älter man ist, desto vorsichtiger sollten Wintersportler sein: Die Muskelmasse schrumpft, die Ausdauerleistungsfähigkeit sinkt und auch die Gleichgewichtsfähigkeit sowie das Reaktionsvermögen nehmen ab. Außerdem verlieren Knorpel und Bandscheiben mit den Jahren an Flüssigkeit, sodass schmerzhafte Gelenkprobleme auftreten können. Natürliche Alterungsprozesse – darauf sollte die Technik beim Skifahren angepasst werden. Der Deutsche Skiverband gibt Tipps zum sogenannten Schonskilauf.

DSV-Experten wie Dr. Ralf Holzer, Oberarzt am Klinikum Rosenheim und Mitglied des vom Bundeslehrteams Alpin, empfehlen eine höhere Grundposition sowie dosierte Streck- und Beugebewegungen: Dies helfe dabei, den Bewegungsaufwand zu optimieren und kraftsparend zu fahren. Außerdem sollten in den Kurven beide Ski nahezu gleichmäßig belastet werden.

Generell sei es ratsam, beim Schonskilauf nur rote und blaue Pisten aufzusuchen, empfiehlt der DSV-Experte. Wird es allerdings doch einmal zu schnell oder zu steil, können durch Ausstemmen des Außenskis der Schwungwinkel verkürzt und die Geschwindigkeit gelenkschonend kontrolliert werden. „Letztlich dreht sich alles ums Kanten und Belasten zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Intensität“, erläutert Dr. Holzer, der den Schonskilauf als eine „Ökonomisierung der Gelenke“ bezeichnet.

DSV-Experten-Tipps: Gesundheitsbewusstes Skifahren (Ski Alpin)

 

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