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Bei guter Vorbereitung – vom Material bis zur Routenwahl – sind Skitouren auch schon mit Kindern möglich. Mit Tiefschnee kommen Kinder meist gut zurecht, sofern sie diese Schneeart zuvor in Pistennähe schon mal ausprobiert haben.

Skitouren mit Kindern

Mit dem Papa als Packesel

Die Boom-Wintersportart der vergangenen Jahre ist zweifellos das Skitourengehen. Und diejenigen, die mit Fellen unter den Skiern auf Berge steigen...

und dann durch den Tiefschnee wieder hinunterfahren, werden immer jünger: Skitourenbegeisterte Eltern nehmen mittlerweile ihre Kinder mit.

Skitouren mit Kindern – geht das überhaupt? Ja, durchaus. Bernhard Ziegler (49), unter anderem Spritztouren-Autor bei unserer Zeitung, hat darüber jetzt ein Buch geschrieben. Und Olaf Perwitzschky (47), Redakteur beim Fachmagazin Alpin, hat seine Kinder schon im Alter von sechs Jahren „mit extrem improvisierten Ski“ erstmals mit auf Tour genommen. Die beiden Familienväter berichten über ihre Erfahrungen.

Auf jeden Fall müssen Touren ausgewählt werden, die nicht zu schwierig und frei von Lawinengefahr sind.

Die erste Frage ist die nach dem richtigen Zeitpunkt. „Ein negatives Erlebnis kann so prägend sein, dass ein Kind später, auch wenn es dann die körperlichen Voraussetzungen erfüllt, einfach keine Lust auf Skitouren hat“, warnt Bernhard Ziegler vor übertriebenem Eifer. Sein Rat: „Lieber ein oder zwei Jahre länger warten, als ein Kind mit einer Skitour zu überfordern.“ Das Problem sei weniger die Kondition, die bewegungsfreudige Kinder in der Regel hätten, eher fehle es an der Körperkraft für den Aufstieg und fürs Skifahren abseits der Piste (das vorher unbedingt geübt werden sollte, beispielsweise bei Neuschnee neben dem Pistenrand).

Skitouren-Ausrüstung für Kinder

Die einen fangen mit acht Jahren an, die anderen mit zwölf. Wie auch immer, ein Problem bleibt das gleiche: Es gibt bis dato keine Skitouren-Ausrüstung für Kinder. Also müssen Eltern ein wenig basteln. Und das ist gar nicht so billig. „Aber auch nicht so kompliziert“, findet Olaf Perwitzschky.

An Verpflegung sollte es nicht mangeln – ein Schneekuchen hebt Laune und Motivation.

Weil die Hersteller keinen speziellen Kinder-Tourenski produzieren, müssen alte Pistenskier hergenommen werden: Breit, tailliert und leicht sollten sie sein. Aber welche Bindung montieren, die sowohl für Aufstieg als auch Abfahrt taugt? Mit der „Silvretta pure Kidz“ ist erst eine einzige Kinder-Tourenbindung auf den Markt gekommen, die Produktion aber wieder eingestellt worden – gebrauchte Modelle lassen sich eventuell im Internet ersteigern. Von Bindungseinsätzen (beispielsweise von BCA Alpine Trekker oder von Koch alpin) rät Perwitzschky ab: „Viel zu schwer und zu wackelig.“ Der Vater, Fachjournalist und staatlich geprüfte Bergführer hat seinen Kindern lieber die alte Baureihe der Tourenbindung Fritschi Diamir Explorer in Größe S montiert (kostet gebraucht etwa 150 Euro). Sie funktioniert bis Schuhgröße 35 (danach Größe M), und vor allem geht der Z-Wert hinunter bis drei (das Dynafit-Bindungssystem beginnt erst bei fünf). Ein niedriger Auslösewert ist wichtig, damit sich die Bindung bei einem Sturz öffnet.

Nächster Punkt: die Spannklebe-Steigfelle, die beim Aufstieg die Skifläche bedecken. „Gerade für Kinder, die eine saubere Gehtechnik erst erlernen müssen, sollte das Fell genau auf Ski und Taillierung zugeschnitten sein“, sagt Bernhard Ziegler. In der Regel wird man also alte Erwachsenenfelle zuschneiden müssen. Mit etwa 60 Euro recht preisgünstige Haftfelle für Kinderski (125 bis 140 Zentimeter) gibt es inzwischen von einem Fellhersteller (Contour Basic Kids).

Skitourenstiefel für Kinder: Fehlanzeige. „Die Stückzahlen wären wohl zu gering, die Produktion nicht lohnend“, vermutet Ziegler. Also muss man in der Regel normale Pistenschuhe benutzen (keine Heckeinsteiger) und sie im Aufstieg oben komplett offen lassen. Bei älteren, größeren Kindern lohnt eventuell ein nicht zu hoher Damentourenstiefel.

In der Summe kommt da trotzdem einiges an Gewicht zusammen – ein Erwachsener hat mit leichten Tourenski, -bindung und -schuh etwa 7,0 Kilo Gewicht an den Füßen, ein Kind 6,2 Kilo. „In der Relation zum Körpergewicht ist das Skitourengehen für Kinder also viel anstrengender als für Erwachsene“, betont Ziegler. „Entsprechend muss man Tempo, Tagesleistung, Pausen und Spuranlage anpassen. Am besten tragen Kinder gar keinen Rucksack – Packesel sind die Eltern.“

Ist die Ausrüstung beisammen, geht’s an die Tourenplanung. Eine Kinder-Skitour sollte absolut lawinensicher sein, zumal immer mit einem Sturz (= große Zusatzbelastung für die Tiefschneedecke) zu rechnen ist. Beim Anlegen der Aufstiegsspur gilt es ebenso, auf einen kindgerechten Stil zu achten: keine Spitzkehren, nie zu steil. Und abwechslungsreich muss das Gelände sein! „Bloß keine langweiligen Ziehwege“, weiß Perwitzschky. „Lieber durch Wald und Bäume, am besten, wenn es schneit. Im Idealfall ist oben eine Hütte.“ Wichtig sind Pausen mit Süßigkeiten und Tee als Stärkung sowie ein Blick für Details am Rande: Kinder finden Tierspuren im Winterwald interessanter als den Fernblick zum Großglockner am Horizont. In puncto Abfahrt hat Perwitzschky erfreut festgestellt, „dass Kinder den Tiefschnee lieben und oft ganz gut fahren können“. Ziegler, der in seinem Buch 25 kindertaugliche Kinder-Skitouren vorstellt, fast zusammen, worauf es letztlich ankommt: „Möglichst viel Spaß, möglichst wenig Stress!“

Buchtipp

„Skitouren mit Kindern“ von Bernhard Ziegler, Tourentipp-Verlag, ISBN 978-3-9815978-0-6, 19,95 Euro.

Von Martin Becker

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