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Der Traum eines jedes Skitourengehers: die Abfahrt durch unverspurten Tiefschnee.

30 Jahre Low-Tech

Die Geschichte der Skitourenbindungen 

Man muss mit ihnen komfortabel bergauf gehen und sicher in jeder Form von Tiefschnee wieder runterfahren können: Skitourenbindungen sind Multi-Talente.

Weil das Skibergsteigen zudem ziemlich anstrengend ist, spielt das Gewicht ein große Rolle. Je leichter die Bindung, desto geringer die Mühe. Vorreiter der Leichtgewichts-Bindungen ist seit 30 Jahren die Firma Dynafit, die dieses Jubiläum unter anderem auf der Sportartikelmesse Ispo in München feiert.

„Fortschritt aus Faulheit“

In einem schlichten, hellbraunen Koffer aus Kunstleder steckt die ganze Geschichte. Die der Leichtgewichts-Bindungen für Tourengeher. Und die von Fritz Barthel. Der Österreicher ist der kluge Kopf hinter dem Bindungssystem. Der Erfinder. Der Revolutionär. Und der Mann, dessen Patent den Skitourensport nachhaltig verändert hat.

Fritz Barthel tüftelte vor 30 Jahren an einer leichten Bindung für Skitourengeher.

Als Fritz Barthel in der Schweiz, in 1772 Metern Höhe, die Gaststube vom Berghaus Sulzfluh betritt, brandet spontan Applaus auf. Als der 54-Jährige wenig später bei seinem Vortrag vor einer internationalen Journalistenrunde den Bindungs-Prototyp aus dem Koffer zieht, ertönt ein Raunen: Wie bitte, mit dieser Konstruktion soll(te) man Ski fahren können? Als der Österreicher die Bilder seiner Anfangsversuche auf die Leinwand beamt, hallt Gelächter durch die Hütte. Und auch Fritz Barthel muss schmunzeln beim Anblick seiner wilden Stürze.

Der Prototyp vor 30 Jahren.

Die Idee, eine Alternative zu den (heute noch gebräuchlichen und deutlich schwereren) Rahmenbindungen zu entwickeln, kam Fritz Barthel 1982 bei einer Skitour auf den Mont Blanc. Eine gehörige Quälerei sei das damals gewesen. „Faulheit ist die Grundlage des Fortschritts“, sinniert er rückblickend. Und weil er sich plagen wollte, tüftelte er an einer revolutionären Konstruktion: „Der schwere Rahmen der Bindung musste durch den Schuh ersetzt werden, wenn man richtig Gewicht sparen wollte, das mit jedem Schritt bewegt werden muss.“

Kein Interesse der großen Firmen

In einer kleinen Kellerwerkstatt in Tirol fing bald alles an. Daheim in Bad Häring schraubte und fräste und sägte Fritz Barthel. Besessen von der Vision, soviel Gewicht wie möglich zu sparen und so wenig wie möglich an Funktionalität einzubüßen.

Zukunft: die Dynafit-Bindung „Radical 2“ für den nächsten Winter.

Nachdem der Prototyp diese Ideale nicht erfüllt hatte, folgte Variante zwei: eine rote Metallkonstruktion mit Frontzapfen, die in speziellen Kerben im Skischuh einrasteten. Minimalistisch, aber genial – der Vorläufer der heutigen Pin-Bindungssysteme, die jetzt andere Hersteller kopieren. Das Original, auf ein Holzbrett gereicht, macht ihm Berghaus Sulzfluh die Runde. Jeder darf es einmal anfassen, bestaunen.

Doch die Geschichte geht weiter. 1984 ließ sich Fritz Barthel sein System patentieren. Und bot es nun großen Bindungsfirmen an, unter anderem Marker und Salomon. Danke, kein Interesse – die Resonanz war miserabel.

Also baute Fritz Barthel seine Bindungen vorerst zum Selbstzweck. In kleinen Mengen. Für sich und für gute Bekannte. Zehn Paar im ersten Jahr. Weil er für seine Bindung aber spezielle Skischuhe benötigte, nämlich eine mit je einer Kerbe an beiden Seiten der Fußspitze, kooperierte der Österreicher damals schon mit der Firma Dynafit: Die baute entsprechende Inserts in ihre Schuhe ein. Zunächst war es eine Einbahnstraße: Barthel kaufte massenweise Dynafit-Skischuhe, damit Interessenten seine Bindung überhaupt benutzen konnten. Daraus wurde schließlich mehr: 1989 stieg Dynafit groß in das Geschäft mit den Leichtgewichtsbindungen ein – sie gelten heute als Sinnbild für ambitionierten Skitourensport.

Noch einmal sorgt der Österreicher für herzhafte Lacher im Berghaus Sulzfluh. Welchen Namen er seiner Erfindung damals geben wollte? „Primitiva 2000“ oder „TorTour“ lauteten zwei Vorschläge – der Begriff „Low-Tech“ setzte sich letztlich durch.

Apropos Marketing: Die Strategen setzten noch eins drauf, kreierten ein weißes Low-Tech-Stirnband mit Applikation. Die Botschaft: Eine Leichtgewichtsbindung verleiht Flügel. Fast im Sinne eines heutigen Energiedrinks. Wie auch immer, im Lauf der Jahre erreichte Fritz Barthels Erfindung Kultstatus in der Tourengeherszene. Und sein Stirnband auch, weshalb er es an diesem Abend in der Schweizer Berghütte gar nicht mehr abnimmt.

Auf der Sportartikelmesse Ispo in München feiert Dynafit dieser Tage „30 Jahre Low-Tech“. Und bringt für die Wintersaison 2014/15 eine Jubiläumsbindung heraus: Das neue Modell „Radical 2“ mit Rotationsvorderbacken als größter Neuerung (er fungiert einerseits als Auslösevorrichtung, wirkt andererseits einer ungewollten Frühausläsung bei seitlichen Schlägen entgegen) soll nur 599 Gramm wiegen und – dies in einer limitierten Auflage von 2200 Paaren – mit vergoldeten Bauteilen auf den Markt kommen.

Leichtgewichts-Boom findet Nachahmer

Der Dynafit- und Leichtgewichts-Boom hat inzwischen auch die Konkurrenz umdenken lassen. So präsentieren auf der Ispo langjährige Verfechter herkömmlicher Tourenbindungssysteme jetzt Leichtgewichte, die optisch stark den Dynafit-Bindungen ähneln: Diamir Fritschi nach der „Zenith 12“ von 2013 jetzt überarbeitet als „Vipec 12“, Skitrab die „TR 2“.

Heiner Oberrauch (56), oberster Chef der Firmengruppe, kam von Südtirol in die Schweiz, um mit auf 30 Jahre Leichtgewichtsbindung anzustoßen. Dass es jetzt prominente Nachahmer gibt, stört Oberrauch nicht: „Nein, das ist eine persönliche Bestätigung für unsere Arbeit. Und ich sehe das sportlich – Druck von anderen bedeutet für uns Ansporn, immer wieder die Komfortzone zu verlassen.“

Und Fritz Barthel? Als fast alle schon im Bett liegen, die Sterne über dem Berghaus Sulzfluh glitzern, sitzt er bei einem Glas Bier im kleinen Kreis. Erzählt Anekdoten aus alten Zeiten. Und obwohl der Kachelofen gut wärmt und uns nicht mehr nach einer Mitternachts-Skitour zumute ist: Das Flügel-Stirnband zieht der Bindungs-Guru an diesem Abend nicht mehr aus.

Von Martin Becker

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