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Nur noch Schneereste säumen den südseitigen Anstieg über Lausberg und Signalkopf zum 1961 Meter hohen Seinskopf bei Krün.

Mehr Sein als Schein

Frühjahrstour auf den Seinskopf bei Mittenwald

„Geht’s jetzt bald mit Bergschuhen statt mit Tourenski hinauf?“, heißt Anfang/Mitte Mai die häufig an Experten gestellte Frage.  Die Antwort ist dann vieldeutig: „Kommt drauf an!“

Je sonniger, desto früher, heißt die einfache und eigentlich jedes Jahr geltende Devise. Doch wo genau man nun trockenen Fußes an der 2000-Meter-Marke kratzen kann, ist auch für alte Hasen eine immer wieder spannende Frage.

Und um eine passende Antwort zu bekommen, ist ein Trip zur janusköpfigen Soierngruppe eine gute Idee. Deren schattige, zum Soiernsee abstürzende Nordhänge bieten einerseits „Figl-Fans“ manchmal bis in den Juni hinein guten Firn. Auf der sonnenverwöhnten Südseite von Feldernkopf, Soiernspitze & Co. schmilzt die weiße Pracht andererseits an warmen Mai-Tagen so schnell dahin, dass man fast zuschauen kann, wie die violetten Blütenknospen der Soldanellen die Schneeschichten durchbrechen.

Zudem ist die Soierngruppe dem Karwendelgebirge direkt vorgelagert, was besonders tolle Aussichten auf den großen Bruder ermöglicht. Absolut eindrucksvoll sind auch die Fernblicke nach Westen auf Wetterstein und Werdenfelser Land.

Schlüssel- statt Schneeblumen

Ein Blick auf die einschlägige Karte weist in puncto Tourenwahl eindeutig den 1962 Meter hohen Seinskopf als einen vielversprechenden Soiern-Berg aus. Erstens kann man die lange Fahrstraße Richtung Vereiner Alm vergleichsweise früh verlassen. Vor allem aber verläuft der Anstieg über Lausberg und Signalkopf über einen komplett südexponierten Bergrücken.

Die einzige Unsicherheit, ob zu Beginn ein dichter Wald der Schneedecke Asyl bietet, ist mithilfe von Google Maps mit wenigen Klicks geklärt. Bei höchster Auflösung der Satellitenbild-Funktion ist gut zu erkennen, dass sich schmale Serpentinen durch einen ziemlich lichten Bergwald in Richtung Lausberg hinaufschlängeln Das Beste an der digitalen Informationsquelle ist die Tatsache, dass sie vor Ort hält, was sie verspricht.

Nach nicht einmal 50 Höhenmetern wandern Mütze und Hardshell in den Rucksack und Sonnenbrille plus Schirmmütze auf den Kopf. Schlüssel- statt Schneeblumen begleiten den Aufstieg in die Latschenzone, wo der eine oder andere weiße Fleck darauf hofft, den kommenden Sommer im Schatten der Bergkiefern zu überleben. Mutterseelenallein genießen Mai-Wanderer das ab dem Lausberg umwerfende 360-Grad-Panorama und pfeifen auf die paar Schneefelder, die auf dem nun deutlich flacheren Rücken dann doch zu queren sind. Und zwar immer dort, wo der Steig leicht nach Nordwesten hin schwenkt. Nachdem man den direkt auf dem Weg liegenden Signalkopf mit einer kleinen Kletter-Einlage erklommen hat, geht es zuletzt über einen sonnigen Wiesenhang hinauf. Zuletzt wird der aussichtsreiche Seinskopf über den schönen Gipfelrücken erreicht. Hier wird die Stille unter Umständen abrupt zerschnitten. Und zwar genau dann, wenn sich von der noch oft noch weißen Nordflanke her ein Bergsteiger keuchend und vielleicht auch fluchend durch den Nassschnee in Richtung Gipfel kämpft: Auch in den Bergen kommt es eben darauf an, immer auf der richtigen Seite zu stehen...

Von Michael Pröttel

Seinskopf (1961 Meter)

ANFAHRT – A 95 München – Garmisch-Partenkirchen bis Autobahnende. B 2 über GAP weiter Richtung Mittenwald. Kurz davor – in Höhe des Campingplatz Isarhorn – nach links abzweigen und kleiner Straße bergan zum Parkplatz folgen.

TOUR – Vom Parkplatz geht man rechts an der unbewirteten Seinsalm vorbei und folgt ein langes Stück der breiten Fahrstraße Richtung „Vereiner Alm/ Kriner-Kofler-Hütte“. Auf dieser geht es bald etwas steiler und später wieder flacher bergan. Nach einer guten halben Stunde muss man aufpassen.

Noch bevor man die Ochsenalm erreicht hat – sieht man die Blockhütte links von sich liegen, ist man also zu weit gegangen – weist ein kleines Schild auf den Anstieg über den Lausberg zum Signalkopf hin. Sogleich geht es auf einem schmalen Bergweg über steile Waldhänge nach Norden hinauf. Da der Wald ziemlich licht ist, wird der Südanstieg stark von der Sonne verwöhnt. An heißen Tagen muss man also genügend Wasser mitnehmen.

Dafür gibt es schöne Aussichten schon nach vergleichsweise kurzer Zeit. Schließlich lösen niedrigere Latschen die Kieferbestände ab, das Gelände wird etwas flacher und man erreicht den breiten, flachen Gipfel des 1855 Meter hohen Lausbergs. Ab jetzt wird der Weg besonders abwechslungsreich und führt im Latschenbereich an kleinen Felsen vorbei. Bald kann man einen kleinen Kletter-Abstecher zum nächsten Gipfel, dem Signalkopf unternehmen. Weiter in Nordostrichtung zieht der Anstieg zuletzt auf den freien, da oberhalb der Latschenzone gelegenen Seinskopf (1961 m) zu, den man schließlich nahezu weglos erreicht, indem man sich vom Hauptweg (dieser führt weiter Richtung Feldernkreuz) zuletzt nach halblinks abwendet. Der Abstieg erfolgt auf dem Anstiegsweg.

Gehzeiten: Hin und zurück 5 ½ Std. Strecke: 8 Km. Höhendifferenz: 1050 Hm.

Start: Wanderparkplatz Seinsalm. Ausrüstung: Feste Bergschuhe mit gutem Profil plus Wanderstöcke und evtl. Gamaschen.

TIPP – Sollte am Abschnitt vom Lausberg zum Seinskopf noch zu viel Schnee liegen, ist der aussichtsreiche Lausberg für sich allein schon ein lohnendes Frühjahrsziel.

KARTE – Kompass-Karte 26, Karwendelgebirge.

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